Bayreuther Festspiele In der Rätselwelt

Wahn, Wirklichkeit und visuelle Dopplungen mischen sich unentwirrbar. "Der verschwundene Hochzeiter" thematisiert das neu Ankommen in einer festgefügten Gesellschaft.

(Foto: Diskurs Bayreuth - Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath)

Katharina Wagner blickt in die Zukunft, und im Rahmenprogramm hat Klaus Langs Oper "Der verschwundene Hochzeiter" Premiere

Von Egbert Tholl

Sehr wahrscheinlich wird Valery Gergiev 2019 nicht die Münchner Philharmoniker bei "Klassik auf dem Odeonsplatz" dirigieren. Da muss er nämlich proben. In Bayreuth. Die Neuproduktion vom "Tannhäuser", bei der Tobias Kratzer Regie führen wird. Wie es die Bayreuther Festspielen schaffen wollen, Gergiev über Wochen an den Grünen Hügel zu ketten, verrät Katharina Wagner allerdings nicht bei der Pressekonferenz, dem alljährlichen Ritual am Vortag der Festspielpremiere. Aber bei ihr kann man sich sicher sein: Die hat einen Plan.

Und Ideen. Fürs nächste Jahr schreiben Feridun Zaimoglu und Günter Senkel ein Stück über Siegfried Wagner zu dessen 150. Geburtstag; die beiden hatten gerade eine Uraufführung bei den Nibelungenfestspielen in Worms, sind also ein bisschen im Thema drin. Und Anna Netrebko wird 2019 zwei Mal die Elsa in dem "Lohengrin" singen, der dieses Jahr Premiere hat. Obwohl bei diesem der geplante Lohengrin abhanden kam und ersetzt werden musste - Roberto Alagna sagte ab, Piotr Beczala sagte zu -, obwohl Yuval Sharon als Regisseur einspringen musste: Die Stimmung ist am Tag vor der Premiere tief entspannt. Christian Thielemann wird dann alle zehn festspieltauglichen Wagneropern hier dirigiert haben - für ihn kein Grund, auch nur den kleinsten Gedanken an ein Aufhören zu verschwenden. Lieber lobt er die "wunderbare Zusammenarbeit" mit Sharon, mit Neo Rauch und Rosa Loy, beide Kostüm und Bühne. Solche Mitstreiter habe er, Thielemann, noch nicht gehabt. Rauch, der Großkünstler als Bayreuth-Debütant, empfand die Atmosphäre auf dem Hügel als "permanenten Kindergeburtstag", jeder Wunsch sei ihm erfüllt worden. Vor sechs Jahren erhielt er die Anfrage und legte erst einmal eine "Lohengrin"-CD ein.

An Stelle von Yuval Sharon hätte eigentlich Alvis Hermanis beim "Lohengrin" Regie führen sollen. Mit sardonisch unergründlicher Stimme verliest Katharina Wagner dessen auf Englisch formulierte Absage. Nachdem er Ende 2015 seine Kritik an der deutschen Willkommenskultur geäußert habe, sei er (von der Presse) so kritisiert worden, dass er beschloss, lieber die Finger zu lassen von Deutschland und dessen offizieller Ideologie. Es gibt Absagen, über die man nicht traurig sein muss, und vielleicht trägt diese auch zur entspannten Atmosphäre in Bayreuth bei. Weitere Neuigkeiten: Im März reist der "Holländer" nach Tokio, im Januar gastiert das Festspielorchester mit einer konzertanten "Walküre" in Abu Dhabi, falls die richtigen Entscheidungen auf politischer Ebene fielen, sei man 2016 mit der Renovierung des Festspielhauses fertig und natürlich seien auch in diesem Jahre die Festspiele wieder mehrfach überbucht; dass noch Einzelkarten erhältlich sind, läge nur daran, dass man inzwischen Karten in Kommission zurücknähme, auch um den Schwarzmarkt einzudämmen.

