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Bilderbuchforschung:"Ah, das ist anders"

Lars Burghardt forscht am Lehrstuhl für Elementar- und Familienpädagogik der Universität Bamberg. 2016 hat er eine Studie zur Geschlechterdarstellung in Bilderbüchern veröffentlicht.

(Foto: privat)

Kinder sollten von Büchern auch mal irritiert werden. Es müssen aber nicht alle Bücher mit Prinzessinnen und Piraten aus den Kinderzimmern verbannt werden. Kinder können selbst entscheiden, sagt der Bilderbuchforscher Lars Burghardt.

SZ: Herr Burghardt, müssen Eltern Bücher mit rosafarbenen Prinzessinnen und drachentötenden Prinzen aus den Kinderzimmern verbannen?

Lars Burghardt: Niemand will in den Kinderzimmern nur noch "politische korrekte" Bücher auslegen. Kinder sollen selbst entscheiden dürfen - auch wenn das glitzernde, pinkfarbene Buch meinen eigenen hehren pädagogischen Zielen widerspricht. Aber die Vielfalt in Kinderbüchern ist wichtig, damit Mädchen merken, dass sie die brave Prinzessin und genauso die wilde Rabaukin sein dürfen. Und damit Jungs sehen, dass sie auch lange Haare haben und mal weinen dürfen.

Welche Bedeutung haben Kinderbücher überhaupt für die Vorstellung von Geschlechterrollen?

Schon in der frühen Kindheit, also im Alter von zwei, drei Jahren, bilden sich Geschlechtsvorstellungen aus. Kinder fangen an zu begreifen, was ein Junge und was ein Mädchen ist. Gleichzeitig sind in diesem Alter Bilderbücher omnipräsent, und die Figuren darin haben Vorbildcharakter: Wenn immer süße Prinzessinnen oder tollkühne Helden abgebildet sind, hat das einen subjektivierenden Effekt. Das ist in Ordnung, solange sich die Kinder damit identifizieren - aber wenn ein Mädchen nicht die süße Prinzessin sein will, wirkt das einschränkend. Und wenn umgekehrt Jungs mal als verletzlich dargestellt werden, kann das auch ermöglichend wirken.

Sie haben 6000 Figuren aus Bilderbüchern untersucht, die derzeit in Kitas verwendet werden. Bieten die Geschichten denn solche Möglichkeiten jenseits der Klischees?

Das Geschlechterverhältnis bei den Protagonisten gleicht sich allmählich an. Es gibt mehr und auch aktivere weibliche Figuren und insgesamt kann man auf dem Markt eine Tendenz zu Starke-Mädchen-Büchern beobachten. Aber das sind eher Ausnahmen, und es gibt nicht das Äquivalent der "Schwache"-Jungs-Bücher. Was Geschlechtervorstellungen angeht, ist der Großteil des Bilderbuchmarkts immer noch von Stereotypen durchzogen.

Wie genau transportieren Kinderbücher denn Stereotype?

Das fängt bei der Optik an: Die klassischen Farben für Jungs sind noch immer blau, grau und grün, für Mädels rosa und rot. Und nicht nur unsere, auch andere Studien zeigen, dass Jungs in der Regel als mutig und stark und nur selten als verletzlich dargestellt werden. Bei Eltern herrscht meistens immer noch die klassische Rollenverteilung vor: Frauen kümmern sich um den Haushalt, Männer werden im Haus oft gar nicht dargestellt - und wenn doch, dann sitzt der Papa ganz traditionell mit der Zeitung in der Hand am Tisch. Umgekehrt sieht man Männer oft im Beruf, Frauen hingegen kaum.

In vielen Familien ist diese Rollenverteilung Alltag - sollten Bücher den nicht auch spiegeln?

Bücher zeigen natürlich oft Situationen aus der kindlichen Lebenswelt, das ist auch wichtig. Aber es sollte trotzdem daneben andere Darstellungen geben, damit die Kinder sehen: Ah, das ist anders als bei uns zu Hause, aber auch das funktioniert: Doppelverdienerpaare und Alleinerziehende, Regenbogen- und Patchworkfamilien, Prinzessinnen und Rabaukinnen. Kinder sollten auch mal irritiert werden, damit sie ihren Blick weiten können. Aber vorrangig wird im Mainstream der Kinderbuchliteratur eine vermeintlich heile Welt aus Vater, Mutter, Kind gezeigt. Wir haben bei unserer Untersuchung von 6000 Bilderbüchern zum Beispiel keine alleinerziehenden oder behinderten Menschen gefunden.

Wir haben heute Vätermonate, immer mehr Frauen in Führungspositionen und eine Kanzlerin. Halten Kinderbücher mit der gesellschaftlichen Entwicklung nicht Schritt?

Wenn man in Bilderbücher schaut, geht es oft nicht so gleichberechtigt zu, wie wir es gerne hätten. Mit der Emanzipationsbewegung in den Siebzigerjahren haben sich auch die Bücher angepasst, aber das hat sich nicht in dem Maße fortgesetzt. Die Verlage profitieren natürlich davon, dass rosa Glitzer bei vielen Mädchen funktioniert. Und wenn Erwachsene nach einem Buch für ihr Patenkind fragen, ist die erste Frage in der Buchhandlung nicht, was das Kind interessiert, sondern ob es für einen Jungen oder ein Mädchen ist. Aber immerhin: Auch ein stereotypes Buch kann ein wunderbarer Anlass sein, auf kindgerechter Ebene diese Darstellungen zu hinterfragen.