Nachruf:Unendliche Gelassenheit

Dirigent Bernard Haitink

Bernard Haitink dirigiert die Wiener Philharmoniker 2003 bei einer Probe in der Kölner Philharmonie.

(Foto: Hermann Wöstmann/dpa)

Bernard Haitink war einer der ganz großen Dirigenten. Das fiel nicht gleich auf, weil er ohne Exzesse auskam und nur selten laut wurde. Jetzt ist er mit 92 Jahren gestorben.

Von Helmut Mauró

Mehr als ein halbes Jahrhundert hat er das klassische Musikleben mitgeprägt. Der niederländische Dirigent Bernard Haitink, 1929 in Amsterdam geboren und dort aufgewachsen, war einer der wichtigsten, genauesten, wirkungsmächtigsten Orchesterchefs des 20. Jahrhunderts. Er agierte als solcher - nach einer kurzen Karriere als Tuttigeiger - in Amsterdam, London, Glyndebourne, Dresden und Chicago. Das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester aber blieb sein Zentrum, wo er 1956 als 27-jähriger Einspringer begann und fast 30 Jahre blieb. Der legendäre Saal des Concertgebouw hat seinen Klangsinn von jungen Jahren an geprägt, der Concertgebouw-Sound wurde sein Charakterzug, den er auch als Gastdirigent mit anderen Orchestern suchte. Es war diese unendliche Gelassenheit und Ruhe, mit der er nicht nur den großen Symphonien von Anton Bruckner oder Johannes Brahms begegnete, sondern auch denen von Gustav Mahler. Selbst bei diesem suchte er mehr Klangschönheit als expressionistische Zerrissenheit. Kaum ein Dirigent erreichte solch bestechende Klarheit, wie sie Haitink dabei mit der Staatskapelle Dresden gelang.

Haitink denkt nicht vom Ergebnis her, sondern lässt den Entwicklungsprozess aufleben, geht erst einmal ganz naiv heran, als gäbe es Grund zur Hoffnung, die eingängigen Streichermelodien und Hörnerklänge führten doch nicht zu solchen Grausamkeiten, wie sie Mahler in seinen Idyllen-Persiflagen immer wieder erzwingt. Aber: Die Auferstehungs- und Erlösungsszene, in der Mahler gleichsam Klopstock fortdichtet, kann man auch bei Haitink als zynische Groteske hören. Wenngleich er keine verzerrten Klänge und fratzenhaften Harmonien exponiert. Da bleibt er absichtlich hinter anderen zurück. Er sagte zwar, dass man solche Musik in die Gegenwart übertragen muss, aber von gänzlich freier Interpretation hielt er nichts.

Man vergisst oft, dass in Bernard Haitink auch eine nahezu revolutionäre Glut loderte

Man nimmt ihn deshalb gerne auf in die Ehrenhalle der "Werktreuen", aber das entspricht nicht seiner Art. Von Messfeiern sind seine Aufführungen weit entfernt. Selbst Bruckners Achte klingt bei Haitink triumphal entweiht, weltlich, menschlich. Großes Blech, sicherlich, aber ein agil bewegliches, und bald wird klar, wie subtil Haitink Musik dramatisiert, wie gelassen er die großflächige Klanglandschaft durchmisst. In seinen letzten Konzerten allerdings wirkte das manchmal so, als lasse er dem Orchester völlig freie Hand. Dennoch: Haitinks Bruckner-Erzählung war auch dann kein gebeugt schleppender Gang zum Richtplatz, sondern ein Lichtblick, ein großes Wolkenfenster hinaus und hinauf in freie Sphären. Das ist eine völlig andere Grundhaltung, als sie in vielen Bruckner-Darbietungen anklingt, die oft zu schwülstigen Messen verkümmern.

Man vergisst oft, dass in Haitink auch eine nahezu revolutionäre Glut loderte. Die kam zum Beispiel in Auseinandersetzungen um die Finanzierung von Kultur an den Tag. In London wird man sich erinnern. Nach seiner Zeit als Erster Dirigent des Netherlands Radio Philharmonic Orchestra 1957 bis 1961 und des Concertgebouworkest ernannte man ihn 1967 zum Ersten Dirigenten des London Philharmonic Orchestra; 1987 bis 1998 leitete er das Royal Opera House. Dieses wurde in den späten Neunzigerjahren für Renovierungszwecke geschlossen. Die dilettantische Planung und politisierte Steuerung liefen aus dem Ruder, Chor und Orchester sollten entlassen werden. Nach einer Aufführung von Wagners "Götterdämmerung" in der Royal Albert Hall trat der sonst so schweigsame Haitink an die Rampe und überredete 6000 Zuhörer, an das Kulturministerium zu schreiben, um die Abwicklung des Orchesters aufzuhalten. Was schließlich auch gelang.

