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"Fidelio" an der Oper Bonn:Kommando Beethoven

Dokumentaroper in der "Green Box": Oben Martina Welschenbach als Leonore in einer Projektion. Unten von links: Karl-Heinz Lehner (Rocco), Martina Welschenbach (Leonore) und Marie Heeschen (Marzelline).

(Foto: Thilo Beu)

Der Regisseur Volker Lösch inszeniert in Bonn einen hoch politischen "Fidelio". Im Mittelpunkt: das deutsch-türkische Verhältnis.

Eine Menschengruppe bewegt sich vorsichtig durch die Straßen von Cizre im Südosten der Türkei. Die Stadt nahe der syrischen Grenze, mehrheitlich von Kurden bewohnt, ist halb zerstört, denn im Januar 2016 führen türkische Regierungstruppen einen Häuserkampf gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK. Der Himmel strahlt blau über dem kleinen Trupp von Helfern, sie schwenken weiße Fahnen und schieben einen Karren mit zwei Leichen. Plötzlich wird in der Geisterstadt das Feuer eröffnet, Körper gehen zu Boden und mit ihnen die Kamera, sie zeigt panische Gesichter und Tote. Und mit dem Blut, das über das Pflaster läuft, ertönt eine furchtbare Musik, Beethovens Musik, die den halb verhungerten Häftling Florestan im Staatsgefängnis umgibt.

So beginnt in der Bonner Oper der zweite Akt von Fidelio. Und so legt der Schauspielmann Volker Lösch Beethovens einzige Oper an, von der aufrüttelnden Fanfare der Ouvertüre (man spielt die Letztfassung von 1814) bis zum finalen Jubelchor: als Theater der harten Schnitte und unangenehmen Reibungen. Die Realität, mit der Lösch und sein Team aus Videofilmern und Zeitzeugen die Handlung von Beethovens Rettungsoper überblenden, ist nicht die historische Realität der Französischen Revolution und der Napoleon-Zeit aus der Entstehungszeit, sondern das Schicksal von Menschen, die vielleicht nie von Beethoven gehört haben, aber die Konflikte des Fidelio durchleben. "Kommando Beethoven zur Sichtbarmachung von politischen Gefangenen in der Türkei" lautet das Label der Aufführung und es klingt nach linken Kampfparolen der späten Sechziger Jahre.

Sicher hätte man ebenso emphatisch die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in China mit Beethoven verknüpfen können. Aber das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei ist seit dem Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs, vor allem aber durch die Präsenz türkischer Migranten seit den Sechzigerjahren ein enges und heikles. Und seit dem Deal über die Abschirmung der Flüchtlinge aus Syrien sieht Deutschland oft über die Menschenrechtsverletzungen durch Präsident Erdoğan hinweg.

Weil Volker Lösch ein Mann des deutlichen Appells ist, keilt er zwischen die Nummern von Beethovens Oper die Berichte von "Zeitzeugen", die sich zu einer Art Tribunal versammeln. Der prominente Schriftsteller Doğan Akhanlı ist dabei; außerdem Süleyman Demirtaş, der Bruder der verhafteten Ex-Vorsitzenden der pro-kurdischen Partei HDP, sowie weitere Vertreter und Verwandte von Opfern der türkischen Justiz. Animiert von einem "Regisseur" (Matthias Kelle), sprechen sie davon, wie sie im Gefängnis isoliert und gefoltert wurden, wie man die Frauen an den Haaren aufhängte oder den Männern mit einem Wasserstrahl das Genital verletzte.

Am Schluss, zu Beethovens Befreiungsmusik, wird es plakativ: Schriftzüge rufen zum Einsatz für die Gefangenen in der Türkei auf

Familien wurden auseinandergerissen und eingeschüchtert, bei dürftigen Anklageschriften und eher laschen internationalen Protesten wird eine "Tradition des Wegschauens" beklagt, vor allem auf deutscher Seite. Videokameras umrunden die Gesichter, die Erzählungen bleiben meist sachlich, manchmal emotional. Nur am Schluss, zu Beethovens Jubel- und Befreiungsmusik, schlägt der Appell dann doch ins Plakative, wenn Schriftzüge zum Einsatz für die Gefangenen in der Türkei aufrufen, Postkarte an die Bundeskanzlerin oder die Oper Bonn genügt.

Aber neben der Aufklärung gibt es auch spielerische Momente in diesem Politlehrstück. Die einzige Bühne (Carola Reuther) ist eine so genannte "Green Box", wie man sie aus Nachrichtenstudios kennt. Während die Kamera die Figuren aufnimmt, lassen sich aufs leuchtende Grün Bilder von Demonstrationen projizieren. Manchmal fliegt Leonore (Martina Welschenbach mit unforciert schönem Sopran) als Retterin über die türkischen Gefängnisse oder Marzelline (Marie Heeschen) auf einem rosa Sofa durch ihre Träume vom Konsum und vom bürgerlichen Leben.

Der Bösewicht Pizzarro (Mark Morouse) fährt zu seiner Rachearie als Wagenlenker mit Goldkettchen und falscher Heldenbrust seine Gegner um. Dass Gefangenenchor und Florestan (von Thomas Mohr kaum im tenoralen Zaum gehalten) als grüne Männchen auftreten, wirkt dann aber doch unfreiwillig komisch. Lösch setzt alles daran, diesem Fidelio das nationale Pathos auszutreiben und den Beethoven-"Ehrungen" die Sonntagsseele wegzublasen. Was einige Premierengäste mit Protest quittierten.

Ein wirkliches Manko dieser schrägen Mischung aus Video-Jokus und dokumentarischen Schocks aber besteht darin, dass die Bilderflut von den Ereignissen im Orchestergraben ablenkt. Da vernimmt man nämlich vom Beethoven Orchester Bonn eine Musik, die Beethovens Spanne vom überirdischen Quartett-"Kanon" im ersten Akt bis zum tönenden Terror der Pizzarro-Sphäre auf klangsinnliche und immer spannende Art vermisst. Der Dirigent Dirk Kaftan vermeidet jedes Pathos, treibt die Musik nach vorn, hat das notwendige Gespür für Energieballungen. Und immer wieder durchglüht ein Zorn diese Musik, aber kein heiliger, sondern einer, der auf Seiten der Menschen steht.

© SZ vom 03.01.2020

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