Berliner Kindheit Es wird rebelliert

Die Kollwitzstraße in Prenzlauer Berg ist heute eine vornehme Gegend. Wie sie war, als er dort seine Nachkriegsjugend erlebte, erzählt Dieter Krause in einem Erinnerungsbuch, das nichts auslässt und die kleinen Momente der Rebellion betont.

Von Jens Bisky

Als man in der S-Bahn noch rauchen durfte, Onkel Tobias vom RIAS die Kinder unterhielt und Peter Kraus rebellisch wirkte, wohnte Dieter Krause in der Kollwitzstraße, Nummer 66. Nebenan die 68 stand nicht mehr. Das Berlin, in das er 1947 hineingeboren wurde, war eine Trümmerlandschaft, eher einem Haufen Roquefort zu vergleichen als einer Stadt. Daher sorgten sich die meisten zunächst kaum darum, in welcher der vier Besatzungszonen ihre Behausung lag. Man war noch einmal davongekommen, jetzt konnte es nur aufwärts gehen, jetzt sollte gelebt werden. An der Fassade der Kollwitz 66 waren die Kriegsschäden bereits unter frischem Putz verschwunden.

Heute ist die Kollwitzstraße in Prenzlauer Berg eine feine Gegend, für Immobilienverkäufer eine sehr gute Lage, obwohl das Leben hier gewiss nicht mehr Abenteuer bietet als in Marzahn. Der Putz wirkt noch immer sehr glatt. Im Eingang erinnert eine Tafel an die Schicksale der jüdischen Bewohner des Hauses. Ein Restaurant lädt zum Italienurlaub, auch eine Apotheke gibt es.

In Dieter Krauses Kinderjahren befanden sich rechts neben der Hauseinfahrt ein kleiner Zeitungsladen und das Lebensmittelgeschäft der Eheleute Adam. Links des Haustors verkaufte die staatliche Handelsorganisation HO Fisch; gebannt schauten die Kinder zu, wenn der Kescher ins Becken tauchte, einen Karpfen herauszuholen. Platz war auch noch, so erinnert Krause, für eine "winzige Eisdiele". Der Hof, zu einem ordentlichen Berliner Haus gehört bekanntlich ein Hinterhof, endete vor einem Lattentor. Dahinter: "eine kleine Schnapsfabrik namens ,Westphal'".

Leicht könnte man nach den Angaben dieses Erinnerungsbuches die versunkene Welt rund um den Kollwitzplatz der Fünfzigerjahre als Kulisse für einen Fernsehfilm wiederauferstehen lassen, mit Sandkasten und Klettergerüst, mit dem stinkenden Pissoir Ecke Knaackstraße, den vielen kleinen Kinos in der Gegend, dem Wasserturm in der Nähe, mit Schulen und behelfsmäßigen Bolzplätzen.

Diese Kindheit spielte sich auf den Straßen der Stadt ab - und vor Lautsprechern. Erst das Radio, dann ein Fernsehapparat vergrößern die Welt. Sie ist geprägt von der Logik des Kalten Krieges und wohl mehr noch von der Sehnsucht nach Normalität, nach kleinen, nie gering zu schätzenden Verbesserungen. Noch ist die geteilte Stadt ein Ganzes, sind Ausflüge in den Westen ebenso selbstverständlich wie die Vorsicht vor den Kontrollen bei der Rückkehr. West-Mark und West-Angebote haben einen festen Platz in der Familienökonomie. Die Mutter verdient im Westteil, der Vater als Arbeiter im Osten.

Ein Gefühl von Weite und Möglichkeiten vermitteln die Fahrten zu Verwandten in Westdeutschland. West-Berlin war ja nur "eine Insel, überschaubar, überspannt, überfüllt". Die Familie liebäugelt mehrfach mit dem Aufbruch, weil der Aufbau in der DDR langsam, mühselig vor sich geht. Vielleicht Australien? Aber das ist weit, und das Kind Dieter will nicht alle Freunde verlieren. Auch im Osten, in dem noch Stalin-Denkmäler stehen, obwohl er, wie Ulbricht nach dem XX. Parteitag der KPdSU beschied, kein Klassiker mehr war, auch in der Kollwitz 66 hat man sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet, besitzt einige Möbel nach Nierentischmode, Fernseher und Auto. Leichten Herzens lässt das keiner zurück, wenn er die ersten Nachkriegsjahre durchlebt hat. Im Sommer 1961 wird die Flucht geplant, umsichtig vorbereitet. Zu spät.

