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Bachmannpreis:Warnung vor der Flachzange

Autorin Nava Ebrahimi - Bekanntgabe des Ingeborg-Bachmann-Preises

Die Favoritin war dann auch die Preisträgerin in Klagenfurt: Nava Ebrahimi.

(Foto: Clara Wildberger/ORF/LST KÄRNTEN/dpa)

Die iranischstämmige Schriftstellerin Nava Ebrahimi gewinnt in Klagenfurt, allerdings kämpft die Jury mit ihrer populistischen Fraktion.

Von Marie Schmidt

Es war gleich viel von Neuanfang die Rede bei der Eröffnung des Wettbewerbs um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Was natürlich daran lag, dass wenigstens die sieben Jurorinnen und Juroren wieder in Klagenfurt waren, um "in echt" die neueste deutschsprachige Literatur durchzunehmen, während im vergangenen Jahr alle Protagonisten per Video zugeschaltet waren. Auch waren zum ersten Mal in der Geschichte dieses Wettbewerbs nicht nur unter den eingeladenen Autorinnen und Autoren die Frauen deutlich in der Überzahl, sondern auch in der Jury. Deren Vorsitz hat mit Insa Wilke bei der 45. Runde zum ersten Mal seit 2007 wieder eine Kritikerin inne. Neu in der Jury waren die Leiterin der Literarischen Welt Mara Delius und die Schriftstellerin Vea Kaiser.

Damit ist das Erbe der Gründergeneration fürs Erste verdaut: "Es gibt keine guten Kritikerinnen", ließ sich noch Marcel Reich-Ranicki zitieren. So selbstverständlich wie die Klagenfurter Honoratioren, die am ersten Abend des "Bewerbs" immer das Loblied auf Literatur und Kultur singen, dieses Jahr ihren Kärntner Dialekt genderten, muss man sich um den Fortschritt aber keine Sorgen mehr machen.

Insa Wilke warb zu Beginn für Aufmerksamkeit gegenüber Autorinnen und Autoren, für die es nicht selbstverständlich sei, bei einer solchen Veranstaltung mitzumachen. Programmatisch wies sie darauf hin, wie Orte der Selbstverständigung, in diesem Fall des deutschsprachigen Literaturbetriebs, Menschen ausschließen. Wobei mit dem Bachmannpreis seit den Neunzigerjahren immer wieder Schriftstellerinnen ausgezeichnet wurden, für die Deutsch nicht die erste Sprache war: 1991 Emine Sevgi Özdamar, 2012 Olga Martynova, 2016 Sharon Dodua Otoo unter anderen.

Eine neue Sprache der Kritik muss her, die nicht in "Gewohntem" und "alternativen Welten" denkt

Am dritten Wettbewerbstag erklärte Wilke, worin sie das Neue der jetzt jungen Schriftstellergeneration sieht: dass der Horizont, vor dem sie vom Anderen, in der Mehrheit nicht Aufgehenden erzählen, nicht die Assimilation sei, sondern der Versuch, inkommensurable Lebenswelten nebeneinander bestehen zu lassen. Dafür braucht es neue ästhetische Formen und bräuchte vielleicht auch eine neue Sprache der Kritik, die zum Beispiel nicht so sehr in Dichotomien von "Gewohntem" und "alternativen Welten" denkt. Neue Sprachen sind, wie man an den Kärntner Honoratioren sah, eine Frage der Praxis, und die begannen sich die Kritikerinnen und Kritiker in Klagenfurt zu erarbeiten.

Das hätte eine avancierte Angelegenheit werden können, wenn die Jury nicht ein anderes Integrationsproblem gehabt hätte. Wie schon im vergangenen Jahr vertrat Philipp Tingler, Literaturkritiker des Schweizer Fernsehens, aggressiv seine Bildungsfeindlichkeit. Auf Hinweise auf Genretraditionen und verwandte Literaturen reagierte er als Schulhof-Bully, rief "Proseminar! Langweilig!" oder das sei doch "Selbstparodie", gemeint ist: des gebildeten Kritikers. Nun kann es sein, dass diese Rolle ihm von den Programmmachern, die die Jury berufen, zu Unterhaltungszwecken zugedacht worden ist. Das wäre keine stabile Idee. Tingler lähmt die Diskussionen.

Seinen Mangel an Kriterien kaschiert er mit einem Kritiker-Vokabular, das er auswendig kann, dessen Bedeutung er allerdings nicht beherrscht. Zum Running Gag wurde der Moment, in dem er gefragt wurde, was das denn heiße, wenn er Texte für "durchscheinend" erkläre. "Damit meine ich Transzendenz", sagte Tingler bedeutungsschwanger, nämlich dass eine konkrete Geschichte auf eine allgemeinere gesellschaftliche Situation anspiele. Wie soll man da weiterreden? Ihm sagen, dass "Transzendenz" etwas anderes bedeutet? An anderer Stelle versuchte man ihm erklärend beizukommen, was den Kritikerrunden aber etwas Schreibschul-haftes gab. In diesem Moment brach das Gespräch ab.

