Bernried Vom Schweigen und Rauschen der Farben

"Verschneite Schonung" nannte Schmidt-Rottluff 1964 das Ölbild aus der Sammlung Hermann Gerlinger, nun im Buchheim-Museum der Phantasie.

(Foto: VG Bild-Kunst, Bonn)

Sammler Hermann Gerlinger führt durch die Schmidt-Rottluff-Ausstellung im Buchheim-Museum und erzählt von Begegnungen

Von Sabine Reithmaier, Bernried

Karl Schmidt-Rottluff war ein großer Schweiger. Mit ihm am Tisch zu sitzen, konnte anstrengend sein. "Er hat kein Wort gesprochen", erinnert sich Hermann Gerlinger, "nur wohlwollend zugehört." Doch irgendwie spürte der introvertierte Maler, dass der junge Würzburger für seine Bilder brannte. Vielleicht hat er ihm deshalb sogar Werke verkauft, die eigentlich zu seinem Privatleben gehörten. Doch Gerlingers Leidenschaft ermöglicht es dem Buchheim-Museum nun, den "ganzen" Schmidt-Rottluff zu zeigen, von seinen Anfängen im Jahr 1899 bis zu den letzten Arbeiten aus dem Jahr 1974. Eine üppige, farbintensive Ausstellungen, die viele Entdeckungen ermöglicht.

Hermann Gerlinger hatte 2017 entschieden, seine Sammlung an den Starnberger See zu geben, eine perfekte Ergänzung und Erweiterung der dort vorhandenen Bestände. Während sich Lothar-Günther Buchheim auf die Hauptzeit der Künstlervereinigung "Die Brücke" konzentrierte, widmete sich Gerlinger zudem konsequent dem Früh- und Spätwerk der Brücke-Maler und macht dadurch Einblicke in deren Stilentwicklung möglich.

Ein Ausstellungsrundgang mit ihm ist eine vergnügliche Angelegenheit. Zu jedem seiner Bilder hat er eine Geschichte parat, sogar zu den ersten Lithografien Schmidt-Rottluffs, die fast wie Kohlezeichnungen wirken. Die "Mondnacht" (1906) gehörte zu jenen Blättern, die Gustav Schiefler, Kunstsammler und passives Brücke-Mitglied in Hamburg, Edvard Munch zeigte. Der norwegische Maler, als grandioser Neuerer gefeiert, erschrak zunächst. "Gott soll uns schützen, wir gehen schweren Zeiten entgegen", habe er gesagt, als er die Grafiken sah, erzählt Gerlinger. Aber schon am nächsten Morgen räumte er ein, die ganze Nacht "an die Sache" gedacht zu haben. Da stecke etwas Merkwürdiges drinnen, er sei sehr gespannt, weiter von dem Künstler zu hören. Munchs Verhältnis zur Brücke blieb trotzdem ambivalent: Trotz mehrfacher Einladungen Schmidt-Rottluffs nahm er nie an einer ihrer Ausstellungen teil.

Chronologisch startet der Rundgang mit technisch ziemlich perfekten, nach der Natur gemalten Landschaftsaquarellen des Gymnasiasten Schmidt - erst nach der Gründung der Brücke 1905 ergänzt er seinen Namen um seinen Herkunftsort. Oder mit seinem allerersten Ölgemälde, "Haus am Pleißebach in Rottluff", das der 17-Jährige 1902 malte. In den folgenden Jahren experimentiert Schmidt-Rottluff mit verschiedenen Stilen, strichelt mit Farbstiften pointillistisch eine "Landstraße im Frühling", fügt aber da schon die Strukturen zu scharf begrenzten Flächen zusammen, ein Vorgriff auf die stark kontrastierenden Farbfelder, mit denen er später seine Bilder komponiert. Immer flächiger bringt er die Farben auf. "Der Rhythmus, das Rauschen der Farben, das ist das, was mich immer bannt und beschäftigt", schreibt der Maler 1907 an Gustav Schiefler. Und er beginnt, als er sich von 1909 an verstärkt mit der Technik des Holzschnitts beschäftigt, die dort notwendigen formalen Vereinfachungen in die Malerei zu übertragen.

