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Azteken-Schau:Nach dem Staunen kam die Gier

Das Linden-Museum Stuttgart präsentiert in einer eindrucksvollen Ausstellung Kultur und Reichtum der Azteken. Außerdem wird die Horrorpropaganda der spanischen Eroberer über die angeblich blutrünstigen und vom Teufel befallenen Heiden als Lüge entlarvt.

Ungeheuer muss der erste Eindruck von Tenochtitlan, der Hauptstadt des Atztekenreiches, auf die Camarilla um den spanischen Abenteurer Hernán Cortés gewesen sein. Ein zivilisatorisches Schockerlebnis, dem in Europa nichts nur annähernd Vergleichbares entsprach: "Beim Anblick solch unglaublich beeindruckender Dinge fanden wir keine Worte oder konnten es nicht begreifen, ob das, was wir mit eigenen Augen sahen, die Wirklichkeit war, nämlich dass es einerseits auf dem Land große Städte gab und andererseits noch viele weitere im See, und wir konnten auch erkennen, das alles voller Kanus war und dass die Seewege Brücken hatten, die von einem Ufer zum anderen reichten, und so lag sie also vor uns, die große Stadt von Mexiko."

So beschreibt Bernal Díaz del Castillo 1568 diesen ersten Blick auf die quirlige Metropole, in der damals mehr als 200 000 Einwohner lebten, in seiner Chronik über die Eroberung von "Nueva España". Ob dieser Castillo in der Rolle des einfachen Fußsoldaten wirklich der Autor oder ob es doch einfach Cortés selbst gewesen ist, der ein guter Schreiber war, lässt sich bis heute nicht eindeutig klären.

Wie müssen die Neuankömmlinge aus dem fernen Europa erst gestaunt oder sich erschreckt haben angesichts der Architekturen der Tempel und Paläste mit ihren Skulpturen, wie sehr die Farben von Gewändern, Festzeichen wie etwa Federschilden und Kopfschmuck bewundert haben. Und wie sehr muss ihnen die Gier in die Glieder gefahren sein beim Anblick herrlicher Goldschmuckstücke und anderen mit Edelsteinen besetzten Zierrats.

Manches davon kann man nun in der erhellenden und lehrreichen Ausstellung im Stuttgarter Lindenmuseum unmittelbar nachempfinden: Etwa bestechende Goldschmiedearbeiten wie eine neungliedrige Halskette, bei der jedes Glied in drei hängenden Tropfen endet oder ein Anhänger, den ein stilisierter Adlerkopf von Sonnenstrahlen umgeben im Schnabel trägt. Oder die herrliche Vogelkopfmaske, deren Holzkern der Künstler mit einem kleinstteiligen Mosaik aus Türkis, Perlmutt, Malachit und Stücken der Spondylusmuschel so überzogen hat, dass der Vogelkopf vor Lebendigkeit geradezu schockiert.

Oder jene Schauder erregende lebensgroße Keramikfigur des freundlich-höhnisch lächelnden Totenreichgottes Mictlantecuhtli, dem Leber und Gallenblase lebensgroß unter dem skelettierten Brustkorb heraushängen. Die Öffnungen auf dem Kopf zeigen, dass er einst noch eine Perücke trug. Ebenso erschreckt eine hockende Statue des Gottes Xipe Totec, der in menschliche Haut eingekleidet ist. Man sieht die Knoten im Nacken und auf dem Rücken, die das fürchterliche "Gewand" zusammenhalten.

Die Krieger der Azteken waren auch selbst Eroberer

Dieser den Spaniern so zwiespältig imponierenden Kultur der Azteken begegnet man in der Stuttgarter Präsentation auf vielfältige Weise: sieben Kapitel, hier Module genannt, führen von den geografischen und daraus folgend den ökonomischen Bedingungen dieser letzten bedeutenden mesoamerikanischen Kultur bis in den schließlich alles bestimmenden Sakralbereich des Templo Mayor. Es beginnt mit "Die Azteken: 500 Jahre nach der Invasion"; dann "Kosmos: Erschaffung der Welt" und "Gesellschaft: Alltag und heilige Natur", gefolgt von "Krieg: Ein Imperium, das auf Eroberung und Tribut aufgebaut ist" und "Stadt und Palast: Leben im Luxus", schließlich der "Templo Mayor: Zentrum des Universums" und "Das Erbe der Azteken".

