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Bernhard Schlink im Interview:"Ich wollte ein Volksschriftsteller werden"

Bernhard Schlink

"Wir lesen, weil wir mehr als ein Leben leben wollen, und wir schreiben, weil wir mehr als ein Leben leben wollen": Bernhard Schlink über sein Leben als Autor.

(Foto: Regina Schmeken)

Bernhard Schlink war Jura-Professor und Verfassungsrichter. Mit "Der Vorleser" schrieb er eines der meistverkauften Bücher der Nachkriegszeit. Bernhard Schlink über die Sehnsucht nach mehr als einem Leben.

Interview von Christian Mayer

Ein schlanker, hochgewachsener Herr öffnet die Tür zu seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg. Der Bestsellerautor Bernhard Schlink, 73, nimmt im Wohnzimmer Platz, das er sich mit seinen Büchern teilt; er spricht klar, besonnen, mit Gedankenpausen. Ein paar Mal muss er laut lachen, über verrückte Wendungen in seinem Doppelleben als Jurist und Schriftsteller.

SZ: Herr Schlink, an welche Momente in Ihrem Leben denken Sie sehnsuchtsvoll zurück?

Bernhard Schlink: Mit Sehnsucht denke ich an die Sommer als Kind bei den Großeltern in Küsnacht am Zürichsee zurück. An die erste Liebe, ein Mädchen aus meiner Schule, ich war 14. An die ersten Monate nach der Wiedervereinigung.

Wie hat das Ihr Leben verändert?

Ich wurde im Dezember 1989 gefragt, ob ich als Gast an der Humboldt-Universität lehren wolle, als Professor für öffentliches Recht, und habe im Januar 1990 dort angefangen. Das Interesse, das die Ost- und Westberliner und -deutschen nach dem Fall der Mauer füreinander hatten, ihre Neugier aufeinander - es war wie ein Liebesfrühling. In der ersten Zeit glaubten wir, wir könnten gemeinsam Deutschland neu erfinden oder immerhin die deutsche Universität oder wenigstens die Humboldt-Universität.

Ein schöner Traum.

Es war eine Zeit des Aufbruchs, voller Visionen, Hoffnungen, Vorhaben. Manchmal macht mich traurig, dass aus dem Aufbruch nichts geworden ist.

Zur Person

Bernhard Schlink, geboren 1944 in Bielefeld als Sohn eines Theologieprofessors, studierte Jura in Heidelberg und Berlin. Er war Professor für Öffentliches Recht in Freiburg im Breisgau und an der Humboldt-Universität in Berlin, außerdem Richter am Verfassungsgericht für Nordrhein-Westfalen. Seit 1987 schreibt er Romane, Aufsätze und Erzählungen, mit "Der Vorleser", einem der meistverkauften Bücher der Nachkriegszeit, begründete er seinen Weltruhm. Sein neuer Roman "Olga" ist wie alle seine Werke im Diogenes-Verlag erschienen. Schlink hat einen Sohn, er ist Mitglied der SPD.

In Ihrem Buch "Liebesfluchten" kann man die deutsch-deutsche Romanze, aber auch die Resignation spüren - Stasi-Verstrickungen, Verrat und enttäuschte Hoffnungen sind allgegenwärtig.

Ja, der Liebesfrühling war kurz, und sehr bald kamen die Enttäuschungen, die Anmaßungen, die Bitterkeit, die Fremdheit. Mich beschäftigen die Mühen des Zusammenwachsens dessen, was zusammengehört, bis heute.

Stimmt es, dass Sie als junger Jurastudent einer Freundin aus Ostberlin zur Flucht verholfen haben?

