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Berliner Ensemble:Gruselkabinett einer altbekannten Rechten

KATZELMACHER

Spot aufs kleine Glück: Ingrid (Eva Meckbach) wäre gerne Schlagersängerin, hinten: Gerrit Jansen als Schläger Erich.

(Foto: Matthias Horn / Berliner Ensemble)

Michael Thalheimer inszeniert Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher" und entdeckt darin ein Stück Zeitgeschichte. Ein Problem ist allerdings sein Umgang mit der Figur des Griechen Jorgos, dem "Gastarbeiter".

Von Anna Fastabend

Nach dem rassistischen Terroranschlag von Hanau wirkt die jüngste Premiere am Berliner Ensemble, Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher", wie ein Zeichen gegen Rechts. Das Stück erzählt von einem Angriff auf einen griechischen Arbeitsmigranten Ende der Sechzigerjahre. Es ist von Michael Thalheimer so schonungslos und wahrhaftig inszeniert, dass man darin schmerzhaft die eigene Sozialisation erkennen dürfte - zu der Rassismus leider genauso gehört wie Würstchen und Dosenbier.

Natürlich ist dieser Erfolg in erster Linie Fassbinder selbst zu verdanken, der mit der Uraufführung 1968 die Entnazifizierung als gefährliche Illusion darstellte. Sein Drama handelt von einer Gruppe perspektivloser junger Erwachsener in einem Münchner Vorort, die jede Abweichung von der Norm mit Lästereien, Beleidigungen und Übergriffen ahnden. Der griechische "Gastarbeiter" Jorgos ist ihnen ein Dorn im Auge, er stört die patriarchale Ordnung. Auf der anderen Seite haben sie in ihm endlich einen Sündenbock gefunden.

"Katzelmacher" war Ende der Sechzigerjahre ein Schimpfwort für Arbeitsmigranten, vulgo Gastarbeiter

Bekannter als das Theaterstück ist der gleichnamige Schwarz-Weiß-Film mit dem Ensemble des Münchner Antiteaters, der Fassbinder zu seinem Durchbruch verhalf. Er erzählt darin in leicht abgewandelter Form die Geschichte. Einmal gesehen, bleibt sie einem in Erinnerung. Die statischen Kameraaufnahmen von Treppengeländer, Matratze und Wirtshaus; die wortkargen, monoton gesprochenen Dialoge, die das Geschehen fast unerträglich machen; dazu der seltsame Begriff "Katzelmacher", der zur damaligen Zeit ein Schimpfwort für Arbeitsmigranten war.

Das alles hat Fassbinder bereits so gut auf den Punkt gebracht, dass Michael Thalheimer sich voll und ganz auf die Vorlage verlassen kann - und es zum Glück größtenteils tut. Allein die erste Warteszene, eine Hommage an Fassbinders Film, macht es deutlich. Hier lümmeln die Provinz-Casanovas und ihre Angebeteten in schrillen Polyesteroutfits auf der Fensterbank eines Waschbetonkubus' (Bühnenbild und Kostüme: Nehle Balkhausen). Und während die Herren breitbeinig den großen Macker markieren, fabrizieren ihre Freundinnen gelangweilt Kaugummiblasen, die zerplatzen wie die Träume in ihren Köpfen. Sonst passiert nichts. Das ist in Theatersprache gegossene Tristesse, die mehr sagt als viele Worte.

Statt die Handlung in die Gegenwart zu übersetzen, stellt Thalheimer sie als ein Stück Zeitgeschichte dar und erreicht damit, dass man erschrocken feststellt, wie wenig sich in den vergangenen 50 Jahren geändert hat. Schlimmer noch, es scheint, als nähmen die rassistischen Attacken gerade wieder zu.

In Thalheimers Inszenierung sind die Figuren allerdings stärker überzeichnet als im Film. Da ist zum Beispiel Ingrid (Eva Meckbach), deren größter Traum eine Karriere als Schlagersängerin ist. Bei Thalheimer singt sie tatsächlich: Songs von Vicky Leandros und Roland Kaiser (Musik: Bert Wrede), die sie hinschmachtet wie in einer Fernsehschlagershow. Auch die anderen Figuren wandeln sich von den schläfrigen Zombies des Anfangs in grellbunte, meist brüllende Karikaturen. Bettina Hoppe, die die Geschäftsfrau Elisabeth spielt (im Film: die mimiklose Irm Hermann), deutet hinter ihrer knallharten Fassade immer wieder ein Lächeln an. Auch Gerrit Jansen in der Rolle des Schlägers Erich gibt seiner Figur als tanzender Burschenschaftler eine neue Dimension. Aus der Kategorie "platter Jungshumor" hingegen ist der breite, humpelnde Gang Ingrids, mit dem wohl angedeutet werden soll, dass sie sich als Sexarbeiterin etwas dazuverdient.

Nach einer erfundenen Vergewaltigung und einer missbilligten Liebesbeziehung endet die Inszenierung für den Griechen Jorgos (Peter Moltzen) in einer bildgewaltigen Katastrophe. Erst betet die Clique scheinheilig den Rosenkranz, dann schlägt sie ihn brutal zusammen. Thalheimer zieht auch hier eine Verbindung zur Neuen Rechten: Die Szene ist in AfD-blaues Licht getaucht, dazu hört man den Pazifisten-Klassiker "Sag mir, wo die Blumen sind".

"Nix verstehn": Peter Moltzen spielt den Griechen Jorgos als verkleidete Figur à la Günter Wallraff

Doch so überzeugend dieses deutschtümelnde Gruselkabinett seine Wirkung tut, ist der Abend auch problematisch. Das liegt daran, dass die Figur des Jorgos genauso überzeichnet dargestellt ist wie alle anderen. "Nix verstehn" und "Fickifick" ist alles, was er sagen darf. Mit seiner billigen Perücke und dem Schnauzbart erinnert Peter Moltzen an Günter Wallraffs umstrittene Undercovereinsätze als Türke oder Schwarzer. Die unternahm der Enthüllungsjournalist zwar mit gutem Vorsatz, trotzdem beinhalteten sie neben dem problematischen "Blackfacing", also dem Anmalen des Gesichts mit dunkler Farbe, immer auch ein paternalistisches Sprechen für jemanden.

Ein Problem, das Thalheimer nicht vollständig bewusst zu sein scheint. Oder absichtlich unterläuft? Immerhin ist ein Wallraff-Report als Leseprobe im Programmheft abgedruckt. Doch statt ständig über Menschen mit Migrationshintergrund zu sprechen - an diesem Stück sind fast ausschließlich Künstler ohne einen solchen beteiligt -, ist es längst überfällig, dass ein Haus wie das Berliner Ensemble diese verstärkt für sich selbst sprechen lässt. Denn sind es nicht gerade ihre Perspektiven, die in dieser Zeit gehört werden sollten?

© SZ vom 28.02.2020
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