Im Durchgang wirkt das keineswegs so streng, wie die Modul-Themenfolge es vermuten lässt. Das liegt unter anderem daran, dass die Kuratorin Doris Kurella und ihr Team die 150 Leihgaben aus mexikanischen und europäischen Museen gleich auf zwei Weisen präsentieren, indem sie auch für Kinder mit eigenen Schrifttafeln und Abbildungen einen parallelen Weg bieten. Dadurch verliert der Parcours viel von einer sonst meist eher feierlich-steifen Aneinanderreihung von Exponaten, mögen sie noch so kostbar und eindrucksvoll sein, und davon gibt es hier genug.

Eine Figur des Gottes Quetzalcoatl, spätaztekisch, frühes 16. Jahrhundert.

(Foto: Hendrik Zwietasch)

Gut 500 Jahre umfasst die Periode des Aufstiegs und dann der Hochzeit der Azteken, bis ihr Reich und ihre Macht 1521 von Cortés zerstört wurden. Doch bis heute leben viele Nachkommen der Azteken nicht nur in Mexiko, sondern durch Migration auch in den Vereinigten Staaten, etwa 1,5 Millionen sprechen heute noch die Aztekensprache Nahuatl, ebenso gibt es weiterhin viele Feiern und Feste, die ihren Ursprung im Aztekischen haben. Außerdem wird nicht nur für die mexikanische Küche sondern weltweit von jenen Früchten und Gewürzen gelebt, die schon die Azteken verwendeten und liebten vom allgegenwärtigen Mais bis zu Chili, Tomaten, Avocados, Kürbissen, Kakao und anderen Landerzeugnissen.

Etwa um 1064 nach Christus verließen die Azteken, die sich selbst Mexica nannten, ihre Heimat im Norden Mexikos und landeten, nach mehreren längeren Siedlungspausen anderswo, endlich in jenem Hochtal, wo heute der 20-Millionen-Moloch der Megastadt Mexico City tobt. 1325 gründeten sie auf einer Insel im Texcoco-See, weil dort laut einer Weissagung ein Adler auf einem Kaktus sitzend eine Schlange fraß, ihre Hauptstadt Tenochtitlan, die heute gewissermaßen das Fundament der modernen Hauptstadt Mexikos bildet.

So die mythische Geschichte, der aber auch handfeste Eroberung zugrunde liegt. Denn die Krieger der Azteken trafen allüberall auf andere indigene Völker, die sie dann zu Tributzahlungen zwangen und so unter anderem ihren erstaunlichen Reichtum und Wohlstand mitbegründeten. Solche Verpflichtungen umfassten alles mögliche von Stein- und Holztransporten über landwirtschaftliche Erträge bis hin zu kunsthandwerklichen Produkten, je nach Spezialitäten der unterworfenen Völkerschaften.

Die Azteken fanden auch die imposanten Spuren großer Vorgängerzentren. So Teotihuacan, etwa 100 vor bis 650 nach Christus, das ihnen heilig war und in dessen Ruinen sie selber zu Archäologen wurden. Dort entstandene alte Grünsteinmasken gruben sie aus und reihten sie in ihre Opferkonvolute, sogenannte Opferkisten, ein, die sie dann den eigenen Göttern widmeten. In Teotihuacan glaubten die Azteken, seien Sonne und Mond erschaffen worden. Man denke an die beiden gewaltigen Pyramiden dort, die der Sonne und dem Mond geweiht sind. Zwei solche Masken aus Teotihuacan wirken durch bildhauerische Genauigkeit, mit der die geradezu spürbare Härte des Grünsteins bearbeitet wurde.