1964 war ich zwanzig und studierte in Berlin. Ulbricht veranstaltete ein Pfingsttreffen der deutschen Jugend, auf dem wir westdeutsche Studenten und Studentinnen den ostdeutschen begegneten. Wir wollten einander kennenlernen, trafen uns wieder und wieder, ich hatte schließlich einen großen Freundeskreis in Ostberlin. Eine Studentin und ich haben uns ineinander verliebt, sie wollte raus, wir wollten zusammen sein. Es gab damals für West- wie für Ostberliner Reisen nach Prag, und sie reiste als Ostberlinerin aus der DDR aus und mit gefälschten Papieren als Westberlinern in die Tschechoslowakei ein.

Woher hatten Sie die Papiere?

Von Kriminellen. Ich traf sie in einer Kneipe in Kreuzberg, sie fuhren in einem Mercedes vor, weil Nutten ihn gerne fuhren und Rosemarie Nitribitt ihn gefahren hatte, Nutten-Mercedes genannt, trugen Kamelhaarmäntel und hatten goldene Ringe an den Fingern - wie im Film. Sie haben sich die Papiere gut bezahlen lassen.

Was hat der gefälschte Ausweis gekostet?

5000 Mark. Viel Geld, das ich mir von Freunden geliehen und für das ich mehrere Jahre in den Semesterferien gearbeitet habe. Aber das hat mir nicht schlecht getan.

Und was wurde aus der Liebe? Man denkt da ja sofort an Udo Lindenberg, "Mädchen aus Ostberlin" ...

Die Liebe hat nicht gedauert. Wir waren beide überfordert. Sie hat zwar nicht daran gezweifelt, dass die Flucht richtig gewesen war, hatte aber mit dem Heimweh nach ihrer Familie und ihren Freunden zu kämpfen, und mir machten die Schulden Sorgen. Wir wohnten in meiner Studentenbude, ich wachte nachts oft auf, fand sie am Fenster stehen und rauchen, fragte sie: was ist, und sie sagte: nichts. Wir haben nicht geschafft, miteinander zu reden, einander zu stärken.

Mit Ihrer Biografie und Ihrem kritischen Geist wären Sie der perfekte 68er gewesen. Warum ist es anders gekommen?

Ich war damals auf zwei oder drei Demonstrationen und mochte die Atmosphäre nicht, die Parolen, die Rufe, "Ho-Ho-Ho Chi Minh", den Gleichschritt, die körperliche Enge. Mir war es zu rechthaberisch, zu moralisierend. Im Sommer 1968 war ich in einer Philosophie-Vorlesung, gleichzeitig gab es im Hof der Universität eine Veranstaltung gegen die Notstandsgesetze, und es wurde lange diskutiert, ob man die Vorlesung abbrechen und hingehen sollte oder nicht. Irgendwann stand ich auf und sagte: Wir haben genug geredet, wir gehen! Das war mein einziger Beitrag zur Revolution.

1974 sind Sie nach Amerika gegangen. War das ein Sehnsuchtsland für Sie?

Ich arbeitete bei einem Forschungsprojekt über künstliche Intelligenz im Recht, und es gab in den USA ähnliche Projekte, die mich interessierten. Und meine Ehe war gerade in die Brüche gegangen, ich wollte vor ihr und vor mir fliehen. So kam ich nach Kalifornien.

Was hat Sie an den USA fasziniert, dass Sie immer wieder zurückkehrten?

Fünf Jahre nach meinem ersten Aufenthalt war ich mit der Habilitation fertig und dachte wieder: Ich muss raus. Im Zeit-Magazin las ich über das Esalen-Institut in Big Sur, südlich von San Francisco am Pazifik, ein Zentrum für Yoga, Tai Chi, Meditation, alles mögliche Therapeutische. Die Autorin des Artikels schrieb: Wenn für meine Eltern alles grau in grau war, gingen sie nach Baden-Baden, wenn für mich alles grau in grau ist, gehe ich nach Esalen. Also bin ich nach Esalen gefahren.

Haben Sie dort Erleuchtung gefunden?

Ich habe die Massage entdeckt. Im Sommer drauf habe ich am California Massage Institute in San Francisco eine dreimonatige Ausbildung zum Masseur gemacht.

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