Bayreuther Festspiele Wagner-Wonnen

Bildüberflutet: Barrie Koskys Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" bei den Festspielen in Bayreuth.

(Foto: Enrico Nawrath)

Die ersten Aufführungen von "Tristan und Isolde" und "Die Meistersinger von Nürnberg" bestätigen ein äußerst hohes Niveau

Von Stephan Schwarz-Peters

Der angebeteten Frau Wesendonck teilte Richard Wagner vor 160 Jahren seine Besorgnis mit, vollständig gute Aufführungen seines "Tristan" könnten die Menschen in den Wahnsinn treiben. Gut, dass wir heute robuster sind, sonst hätten am Freitag lauter Verrückte den Bayreuther Festspielhügel verlassen. Nach gelungener "Lohengrin"-Premiere bestätigte auch die erste "Tristan"-Runde, welches Niveau derzeit auf diesem Zauberberg der Wagnerkunde herrscht. Hier steht ein wahrhaft unerschütterliches Titelheldenpaar auf der Bühne, dessen Festspielerfahrung ebenso lang ist wie sein sängerischer Atem.

Nein, man möchte Stephen Gould nicht abnehmen, dass er sich beim letzten "Isolde" im dritten Akt in die ewigen Nachtgründe verabschiedet: ein kerngesunder, kraftstrotzender, anscheinend völlig unversungener Idealtenor, den keine Tristanhöhe ins Wanken bringt. Und wie lässt er einen in den schattigeren Regionen seiner Stimme an den Leiden der Figur irrewerden! Dieser menschlichen Trompete zur Seite steht die vielgesichtige Petra Lang, mit ebensolchen Kraftreserven ausgestattet wie der Tenorpartner und dabei noch mehr Charakterdarstellerin: schlangengleich herausgezischter Zynismus im ersten Akt, samtweiches Zerfließen im zweiten, großer Abgesang im dritten - das Drama in seiner Gesamtheit. Welcher König Marke könnte daneben besser bestehen als René Pape? In ihrer Tiefe, ihrem Nachlauschen jeder vorangegangenen Tonsilbe klingt seine Darstellung wie gesungenes Denken.

All diese Stimmen mit dem geheimnisvoll untergründigen Orchesterklang zum weltumspannenden Liebesgedicht zu vereinigen, ist Aufgabe des Bayreuther Hofzauberers Christian Thielemann, Wagners Stellvertreter auf Erden. Sein Verständnis für die Partitur beruht einerseits auf erschöpfender analytischer Auseinandersetzung und grenzt andererseits fast ans Naturmagische. Sein "Tristan" wirkt wie die Zeremonie eines Schamanen, der nach einigen Beschwörungsformeln (die ersten Takte des Vorspiels) einen suggestiven Sinnesrausch entfesselt. Wie ein Fluss fließt die Musik unter seinen Händen dahin: Als setzte er etwas Unaufhaltsames in Gang und wäre doch jederzeit in der Lage, die unvorstellbar gewaltigen Strömungskräfte mit dem kleinen Finger zu kontrollieren und zu lenken. Der jubelnde Dank für diese Zauberei ist ebenso erwartbar wie die Buhs für Katharina Wagner. Auch nach der vierten Präsentation zeigen die Anhänger ihres Urgroßvaters wenig Neigung, sich mit ihrer abstrakt-nachtschwarzen Regie-Deutung anfreunden zu wollen.

Da kann sich Barrie Kosky, der Vielgepriesene, doch über ganz andere Reaktionen von Seiten des Publikums freuen. Wenn im Hause Wahnfried diverse Wagner-Doubles aus dem Flügel schlüpfen und sich der Nürnberger Justizpalast mit Choristinnen füllt, die aussehen wie die Frau auf dem alten 20-Mark-Schein, befindet man sich mittendrin in seiner bildüberfluteten und von tolldreisten Brüchen durchsetzten "Meistersinger"-Inszenierung. Im vergangenen Jahr aus der Taufe gehoben, zeigt sie sich am vierten Tag der diesjährigen Festspiele mit szenischen Retuschen, größtenteils aber in der gleichen Sängerbesetzung. Prachtvoll bei Stimme und von komödiantischem Spieltrieb beseelt, reißt allen voran Michael Volle als Hans Sachs spielender Wagner die Publikumsgunst an sich. Vom Listigen zum Lächerlichen, vom Größe-Zeigenden zum Größenwahnsinnigen, vom Groben zum Empfindsamen bedient er auch in der rein vokalen Darstellung die gesamte Palette an Charakterzügen, die der Regisseur dieser emblematischen Doppelfigur angedeihen lässt.

Johannes Martin Kränzle steht seinem Baritonkollegen in musikalischer und schauspielerischer Charakterisierungskunst nicht im mindesten nach. Die konzeptionelle Unschärfe der Inszenierung, die seinen Beckmesser mit der Person des ersten "Parsifal"-Dirigenten Hermann Levi gleichsetzt, überwindet er durch die detailversessene Verkörperung eines in seine Rolle hineingezwungenen Menschen. Jede Brüchigkeit und Unsicherheit in der Stimme, jeder maliziöse Augenaufschlag dieses begnadeten Sängerdarstellers verrät mehr über die Problematik des Stücks als alle szenischen Hinweise auf den "Ewigen Juden" zusammen.

Nicht nur schönes Beiwerk in dieser von Philippe Jordan so elegant und transparent geleiteten Aufführung sind die Tenöre, der ewig jugendliche Klaus Florian Vogt als lyrischer Meister im Stolzing-Fach und Daniel Behle, der in der anspruchsvollen Partie des David keine Gelegenheit zu glänzen auslässt. Die Eva Emily Magees (als Nachfolgerin von Anne Schwanewilms neu besetzt) wirkt daneben etwas altjüngferlich. Auf jeden Fall nicht so taufrisch wie ihr Bühnenvater, der kurz zuvor schon als Gurnemanz bewiesen hat, wie er mit seiner Stimme den so besonderen Bayreuther Raum beherrscht.

Bayreuther Festspiele, noch bis 29. August, Informationen: www.bayreuther-festspiele.de