Ein schmaler von einem Spanier verlorener Goldbarren wiederum zeigt, wie rücksichtslos die Conquistadoren die sakralen Kunstschätze der Azteken einschmolzen, da es ihnen nur um den Goldwert ging. Beim Sturz der Azteken spielte auch die tributpflichtige Konföderation Tlaxcala eine wichtige Rolle, als sie das Joch der Azteken abwerfen konnte. Die Einwohner des heutigen Bundesstaats sehen sogar ihre Ahnen als die eigentlichen Sieger über die Azteken. Die Spanier werden da nur als unterstützende Hilfstruppe angesehen.

Die alltägliche Blutorgie war eine Propaganda-Erfindung der Spanier

Zu den prägnantesten, weil unmittelbar "sprechenden" Kunstwerken der Azteken gehören ihre Tierplastiken. Nicht nur mächtige Adler, Schlangen, Eulen, Hunde, Koyoten oder Jaguare verblüffen in markanter Präzision - auch Heuschrecken und Wasserflöhe wurden monumental ausgearbeitet. Während bei diesen Steinfiguren gerade die Knappheit und Genauigkeit beeindrucken, scheinen die Keramikgestalten von Göttern geradezu zu erblühen in der Vielzahl ihrer schmückenden Attribute.

Ein aztekischer Federschild, eine Vogelkopfmaske und eine Darstellung der Göttin Coyolxauhqui.

(Foto: Linden-Museum)

Die Erd- und Maisgöttin Chicomecoatl trägt einen das Gesicht fast verdeckenden mächtigen Kopfschmuck aus Amatl-Papier. Das ist eine aztekische Spezialität, hergestellt aus bestimmten Ficusbaumrinden, die bis heute gefertigt wird. Darauf waren Mythen, Riten und anderes aufgezeichnet. Es gibt aber nurmehr 16 vorkolumbianische Codices, weil die Missionare nach ihrer fatalen Ansicht sofort daran gingen, diese Dokumente heidnischen Teufels- und Hexenglaubens zu verbrennen.

Wer zuletzt bei den Funden der erfolgreichen Ausgrabungskampagnen am Sakralbereich rund um den Templo Mayor angekommen ist, wird mit Spuren und Zeugnissen jener Rituale konfrontiert, die die Spanier zu reiner Horrorpropaganda nutzten, um die Azteken als blutrünstige, dem Teufel verfallene Heiden der Grausamkeit darzustellen. Neben mit Tausenden von Gegenständen bestückten Opferkisten sind dort auch menschliche Schädelmasken zu sehen oder ein an den Schläfen durchbohrter Schädel vom Schädelgestell Tzompantli, auf dem die Köpfe der dem Kriegsgott Huitzilopochtli geopferten Menschen, zumeist Kriegsgefangene, sorgfältig aufgesteckt waren. Es gab - wie auch bei anderen mesoamerikanischen Reichen - Menschenopfer. Aber keineswegs als täglich stattfindende Blutorgie, wie die Spanier fälschlich berichteten, um die Azteken als höllische Horde zu beschuldigen. Echte Augenzeugenberichte gibt es in dieser Hinsicht von ihnen nicht.

Allerdings war Blut das wertvollste Geschenk an die alles und alle beseelenden Götter, die bei den Azteken immer zwiegesichtig agierten, also gute wie dunkle Seiten hatten. Es galt, die guten, den Menschen wohlgesinnten Seiten zu bedienen und für Wohlwollen zu danken. Also stach man sich beim Selbstopfer mit einem spitzen Knochen oder einem Agavenstachel durch die Zunge, das Ohr oder auch die Genitalien. Dergleichen fand relativ oft statt. Das geschah häufig in Trance, durch halluzinogene Kräuter und Pilze unterstützt.

So schaut uns am Ende der Schöpfergott Quetzalcoatl an in einer nächtlichen Erscheinungsform, halb Skelett und doch vital mit korallenroter Zunge. Die wunderbar ausgearbeitete Grünsteinstatue wirkt stark, vor innerem Leben vibrierend, und doch ganz undurchdringlich rätselhaft.

Azteken. Linden-Museum, Stuttgart, zu sehen noch bis zum 3. Mai 2020. www.lindenmuseum.de. Katalog im Hirmer-Verlag, München 2019. 336 Seiten, 34, 90 Euro.

© SZ vom 23.12.2019
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