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Ballett:Heißmangel der Gegenwart

Rasa

Bollywoodesk: Die Choreografie von „Rasa“ hat deutlich Schlagseite in Richtung Musical.

(Foto: Filip van Roe)

Die Ballettwelt streitet darüber, ob Klassiker wie "Raymonda" oder "Le Corsaire" nicht endlich dekolonialisiert werden müssen. Daniel Proietto zeigt mit seinem Stück "Rasa" in der Stadsschouwburg von Antwerpen, wie das gehen könnte.

Von Dorion Weickmann

Die Wellen schlagen hoch, der Ton entgleist schon mal ins Giftige: Neuerdings streitet die Ballettwelt zusehends heftiger darüber, ob Klassiker wie "Raymonda" oder "Le Corsaire" mit dem postkolonialen Pinsel überarbeitet werden müssen. Betroffen sind komplette Werke oder einzelne Akte, beispielsweise das Divertissement aus Pjotr Tschaikowskys "Nussknacker". Dessen getanzte Chinoiserie verzückt seit Generationen nicht nur Kinderaugen, sondern schüttet nebenbei auch eine Wundertüte voller Klischees aus. Chinesen, lernt der Zuschauer, bewegen sich stets in Minischritten, spreizen den Zeigefinger in die Luft und springen so hoch wie Zirkusakrobaten. Eine grotesk verzerrte Asienkunde, häufig dargeboten von gelb angemalten Russen oder Europäern. Geht alles gar nicht mehr, finden Advokaten des politisch korrekten Zeitgeists. Sie möchten das Erbe des 19. Jahrhunderts, soweit es noch in den Umrissen des Originals gespielt wird, am liebsten in die Depots verbannen. Aber wie sieht der Ersatz aus?

Das rote Gestühl in der Stadsschouwburg von Antwerpen geht fast in die Knie, durchgesessen von zahlreichen Konsumenten flotter Unterhaltungsware. Zunächst scheint sich das neueste Projekt des Königlich Flandrischen Balletts in dieses Hausprogramm ziemlich nahtlos einzuklinken: Daniel Proiettos Inszenierung "Rasa" erweist sich als ausgesprochen kurzweiliges und eingängiges - ja was eigentlich? Drei Stunden und drei Aufzüge lang ist ein Hybrid zu besichtigen, der sich am ehesten als Balletical klassifizieren lässt: eine auf 2020 zugeschnittene, runderneuerte Version des Ballettklassikers "La Bayadère".

Das 1877 uraufgeführte Stück ist eine Säule des Repertoires und wurde jüngst beim Staatsballett Berlin penibel rekonstruiert. Sein Urheber war der Choreograf Marius Petipa, der in den Ausläufern des Zarenreichs auch die Tschaikowsky-Bestseller aus der Taufe hob. Indes stammt die schmissige Partitur zu "La Bayadère" von Ludwig Minkus, der ein Ohrwurm-Defilee vom Feinsten komponierte. Verhandelt wird die Liebesgeschichte zwischen Nikia und Solor - sie Tempeltänzerin, er Krieger, den der allmächtige Rajah dazu bestimmt hat, seine Tochter Gamzatti zu ehelichen. Woraus ein Eifersuchtsdrama erwächst, bei dem Nikia zu Tode kommt. Fortan geistert sie durch Solors Träume, bis ein Erdbeben die royale Hochzeit ruiniert und die Liebenden gen Himmel fahren - Paarapotheose über Trümmern. Soweit die in Indien angesiedelte Mär, die Petipa effekt- und prunkvoll in Szene setzte. Natürlich kannte er den Subkontinent genauso gut wie Karl May die Prärie, nämlich gar nicht. "La Bayadère" ist also nichts anderes ist als eine exotische Fantasie, ein Wimmelbild verschiedenster Stereotypen. Aber muss man die Urfassung deshalb entsorgen und durch ein Remake ersetzen?