Zwei Jahre darauf zieht die Familie in eine komfortablere Wohnung in langweiliger Umgebung. Die Zeit der Abenteuer scheint vorüber zu sein; die Familie muss sich ins ungeplante Dableiben schicken. Krauses Leben blieb eines jenseits der sozialistischen Norm. Leider beschränkt er sich in "Kollwitz 66" auf die Kindheit, schreibt nichts über sein Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität, nichts über die oppositionelle Gruppe gebildeter Sozialisten, der er in den Siebzigern angehörte. Wie sie von einem, der sich als Freund tarnte, der Stasi verzinkt wurde, hat Inga Wolfram 2009 in ihrem Buch "Verraten. Sechs Freunde, ein Spitzel, mein Land und ein Traum" berichtet.

Dieter Krause hat für die Zeitung des Neuen Forums, Die Andere, gearbeitet und später beim Stern. Er erzählt wie ein guter Reporter in einer Fülle kleiner Geschichten, zeithistorische Informationen werden beiläufig mitgeliefert.

Der Vater war ein begeisterter Radsportler. Und was macht der Junge? Er wünscht sich ein Rad mit Gepäckträger. Vorbei mit Vaters Traum, der Junior möge ein Rennfahrer werden. Der Vater hat eine Aversion gegen Waffen, die Kinder spielen am liebsten mit dem, was knallt und schießt. Die Schulkarriere verläuft holprig, Scherze und Streiche führen zu wiederholten Schulwechseln. Die Helden der Kinder sind Cowboys oder Fußballer. Sie sind hin- und hergerissen zwischen den Freiheiten der Trümmerwelt, der beginnenden Konsumkultur und ideologischen Zurüstungen, die für sie zum endlosen Reich der Verbote gehören. Es ging streng zu, die Regeln standen fest, und wer nicht spurte, musste mit Züchtigung rechnen. Und dennoch scheint es eine Kindheit mit mehr Freiheiten gewesen zu sein, als später unter Margot Honecker denkbar gewesen wären.

Kein Detail wird zur Nebensache erklärt und achtlos übergangen

Aber das "Alte, Muffige, Selbstgerechte" schien auch am Ende der Fünfzigerjahre "bis ans Ende aller Tage fortbestehen zu wollen". Davon, vom Rebellentum und von den kleinen Fluchten erzählt Dieter Krause oft betulich. Seine Aufmerksamkeit gilt nahezu allem in gleichem Maße: der Sprache und den Rundfunksendungen, den Erziehungsgewohnheiten und dem Warenangebot, der Mode und der Herstellung von Stinkbomben, Kinderfilmen und Schlagern. Kein Detail wird zur Nebensache erklärt und achtlos übergangen, als fürchte sich der Autor, auch nur eine Liedzeile zu übergehen, die damals Eindruck machte.

Nicht schon wieder das Fernsehprogramm, bitte nicht noch einen Schulstreich, denkt der Leser mehr als einmal und beschließt, das Buch nun endgültig wegzulegen. Aber dann liest er doch weiter, gefesselt vom Rätsel dieser Fünfzigerjahre, das nur dem oberflächlichen Blick rasch zu lösen zu sein scheint. Diesen ausführlichen Erinnerungen fehlt die Struktur, eine Dramaturgie. Das ist eine Schwäche, die leicht zu beheben wäre. Aber es ist auch eine Stärke, die selten zu finden ist.

"Kollwitz 66" will dem Leser nichts aufreden, nichts demonstrieren und schon gar nicht die Selbstzufriedenheit der Gegenwart befördern. Dieter Krause entfaltet das Panorama einer fremden Welt, die in vielem unverständlich wirkt, obwohl sie doch die Welt der Eltern war: "Lockenwickler, Sockenhalter, Hüte, Blümchentapeten, Dauerwellen, Fassonschnitte, Haarpomaden, ... Rauchverzehrer, Bohnerwachsgerüche, Ausziehtische." In diesem Buch behauptet sich das von Regeln und Verboten dominierte alltägliche Leben gegen politische Zugriffe und Beschränkungen.

Die Ordnung, in die Dieter Krause hineinwuchs, wird, wie er abschließend schreibt, durch ein Beben zum Einsturz gebracht, dem keiner entkam: "Endlich flog die Tür zu den sechziger Jahren auf. Nicht von allein. Sie wurde eingetreten - von den Beatles."