Schmidt-Rottluff redete nie über seine Kunst, er verweigerte jede Deutung, korrigierte auch zu seinen Lebzeiten keine Irrtümer der Kunstexegeten. Gerlinger stoppt vor der zersplittert kubistisch gemalten "Lesenden" (1912). Lange Zeit hielt es die Forschung für ein Porträt der Kunsthistorikerin Rosa Schapire, die Schmidt-Rottluff öfter gemalt und in Bildtiteln auch benannt hat. Als Gerlinger ihn fragte, ob er ihm dieses Gemälde von Rosa Schapire überlassen würde, stimmte er zu, sagte sonst nicht. Erst Jahre später entdeckte Gerlinger Briefe und Postkarten Else Lasker-Schülers an Schmidt-Rottluff, die eindeutig beweisen, dass die Dichterin das Modell war. " . . . habe mich in mein übergroßes Gemälde sterblich verliebt" , schrieb sie ihm und: "Ich brech' in Ihre Wohnung ein und raube mein Bild."

Schmidt-Rottluff war auch ein großer Schmuck-Designer, schuf aus Knochenstücken Reliefs oder Anhänger mit markantem Monogramm für seine Frau oder verwandelte Steine in kleine Skulpturen. Gerlinger hält vor zwei großen Selbstporträts des Künstlers aus dem Jahr 1968 an. Acht Aquarelle habe ihm Schmidt-Rottluff auf den Tisch gelegt und dann gesagt: "Suchen Sie sich eines aus." Gerlinger fühlte sich überfordert, er fand jedes Blatt in seiner Art war fantastisch. "Er sah meine Hilflosigkeit und bot an, sie gemeinsam durchzusehen." Blatt für Blatt und mit viel Selbstkritik - am Ende blieben zwei, die der Sammler kaufen durfte. Lange habe er geglaubt, es gäbe Dutzende Sammler, die bei Schmidt-Rottluff kauften, sagt Gerlinger. "Aber da war niemand. Nur ich."

Das Gemälde, das ihn emotional am meisten berührt, ist "Du und ich". Ein Paar, einander zugewandt, der Mann fasst mit einer scheuen Geste nach den Händen der Frau. 1919 hatte Schmidt-Rottluff dieses Bild seiner Frau Emy Frisch zur Hochzeit geschenkt. Daher rechnete sich Gerlinger, der das Gemälde 1975 zufällig in der Wohnung des Malers entdeckte, wenig Chancen aus, es zu erwerben. Aber plötzlich kam ein Brief: "Wenn Sie noch an dem Bild interessiert sind, ist es für Sie reserviert." Gerlinger setzte sich sofort ins Auto, durchquerte die DDR und holte das Bild. "Das war das letzte Mal, das ich Schmidt-Rottluff lebend gesehen haben", sagt er. Wenige Monate später starb der Maler. "Ich kann heute noch nicht verstehen, warum er mir, einem Sammler aus der Provinz, dieses wichtige Bild verkauft hat." Und es nicht dem von ihm initiierten Brücke-Museum gab, das den künstlerischen Nachlass des Malers besitzt. Gerlinger schüttelt den Kopf, die Geschichte erschüttert ihn bis heute tief.

Der 87-Jährige hat sich ein ungeheuer sympathisches Staunen über die Werke seiner Sammlung bewahrt. "Ich kann es manchmal nicht glauben, dass es so viele sind." Mehr als 1000 Werke umfasst sie, darunter 48 Gemälde der Brücke-Künstler. Nur zum Vergleich: Das Buchheim-Museum besitzt 33 Gemälde und 700 Grafiken der Brücke-Künstler. Dass es ihm gelungen ist, so eine qualitätvolle Sammlung aufzubauen, obwohl er - ein bisschen Understatement muss sein - doch nur einen mittelständischen, vom Vater übernommenen Handwerksbetrieb geleitet hat - "Heizung, Lüftung, Sanitär, ein Installationsgeschäft eben" -, das freut ihn. "Dabei wollte ich doch bloß für mich und meine Frau das Phänomen Brücke erkunden."

Das erste Werk, das er sich in Jahr 1950 kaufte, war übrigens auch ein Schmidt-Rottluff. Der Ingenieurstudent, der Albrecht Dürer verehrte, hatte in der Münchner Kunsthandlung Günther Frankes den Holzschnitt "Melancholia" entdeckt, eine Hommage Karl Schmidt-Rottluffs an Albrecht Dürer. Als der Galerist dem jungen Mann freundlich Ratenzahlung anbot, kaufte Gerlinger es. "Ich habe es fünfmarkweise abgestottert, aber das war mein Einstieg."

Schmidt-Rottluff. Form, Farbe, Ausdruck, bis 3. Februar, Buchheim-Museum der Phantasie, Bernried Führungen mit Hermann Gerlinger, 21. Oktober und 15. Dezember, jeweils 15 Uhr.