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Bayreuther Festspiele:Mit berstender Wut

Tristan und Isolde Szenenfoto (c) Enrico Nawrath

Eine moderne, handelnde Frau: Petra Lang als Isolde.

(Foto: Enrico Nawrath)

Katharina Wagner zeigt in ihrer im Vorjahr entstandenen Bayreuther Inszenierung des "Tristan" eine Welt der starken Frauen. Mit Petra Lang, die dieses Jahr die Isolde singt, hat sie dafür die Idealbesetzung gefunden: eine moderne, handelnde Frau.

Mit etwas Fantasie findet man den Duktus der derzeit etwas ausgelatschten Fantasy-Serie "Game of Thrones" leicht in Richard Wagners "Tristan und Isolde". Die Parallele ist nicht nur offensichtlich, wenn man die Inszenierungsästhetik der Uraufführung denkt, die damals im Ritter-Mythos-Look einen gewissen Game-of-Thrones-Effekt des 19. Jahrhunderts barg. Denn auch Isolde stapft wie die "Thrones"-Heldin Daenerys Targaryen durch eine von männlichen Liebes-, Macht- und Politik-Spielchen verheerte Welt.

In Katharina Wagners Bayreuth-Inszenierung aus dem Vorjahr gibt es aber noch eine andere Parallele: Die aktuelle Staffel der Serie ist die der erstarkten Frauen, die darin weniger Männer erobern, als Macht, Würde und solche Dinge, die Frauen in Fantasy und präemanzipatorischen Zeiten eben schnell mal verlieren. Katharina Wagner hat ihre Isolde nun mit einem ähnlich modernen Macht- und Selbstbewusstsein ausgestattet wie die im Hintergrund am effektivsten um den Thron buhlende Daenerys Targaryen aus der Serie.

Petra Lang geht weit hinaus übers Schönklang-Schaulaufen

Die Isolde ist zur ersten "Tristan"-Vorstellung der diesjährigen Bayreuther Festspiele auch als einzige Umbesetzung angekündigt gewesen. Anstatt der Premieren-singenden Evelyn Herlitzius, die 2015 kurzfristig einsprang, singt in diesem Jahr Petra Lang. Und mit Lang tritt nun eine Sängerin auf, die sich mit einer Stimme voller Missmut, Wut und verletzter sowie neu gefundener Ehre präsentiert - und dabei über ein Schönklang-Schaulaufen weit hinausgeht.

Lang tritt mit berstender Wut an, die Stimme in der Mittellage mit Abscheu belegt und zusammengepresst und sich dagegen in den Höhen zu erstarkter Klarheit freisingend, um schließlich in weichzeichnendem Einklang mit sich selbst in ihrer Liebes-Verklärung zu landen. Lang traut sich dabei zu keifen, sie ist stinksauer. Da wirkt Stephen Gould als Tristan wie ein Teddybär, und man denkt sich noch: "Isolde, du bist doch keine Ortrud." Doch Langs stimmliche Figurenzeichnung passt wunderbar zur Inszenierung.

Denn erst dieses Stürmen und Toben Langs lässt den zweiten Akt in berührender Weichheit erstehen: Isolde ist hier diejenige, die diese Liebesnacht steuert, noch immer stark in der Stimme neben einem weich-liebenden Tristan, der den symmetrisch-pathetischen Keller-Kerker des Bühnenbilds häuslich mit Glühbirnen dekoriert. Diese Sanftheit liegt Gould als Tristan, da verschmilzt seine Stimme mit der Musik wunderbar zu den schönsten Akkorden, während Drängendes oder Fieberndes bei ihm markant gesungen, aber ohne weiterführende Kraft bleibt.

Doch die Inszenierung ist ohnehin auf Isolde zugeschnitten, wächst und erzählt eng an ihr entlang. Die Männer schleichen eher im Hintergrund umher. Oder sie halten sich, wenn die Partitur sie nach vorne holt, mit altväterlichem Pathos-Gehabe in vergangenen Helden-Bildern auf. Wie etwa zu Tristans nebelverhangener Totenwache samt Grabkerzen und einem voll schwerer Bürde aufs Schwert gestützten Kurwenal. Und wenn schon Moderne, dann bekommen die Männer während der Fiebervisionen Tristans etwas billigen Sci-Fi-Hologramm-Zauber. Wenn sie dann doch zu viel Macht haben, dann sehen sie eben aus wie der als quietschgelbe Comic-Figur verkleidete Marke.

Die Frauen lässt die inszenierende Wagner dahin gehend fast in Ruhe, wenig Symbolik, außer Isoldes blaues Mantelkleid, das dem Standard-Outfit Daenerys Targaryens eben doch sehr ähnlich ist. Damit stehen die Frauen in klarem Kontrast zu den Brimboriums-Männern: als moderne, handelnde und eben nicht fiebernde Figuren. Das zeigt sich auch in Claudia Mahnke, die kurzfristig als Brangäne für die erkrankte Christa Mayer einsprang, und deren glasklarer Stimm- und rationaler Sprachführung. Auch wenn die Wuseligkeit, mit der sie Isolde umsorgt, fast schon wieder ein wenig spießbürgerlich wirkt.

Buhrufe gibt es für die Inszenierung, obwohl deren Duktus über die Aufführung hinweg zunehmend karger wird und sich am Ende kaum noch in die Sangeskunst einmischt. Die Kunstausübung schätzt man jedoch: Christian Thielemann, der das Orchester zu großen Teilen zügig, erstaunlich transparent und agil leitet, wird als Star des Abends beklatscht. Aber auch Petra Lang bekommt für ihre mutig-kräftige und weit über Schönsang hinausreichende Isolde brechenden Applaus.