Ähnliches passierte beim Amsterdamer Concertgebouw, wo er 1988 nach internen Machtkämpfen mit dem künstlerischen Direktor zurücktrat. 1999 holte man ihn als "Ehrendirigenten" zurück. Auch die Staatskapelle Dresden blieb von Haitinks Furor nicht verschont. 2002 übernahm er das Orchester als Chefdirigent für eine Übergangsperiode von vier Jahren. Nach nur zweien warf er hin. Das Orchester hatte Fabio Luisi, von dem Haitink nichts hielt und der in Fachkreisen kein Renommee hatte, zum neuen Chef gewählt. Im Oktober 2010 kam es im Vorfeld der Aufführung von Richard Wagners "Tristan" in Zürich zum Eklat, als sich Haitink mit der für diese Partie berühmten Isolde-Sängerin Waltraud Meier anlegte - und sie auswechselte.

Dirigieren, hatte Haitinks Lehrer Ferdinand Leitner einmal gesagt, das sei Luft sortieren

Noch mit weit über 80 Jahren behielt Haitink eine fast prätentiöse Fitness, schier jugendliche Agilität. Es gab kein rüstiges Bühnen-Gehampel wie beim alten Solti, kein selbstverliebtes Show-Dirigieren wie bei Maazel, sondern eine Art vergeistigter Virilität, eine mentale Kraft und musikalisch spannungsgeladene Biegsamkeit. Außer seinen schlohweißen Haaren und einem leichten Zittern der linken Hand wies nichts auf Haitinks Alter hin. Auch sein Repertoire blieb breit angelegt. Unter seinen Plattenaufnahmen finden sich nicht nur, für viele überraschend, bemerkenswerte Opernaufnahmen, etwa von Mozarts "Zauberflöte" mit Edita Gruberova, sondern sämtliche Symphonien von: Ludwig van Beethoven (drei Zyklen, mit dem London Philharmonic, Concertgebouw und London Symphony Orchestra), Robert Schumann, Johannes Brahms (drei Zyklen: Concertgebouw, Boston Symphony, London Symphony Orchestra), Peter Tschaikowsky, Anton Bruckner (viele mehrfach), Gustav Mahler (bis auf die Achte mehrfach) und Dimitri Schostakowitsch, für den sich Haitink starkmachte. Dazu kommen Opernaufnahmen, darunter Wagners kompletter "Ring des Nibelungen".

Dabei hätte man sich Haitink , dessen Vater nach einem Anschlag auf das von ihm geleitete Elektrizitätswerk mehrere Monate in einem deutschen Konzentrationslager in Geiselhaft saß, auch gut als Anti-Wagnerianer vorstellen können. Aber, so sehr er die Menschen für Musik begeisterte, sosehr begeisterte er sich selber für die Werke der großen Meister. Das schien ihn auch jung zu halten. 2006 ernannte das Chicago Symphony Orchestra den 78-Jährigen zum Ersten Dirigenten. 2008 erhielt er für Schostakowitschs Vierte mit diesem Orchester seinen zweiten Grammy Award. Im gleichen Jahr erarbeitete er mit dem Chamber Orchestra of Europe einen Beethoven-Zyklus auf der Grundlage der neuen kritischen Gesamtausgabe, zwei Jahre später einen Zyklus mit den Orchesterwerken von Brahms.

Wenn einer weiß, worum es in der Musik geht, dann sollte es doch ein Dirigent wie Haitink wissen. Die Realität war eine andere. Die tiefe Unsicherheit aus jungen Jahren konnte er nie ganz ablegen. Was macht eigentlich ein Dirigent?, fragte er sich öfter als andere - und flüchtete sich gerne in die Definition seines Lehrers Ferdinand Leitner. Dirigieren, hatte dieser einmal gesagt, das sei Luft sortieren. Haitink liebte diesen harmlosen Zynismus. Selber war er kein Zyniker, sondern in Selbstzweifeln befangen. Auch in seinem neuen Domizil südlich von Luzern, einem noblen Musikerviertel in herrlicher Landschaft, blieb er gerne für sich. Auf dem Konzertpodium aber, sowie er den Stab hob, waren alle Zweifel wie weggeblasen. Er schien geradezu aus dem Kopf des Komponisten, aus dem Werk heraus zu agieren. Bernard Haitink, der hochdekorierte Maestro einer vergangenen Epoche, verstarb 92-jährig am vergangenen Donnerstag in London.

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