Sie geben sich als Anwälte des Publikums, das vieles nicht versteht. Nur stimmt das nicht

Nicht helfen konnte die neue Jurorin Vea Kaiser, deren kritisches Register im Wesentlichen darin besteht, Geschichten mit der ihr bekannten Realität und ihren Affekten abzugleichen. Nur drollig, wie Tinglers Vorliebe für campy Designermode, wären solche Marotten, wenn sich nicht sowohl Tingler als auch Kaiser zu Anwälten des Publikums erklären würden, das ihrer Ansicht nach vieles nicht versteht. Was ausweislich des auf Twitter immer mitlaufenden Metakommentars zu den Kritikerrunden nicht der Fall ist. Diese Argumentationsstrategie wirkt womöglich gar nicht so sehr charakteristisch für die Gegenwart, sondern für einen immerwährenden Typus des Kulturbetriebs: die populistische Flachzange.

Am Ende ging sich aber, wie man in der Muttersprache des Bachmannpreises sagt, dann doch alles aus. Die klare Favoritin des Wettbewerbs bekam den mit 25000 Euro dotierten Hauptpreis zugesprochen: Nava Ebrahimi erzählt in ihrem Beitrag von einer auf Deutsch schreibenden Schriftstellerin, die in New York ihren Cousin trifft, der dort Tänzer ist. Da, wo sich die beiden das Verbindende einer Familiengeschichte wünschen, ist zunächst eine Leerstelle in ihren Dialogen: "'Schon seltsam, du hängst fast nackt an der Fassade, aber keiner von den Leuten hier weiß, wer du wirklich bist.' 'Und du? Du hast ein Buch in Ich-Form vollgeschrieben. Du hast dich genauso entblößt. Aber kennt dich deshalb jemand wirklich?'"

Gespiegelt in der künstlerischen Arbeit der Figuren und dem literarisch riskanten Versuch, eine nichtsprachliche Kunst wie den Tanz zu versprachlichen, zeigt Nava Ebrahimi die Verluste und die existenzielle Fremdheit einer in der Diaspora über die Welt verteilten Familie. Ebrahimi ist 1978 in Teheran geboren, ihr Debütroman "Sechzehn Wörter" erschien 2017 bei btb, 2020 ihr zweiter Roman "Das Paradies meines Nachbarn". Auf sie treffe Insa Wilkes Bemerkung zu, sagte sie bei der Preisverleihung unter Tränen, sie habe sich nie vorstellen können, diesen Preis zu bekommen.

Vier weitere Preise gibt es in Klagenfurt zu holen: Den Deutschlandfunk-Preis (nominiert mit 12500 Euro) bekam die 1996 in Berlin geborene Dana Vowinkel für die Geschichte einer jüdischen Familie. Erzählt aus doppelter Perspektive, der einer Tochter, die bei ihren Großeltern in Chicago den Sommer verbringt, und ihres Vaters, des Vorbeters einer Gemeinde in Berlin. Auch das eine Erzählung über Entfremdung in einer Familie.

Ebenfalls ausgezeichnet: die Geschichte eines naiven, neiderfüllten Erben

Den Verlust des Vaters verarbeitet auch der Erzähler im Beitrag des Theaterautors Necati Öziri, geboren 1988. Dieser Vater hat die Familie in Deutschland zurückgelassen, ist in die Türkei zurückgereist und dort im Gefängnis gelandet. Sein Sohn spricht ihn in zweiter Person an, ein letzter Brief im Angesicht des Todes. Für diesen Text bekam Öziri den Kelag-Preis in Höhe von 10 000 Euro, und den Preis der BKS Bank, der per Publikumsvoting vergeben wird, mit 7000 Euro und einem Stadtschreiberstipendium verbunden ist.

Der 3sat-Preis ging ans komische Fach: Timon Karl Kaleytas Text handelt humorvoll von einem "kleinen Gatsby", wie der Juror Klaus Kastberger es nannte, aus der Generation der Erben, einem unzuverlässigen, naiven, neiderfüllten Erzähler. Auch eine Geschichte über gefährliche Brüche in der wohlhabenden Mittelschicht, könnte man sagen.

Wollte man indessen bei den Ausschlüssen bleiben, die der Wettbewerb auch in diesem Jahr produziert hat, muss auffallen: Über erzählerischem Realismus kamen die Temperamente der Jury einigermaßen zusammen. Für nicht-lineare und formal konstruierte Texte fand man kaum Kategorien. Was etwa gegenüber den Traumskizzen der österreichischen Autorin Katharina J. Ferner sicher ungerecht war.

© SZ/masc
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