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Bildband:Mit beiden Füßen auf der Erde

Ein großer Atlas mit erstaunlichen Infografiken hilft, eine immer komplizierter werdende Welt wieder zu verstehen.

Eine der größten Lebenslügen der Musical-Fantasy stammt aus der Disney-Produktion "Mary Poppins" (1964), eingesungen von der lieblichen Julie Andrews: "Wenn ein Löffelchen voll Zucker bitt're Medizin versüßt, rutscht sie gleich noch mal so gut." Pfui! Bittere Medizin rutscht nie. Auch ist Medizin mit Zucker nur das: Medizin mit Zucker. Aber nichts Süßes.

Diesen Poppins-Effekt hat man oft bei der Betrachtung der stets wunderschön, gerne Conflakesschachtel-bunt und neon-grell gestalteten Infografiken, bei dem Überflug über Datenlandschaften und die immer überraschenden Karten, die hippe Illustratoren zu Kosmos, Körper, Kognitionen für den Band "Understanding the World. The Atlas of Infographics" (Sandra Rendgen, Julius Wiedemann. Taschen Verlag, Köln. 456 Seiten, 49,99 Euro) erstellt haben. Sie wollen dem an sich stummen, widerspenstigen Datensatz ein süßes Gleitmittel mitgeben, das ihn zum Sprechen bringt und bekömmlich macht.

Datenvisualisierung ist das Gebot der Stunde! Der Aufbau von globalen Datenbanken mit ihren nicht mehr überschaubaren, an sich bedeutungslosen, dummen Beständen hat die Frage nach deren kluger Ausbeutung unumgänglich gemacht. Unausgewertet droht ein düsteres Viel-zu-viel-von-allem. Den Informationsgesellschaften kommt in lauter Daten die Information abhanden. Hier wirken so fluffige Grafiken ein wenig wie analytische Stimmungsaufheller. Denn sie sind in etwa das, was Algorithmen für Computer sind: Hilfsmittel zur Erfassung eines Problems. So auch ein erster Schritt zu seiner Lösung?

Oben erkennt man den CO₂-Fußabdruck der Menschheit, links in absoluter Größe für Nationen, hier führen USA und China. Rechts in Relation zur Landesbevölkerung. Hier führen kleine Nationen, die viele Waren importieren müssen. Information wird zwar nicht schöner, wenn sie bunt ist. Doch wenigstens steht man damit wieder mit beiden Füßen auf der Erde.