Nun aber zum Eigentlichen, zu "Diskurs Bayreuth" und der ersten Uraufführung bei den Bayreuther Festspielen seit der des "Parsifals" 1882. Das diskursive Rahmenprogramm wurde im vergangenen Jahr erfunden, besteht aus Konzerten und einem Symposium - in diesem Jahr zu Verboten (in) der Kunst - und eben der Uraufführung der Oper "Der verschwundene Hochzeiter" des österreichischen Komponisten Klaus Lang. Ursprünglich war als Aufführungsort das renovierte markgräfliche Opernhaus geplant gewesen, aber die Schlösserverwaltung begreift dieses als Museum und nicht als Theater, Aufführungen sind dort nur in sehr geringen Dosen möglich. Die bornierte Haltung der Schlösserhüter bescherte dem Stück einen vielleicht viel geeigneteren Ort, den Reichshof, ein ehemaligen Stummfilmkino von 1926, das einen Zauber hat, als wäre es ein Bühnenraum von Anna Viebrock. "Der verschwundene Hochzeiter" ist ein völlig autonomes Kunstwerk, auch wenn man vage Bezüge zur diesjährigen Festspielpremiere "Lohengrin" herstellen kann, zur Frage des Fremden, des neu Ankommenden in einer festgefügten Gesellschaft. Wie das Fremde einen selbst verändert, das interessiert auch Lang, und sein Komponieren wie auch sein eigenes Libretto umkreisen die Frage in poetischen Schleifen. Konkret politisch ist "Der verschwundene Hochzeiter" nie.

Die Oper beruht auf einer Legende aus dem Gölsental in Niederösterreich. Ein Hochzeiter lädt einen Fremden zu seiner Hochzeit ein; dieser revanchiert sich mit einer Gegeneinladung zu seiner Hochzeit. Der Hochzeiter gerät in eine leicht metaphorische Rätselwelt, als er in sein Dorf zurückkehrt, stellt er fest, dass er 300 Jahre fort war, selbst nun ein Fremder geworden ist und zerfällt zu Staub. Lang macht daraus ein Vexierspiel der Identität, liest selbst zu Beginn mit weich alpenländisch singender Stimme die Legende vor; die liegt also subkutan unter den folgenden 90 Minuten, mithin kann Lang auf situative Konkretisierung verzichten. Mit feinsten Verästelungen malt er Klang in zarten Schichten, helltönend, irisierend, die Musiker des Ictus Ensembles und der Chor Cantando Admont verteilen mit bewundernswerter Präzision und hoher Schönheit den Klang im Raum, von der Empore singen ein Counter, Terry Wey, und ein Bass, Alexander Kiechle.

Sprache wird zu Klang, bleibt selten konkret, aber so entsteht ein sanfter Sog, der einen zu einem zarten Wahrnehmungsrausch verführt. Auf der Bühne selbst ist Zauberei, so eine Art Jahrmarktstrick, nur viel technischer, genannt "Pepper's Ghost". Man sieht zwei Tänzer in Gölsentaler Tracht, die Zwillinge Jiří und Otto Bubeníček, oder doch nur einen von ihnen und der andere ist Projektion, Spiegelung? Dann sind es auf einmal sechs oder sieben von ihnen, Hochzeitsgesellschaft, dann rauscht die Musik wie eine Gerölllawine hinab und der Tänzer verliert seine Farben, ist nur noch schwarz-weiß. Paul Esterhazys Inszenierung und Friedrich Zorns Video werden zusammen mit der genau getakteten Musik, die nur von einer Schaltuhr dirigiert wird, zu einem flirrenden Spiel mit der Zeit und der Realität, mal so rasant, dass man kaum hinterherkommt, dann wieder so ruhig, als breiteten sich konzentrische Kreise auf einem Moorsee aus. Immer aber: faszinierend.

Der verschwundene Hochzeiter, Donnerstag, 26., und Freitag, 27. Juli, 21 Uhr, Kulturbühne Reichshof Bayreuth, Maximiliansstraße 28