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"Beerland" im Kino:Er meint es nicht böse

"Beerland" im Kino'

Der seit Jahren in Deutschland lebende US-Amerikaner Matt Sweetwood (links) in seinem Film "Beerland".

(Foto: dpa)

Was passiert, wenn wir die Dokumentation "Beerland" des Amerikaners Matt Sweetwood betrachten, die das Mysterium der Deutschen und ihrer Bierkultur erforschen will? Wir kommen als Ureinwohner aus dem Staunen - und auch aus dem Kopfschütteln - kaum heraus.

Kommt ein Ethnologe vom Mars auf die Erde, um das Fußballspiel zu erkunden: Den Einwurf bezeichnet er als das wichtigste Ereignis, weil da der Ball in die Hand genommen wird, den Mann in Schwarz hält er für den Gott des Spiels und seine Trillerpfeife für ein Orakel. Wie aber geht es dem Erdenbewohner, wenn diese Deutung zu ihm zurückfindet?

Ungefähr so wie uns, den Einwohnern von "Beerland", wenn wir die gleichnamige Dokumentation des Amerikaners Matt Sweetwood betrachten, die das Mysterium der Deutschen und ihrer Bierkultur erforschen will: Als Ureinwohner kommt man aus dem Staunen - und auch aus dem Kopfschütteln - kaum heraus.

Sweetwood lebt in Berlin, er meint es nicht böse, und er trägt auch eifrig Material zu seinem Thema zusammen. Aber es ist wie verhext: Nebensachen (etwa die verschiedenen Formen des Sich-Zuprostens) werden dabei plötzlich zu Hauptsachen, Zufälliges wird zum großen Mysterium erklärt, zentrale Bierkultur-Phänomene dagegen übersieht er: Starkbieranstich, Biergarten, Bierdusche. Er folgt einem von Fremdenverkehrsbüros vorgezeichneten biertouristischen Reiseplan, reiht persönliche Anekdoten an zufällige Begegnungen und hält sich mit der Abarbeitung von Stereotypen auf. Das Problem seiner Exkursion beginnt schon damit, dass er mit "Beerland" ganz Deutschland meint - das doch in weiten Teilen Weinland ist.

Ausgangspunkt ist das Erstaunen

Abwegig wird es, wenn er die Frage nach dem, was "typisch deutsch" sei, zur Leitfrage nimmt und bierferne Antworten bekommt: "Sauberkeit, Ordnung, Auf-der-Autobahn-rasen-dürfen!" Die normative Grundlage seines Gegenstands, das Reinheitsgebot, verkündet vom Bayerischen Landständetag 1516 in Ingolstadt, verkennt er dagegen und tut sie ironisch als "deutsche Besessenheit" ab.

Ausgangspunkt für Sweetwood ist ein Erstaunen: In dem Land, in dem er aufwuchs, Missouri/USA, darf ein Sechzehnjähriger wohl Schusswaffen erwerben, aber nicht mit einer Bierflasche in der Hand auf der Straße gesehen werden. In Deutschland dagegen gehört der vorsätzlich herbeigeführte und öffentlich zur Schau gestellte Rausch sogar zur Festordnung, wenn's was zu feiern gibt - auch schon für Sechzehnjährige. Das verwundert den Amerikaner maßlos.

Wenn er den Kölner Karneval besucht, bekennt er freimütig, wie unverständlich ihm alles bleibt, folgert dann aber doch: "Karneval ist wie Halloween, aber mit Bier." Mit "Bier" meint er Kölsch! Sweetwood bemüht sich redlich, nicht nur von außen zu beobachten, er will Anteil nehmen, mitmachen, ein teilnehmender Beobachter sein - und gelangt so zum finalen Befund, dass es, unter dem Bieraspekt betrachtet, das "typisch Deutsche" gar nicht gibt. Es sei vielmehr so, dass jede Region nur ihre Eigenheit zum Ausdruck bringe - und das ist dann doch eine Erkenntnis, der man zuprosten kann.

Beerland, D 2012 - Buch und Regie: Matt Sweetwood. Kamera: Thomas Lütz, Axel Schneppat. Animation: Makks Moond. Movienet, 85 Minuten.

© SZ vom 25.04.2013/ihe

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