Benediktbeuern Platz in der Welt

Vor 25 Jahren hat Anton G. Leitner "Das Gedicht" zum ersten Mal herausgegeben, damals gemeinsam mit Ludwig Steinherr. Jetzt ist die Jubiläumsausgabe erschienen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Ein Symposium zur Zukunft der Lyrik

Von Sabine Reithmaier, Benediktbeuern

Besonders rosig sieht Anton G. Leitner die Zukunft der Poesie nicht. Es werde immer schwieriger, die Lyrik an Mann oder Frau zu bringen, stellte der Weßlinger Dichter und Verleger gleich zu Beginn des Internationalen Colloquiums fest. Tatsächlich redeten die 40 Poeten im Kloster Benediktbeuern die meiste Zeit über Möglichkeiten der Literaturvermittlung. Bis sie schließlich Christophe Fricker mit seinem Aufruf, "orientierende Gedichte" zu schreiben, in Wallung brachte.

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller hatte gefragt, ob nicht ein beträchtlicher Teil der Lyriker die Wahrheitssuche den Wissenschaftlern überlasse und sich weigere, Orientierung zu stiften oder gar mit Zeitgenossen zu kommunizieren. "Das lyrische Du ist immer noch eine große Ausnahme." Der sich selbst genügenden, oft hermetischen Lyrik setzte er die "orientierende Dichtung" entgegen, den Begriff politische Lyrik wollte er nicht verwenden. Diese schlage einen Bogen zwischen Kunst und Politik, indem sie die tatsächlichen Verhältnisse berücksichtige. "Das orientierende Gedicht ist eine gestaltete, wirklichkeitstreue, immer wieder aktualisierbare Form der Kommunikation über Fragen, die uns in Hinblick auf unseren Platz und unsere Aufgabe in der Welt bewegen", sagte Fricker. Und sie müsse einprägsam sein.

Die Frage nach der Verständlichkeit könne kein Qualitätsmaßstab für Gedichte sein, hielt Erich Jooß dagegen. Das führe schnell zu der Frage, was relevant oder nicht relevant sei. Auch Semier Insayif aus Wien fand es unproduktiv, Dichtung vorzugeben, wie sie sein soll. "Poesie beansprucht eine gewisse Zweckfreiheit" sagte er. Klára Hůrková, tschechisch-deutsche Lyrikerin, erinnerte daran, dass es in manchen Zeiten aussagekräftiger gewesen sei, nicht über Politik zu schreiben, während Matthias Politicky unterstrich, jeder Schriftsteller wolle Leser erreichen. Bei seiner ersten Lesereise 1987 sei er in Basel nach der politischen Relevanz seiner Dichtung gefragt worden und habe locker geantwortet, die gäbe es nicht. Worauf ihn die Verlegerin Antje Kunstmann anschließend beiseite nahm und ihn anwies, so etwas nie wieder zu sagen. "Künftig sagst du, alles ist politisch."

Eigentlicher Anlass für das Colloquium war eine bewundernswerte, unternehmerische Leistung: die 25. Ausgabe der Jahresschrift "Das Gedicht", die Anton G. Leitner dieses Mal gemeinsam mit Chamisso-Preisträger José F. A. Oliver zum Thema "Religion im Gedicht" herausgegeben hat. Ein Vierteljahrhundert ohne jede Subvention einen buchdicken Band zu stemmen, immer die aktuelle Lyrik abzubilden und nebenbei ein Online-Forum mit Filmen, Netz-Anthologien, Dichterporträts und Interviews zu betreiben - das muss man erst schaffen. So war die Tagung denn auch eine Art Familientreffen, da die versammelten Autoren allesamt auch immer wieder im "Gedicht" anzutreffen sind.

Ein kleiner Schwerpunkt hatte sich am Vormittag mit Lyrik für Kinder beschäftigt. Ein gutes Kindergedicht wolle nichts, stellte Uwe-Michael Gutschhahn fest, lange Jahre Programmleiter bei Ravensburger und Hanser und selbst Autor von Kinder- und Jugendbüchern. Es stehe für sich, ein Gebilde aus Sprache, das nicht nach der Fähigkeit oder Unfähigkeit seines Lesers frage. An Kindergedichten könnten Erwachsene erfahren, dass Verse keine Angst erzeugen und man sich an einer Zeile freuen dürfe. Den Zwang, Gedichte immer gleich zu deuten und zu dechiffrieren, hatte Erich Jooß angeprangert, der verschiedene Anthologien für Kinder vorstellte. "Das beschädigt Lyrik." Der Knackpunkt liege aber in der Schule, fand Christoph Leisten, der selbst Lehrer ist. Der größte Teil seiner Kollegen, die Lyrik unterrichteten, hätten keinen Zugang dazu, beschränkten sich auf Unterrichtshilfen. "So geht das nicht."

Michael Augustin, Dichter und Rundfunkredakteur, stellte das von ihm mit initiierte Bremer Literaturfestival "Poetry on the Road" mit einer Vielfalt an Formaten vor. Ein eher düsteres Bild zeichnete Markus Bundi. Es gäbe in der Schweiz bald keinen Verlag mehr, der Lyrik produziere, abgesehen von der "Reihe", einer Lyrik- und Kurzprosa-Edition, die er selbst herausgibt. 47 Bände sind seit 2010 erschienen. Bundi hätte allen Grund, stolz zu sein. Er ist es aber nicht: "Die Dichter haben keine andere Alternative mehr, als bei mir zu veröffentlichen."