Das Stück verfolgt die Strategie der Entzauberung und wird dabei selbst ziemlich bezaubernd

Genau daran versucht sich Daniel Proietto mit dem Flandernballett, das gerade sein fünfzigjähriges Jubiläum feiert. Der aus dem Sanskrit stammende Titel "Rasa" bedeutet soviel wie "Katharsis" und bringt auf den Punkt, worum es dem knapp vierzigjährigen Argentinier geht: Unser Blick auf "La Bayadère" soll gereinigt, geläutert, neu justiert werden. Dafür hat der Choreograf bei Mikael Karlsson eine zweckdienliche Musik-Collage bestellt und bei der Modedesignerin Tamae Hirokawa lässige Kostüme. Nicolás Bonis schmucklose Tribüne taugt als Multifunktionsschauplatz. Also kein Tempel, kein Palast, keine Spur von Ethnoglamour, selbst das Personaltableau wirkt wie einmal durch die Heißmangel der Gegenwart gedreht und mit heutigen Abziehbildern verschweißt. Nikia wird zu Nicky, Transgender-Junge aus der Kaste der Unberührbaren, während Solor und Gamzatti der Jeunesse doree von Mumbai oder Moskau angehören. Vollkommen in der postkolonialen Versenkung verschwunden ist der Rajah, an seiner Stelle tritt die Frau in Erscheinung, die über Indien geherrscht und es gleichwohl nie betreten hat: Queen Victoria spukt im Rollstuhl durchs Tanzgetümmel, als Oberfeldwebel des Empire und dauerkeifende Mater dolorosa im Witwenstand.

Ein listiger Schachzug, denn der surreale Auftritt der historischen Figur, die ihr eigenes Herrschaftsgebiet nie in Augenschein nahm, enttarnt auch Petipas indisches Fantasialand als Fake, als koloniales Konstrukt. Die zweite Schlüsselszene, die Proietto umdeutet und damit zur Kenntlichkeit entstellt, ist das sogenannte "Königreich der Schatten", üblicherweise ein Serpentinen-Schaulauf für drei bis vier Dutzend weiß verschleierte Tänzerinnen. Proietto indes steckt das Ensemble in Ganzkörperetuis, über die sich schwarze Girlanden schlängeln. Die aufgenähten Tattoos verweisen auf die Fetischisierung der Ballerina im 19. Jahrhundert, ihren paradoxen Status als einerseits überhöhtes, andererseits sozial geächtetes Geschöpf. Bis in die kleinsten Details verfolgt "Rasa" diese Strategie der Entzauberung und wird darüber selbst zum ziemlich bezaubernden Abend.

Die Historisierung des Balletterbes tut not, seine Entsorgung wäre ein Frevel

Was vor allem damit zu tun hat, dass die Mitglieder des Flandernballetts umwerfend tanzen, singen und sprechen. Einzig Solor - der auch in München gefeierte Osiel Gouneo als Gaststar - und sein Liebster Nicky alias Daniel Domenech bleiben stumm. Alle anderen triumphieren als Allrounder, die sämtliche von Andrew Wale gelieferten Texte live performen und Proiettos bollywoodeskem Stilmix den Stempel der Kunst aufdrücken. Denn die Choreografie hat deutlich Schlagseite in Richtung Musical, legt aber so eine weitere Sichtachse frei: Was wir heute als klassisches Ballett bestaunen, war die längste Zeit eine Form der gehobenen Unterhaltung für Aristokraten und bürgerliche Eliten.

Muss man ihre Hervorbringungen deshalb im 21. Jahrhundert bereinigen, säubern, dekontaminieren? Oder gleich als "inakzeptabel und offensiv" brandmarken und in den Giftschrank stellen, wie der Chef des Scottish Ballet, Christopher Hampson, unlängst erklärte? Auf keinen Fall, konterte sein Kollege Jean-Christophe Maillot - zu Recht. Die Historisierung des Balletterbes tut not, seine Entsorgung wäre ein Frevel. Genau wie andere Hüter geschichtlicher Schätze, wie Museen oder Bibliotheken, muss auch das Ballett sein Erbe kritisch bewerten. Eine Komplettrevision wie "Rasa" ist dafür bestens geeignet, weil sie heutige Akzente setzt und dabei die Machart der Vorlage ausleuchtet. Das Publikum wird "La Bayadère" deshalb nicht weniger lieben, aber in Zukunft womöglich besser verstehen.

© SZ vom 29.01.2020

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