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Bildband:Mit eigenen Augen

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(Foto: Patrick Cooper)

Der Verlag Steidl hat mit "Autopsie" zwei massive Bände zur Buchgestaltung in der Weimarer Republik vorgelegt. Sie sind schon optisch eine Sensation.

Von Catrin Lorch

Der Verlag Steidl hat jetzt "Autopsie" vorgelegt, ein zweibändiges, massives Werk über "Deutschsprachige Fotobücher. 1918-1945", das auf mehr als tausend Seiten Raum findet für eine reflektierte kunsthistorische Betrachtung: zu Aspekten wie "Vom Imaginären Weltkunst-Museum zur Neuen Sachlichkeit", "Ideologischen Inszenierungen" oder "Von der Bibliophilie zur Propaganda" (Hrsg. Manfred Heiting, Roland Jaeger, 1172 Seiten, je 95 Euro; Abb. aus Band 2: Buchplakat wohl von Alfred Herrmann für Abu Marküb von Bengt Berg, 1926 ).

Damit umfasst "Autopsie" eine Zeitspanne von den Anfängen der modernen deutschen Buchgestaltung nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Propaganda der nationalsozialistischen Diktatur. Die Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre in Deutschland gelten für die Entwicklung der Gestaltung - in Reklame, Typografie, Grafik, Buchkunst - als herausragende Epoche der Moderne. Ästhetisch angetrieben von den Experimenten am Bauhaus, befeuert von der Begeisterung für das Medium Fotografie. Nicht nur Klassiker wie Karl Blossfelds Pflanzenaufnahmen oder Albert Renger-Patzschs "Die Welt ist schön" dokumentierten mit lexikalischem Anspruch die Umwelt - auch Betrachtungen zu Sport und Kunst, Tier- und Reisebücher überschwemmten den Markt. Eine Phase, die mit der Diktatur endete, die Deutschland alle Moderne wieder auszutreiben versuchte: Die schlanken Schriften mussten schwerer Fraktur weichen, dynamische Cover wurden durch altbackene Ordnung abgelöst. Bücher wie "Das politische Theater", die überaus erfolgreichen Bauhaus-Bücher, wo Klassiker von Laszlo Moholy-Nagy zu Fotografie oder Grafik erschienen, Jan Tschicholds "Foto-Auge" oder die von John Heartfield gestalteten politischen Reihen des Malik-Verlags wurden abgelöst von Bildbänden zu "Bauten der Bewegung" oder zum "olympischen Dorf". Manche der Gestalter arrangierten sich mit den neuen Machthabern. Die wiederum schlachteten die Avantgarde aus, die Propaganda bediente sich vieler Gestaltungsmittel, die von den Visionären der Moderne entwickelt worden waren. "Autopsie" ist schon wegen der Fülle der Abbildungen optisch eine Sensation. Der Band seziert einzelne Buchseiten und Einbände und findet auch Raum, ganze Serien und Reihen abzubilden. So wird die "Autopsie", im eigentlichen Wortsinn, zur Untersuchung eines Gegenstandes "mit den eigenen Augen".

© SZ vom 27.10.2015
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