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Bilderbuch über Häuser:Die Jurte auf  Rücken des Yaks

Kinder erzählen, wie sie leben, und zeigen, wie unterschiedlich ihre Wohnungen sind und dass Heimat auf der ganzen Welt sehr anders aussehen kann.

Von Laura Weißmüller

Wie stark die ersten Kindheitsjahre einen Menschen prägen, merkt man auch daran, was Heimat bedeutet. Ist es das Haus mit Garten, wo die Terrassentür immer offenstand? Die Wohnung im 17. Stock eines Hochhauses, wo gleich der ganze Block samt Bäcker an der Ecke Heimatgefühle auslöst? Oder vielleicht die Jurte aus mehreren Lagen Wollfilz, die sich auf den Rücken eines Yaks spannen lässt, wenn das Zuhause ein paar Berge weiterziehen soll?

Wie verschieden die Häuser dieser Welt aussehen können, das führt auf faszinierende Weise das Bilderbuch "Wo wir zu Hause sind" der norwegischen Künstlerin Signe Torp vor Augen. Denn die darin vorgestellten Häuser könnten nicht unterschiedlicher sein. Da gibt es das Iglu in Kanada, das mit der eigenen Körperwärme beheizt wird, das Stelzenhaus auf dem Tonle Sap in Kambodscha, das zum Baumhaus wird, wenn das Wasser niedrig steht, oder auch den Wohnhof in Peking, wo das Eingangstor knallrot gestrichen ist, weil das Glück bringen soll. Die Illustrationen der Norwegerin nehmen einen dabei höchst anschaulich mit auf diese spezielle Reise um den Erdball. Mit viel Liebe und Details wird jedes der zehn Häuser eingeführt, manchmal gibt es Doppelseiten zum Aufklappen, immer viel zu entdecken - nicht nur für kleine Betrachter: Wer hätte schon gewusst, dass Baumhäuser in Vanuatu, Ozeanien, auf Luftwurzeln des Banyanbaums gesetzt werden, oder dass es im Rittersaal deutscher Burgen das Symbol einer Schweigerose gibt, was bedeutet, dass "alles, was in diesem Raum gesagt wird, geheim bleiben soll"? Zudem gibt es ein Glossar, das das nicht eben kleine Kunststück vollbringt, schwierige Wörter anschauliche zu erklären, eine Isolierung sei "eine Art Mantel für Häuser".

Einziger Wermutstropfen ist, dass sich dieses Buch nicht traut, seinen Lesern und Betrachtern ein Stück der eher düsteren Wohn-Gegenwart zuzumuten. Darauf hinzuweisen, ohne ins Dystopische zu kippen, dass die Zahl der Wohnhöfe in China stetig schrumpft, weil sie so häufig abgerissen werden, ein Penthouse in New York sich nur die Oberschicht leisten kann oder der Tonle Sap mit Überfischung und Umweltverschmutzung zu kämpfen hat. Wie wir wohnen, reflektiert unsere Welt. Kinder auf die Missstände aufmerksam zu machen bedeutet nicht, ihre Freude am Entdecken zu schmälern, sondern dürfte eher dazu führen, sie für den Kampf gegen Ungerechtigkeiten zu sensibilisieren.

Torps Strich erinnert zuweilen an Kinderzeichnungen. Was für das Buch umso mehr passt, weil zehn Kinder hier ihr jeweiliges Zuhause vorstellen. Damit wird wie nebenbei auch klar: Das Leben auf diesem Erdball ist divers und löst doch bei seinen Bewohnern stets das Gleiche aus: ein Gefühl von Heimat.

Signe Torp: Wo wir zu Hause sind, E. A. Seemann Henschel Verlag, Leipzig 2020, 48 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 31.12.2020
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