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Autobiografie von Sex-Pistols-Sänger Johnny Rotten:Die Fratze hat Frust

John Lydon alias Johnny Rotten; Sex Pistols

John Lydon alias Johnny Rotten, legendärer Sänger der Sex Pistols, konnte die fratzigsten Fratzen fletschen.

(Foto: Reuters)

Fans sollten sich überlegen, ob sie dieses Buch lesen. Die Sex Pistols könnten danach anders klingen.

Reden wir noch nicht über John Lydon und dessen zweite Autobiografie. Reden wir über Wut. Nicht die kleine Wut, den täglichen Ärger über Mahnbescheide und anstrengende Kollegen. Nein. Reden wir über die große Wut, die aus der Ohnmacht erwächst, dem Gefühl, einem scheinbar unbezwingbaren Gegner gegenüberzustehen, einem ganzen System zum Beispiel. Und reden wir über die Momente, in denen sich die Wut so verdichtet, dass sie zur Bewegung wird - oder zu einer ganzen Subkultur.

Mit anderen Worten: Reden wir über Punk, der in den Siebzigern nicht nur dem Rock-Establishment, sondern der ganzen satten, angepassten Mehrheitsgesellschaft in den Hintern treten wollte. Oder wie war das eigentlich genau? War Punk nun eine Jugendbewegung von unten? Oder doch vor allem der clevere Plan eines Londoner Modeladen-Besitzers namens Malcolm McLaren, den die Welt als Manager der Sex Pistols kennenlernen sollte?

McLaren, so zumindest lautet eine der Theorien, soll sich Mitte der Siebzigerjahre in London ein paar junge Männer mit fiesen Gesichtern und zerrissenen Klamotten zusammengesucht haben, um sie mit den Kreationen seiner damaligen Partnerin Vivienne Westwood ins Fernsehen zu stellen. Und die Frage, die damit sofort im Raum steht, ist, ob es die Kraft der Punk-Kultur, die aus dieser Aktion erwuchs, tatsächlich entscheidend schwächte. Ist es also wirklich wichtig, ob am Anfang von Punk eine clevere Geschäftsidee stand?

Das ist natürlich eine alte Frage, und doch offenbar so ungeklärt, dass sie nicht totzukriegen ist, weshalb jetzt endlich John Lydon ins Spiel kommen muss, der sich als Sänger der Sex Pistols Johnny Rotten nannte und zwischen 1975 und 1978 die fratzigsten Fratzen fletschte, die die Popwelt bis dahin gesehen hatte. Was sagt nun also Lydon zum Problem in seiner pünktlich zum 40. Gründungsjubiläum der Pistols erschienenen zweiten Autobiografie "Anger is an Energy"? Lydon sagt: alles Quatsch, die Wut war keine Geschäftsidee, sie war echt.

Der Buchtitel - Wut ist eine Antriebskraft - ist eine Zeile aus "Rise", einem der besten Songs seiner Band Public Image Ltd (PiL). Und es ist das Motto seines Lebens. Man darf sich diesen John Lydon als grundzornigen Menschen vorstellen.

Zornig auf das Schicksal, in eine irische Einwandererfamilie hineingeboren worden zu sein, die in schlimmer Armut lebte. Zornig darauf, sich als Siebenjähriger beim Spielen in einer von Rattenkot verdreckten Pfütze eine Meningitis zugezogen zu haben, die sein Gedächtnis komplett löschte. Lydon fiel ins Koma, und als er wieder erwachte, kannte er seine Eltern nicht mehr und musste das Lesen und Schreiben neu lernen. Und obwohl er schnell wieder aufholte, fand er den Anschluss nicht mehr.

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Auch später nicht. Deshalb wohl auch: Wut auf ein System, das Menschen ausschließt und allen Ernstes im Parlament über den jungen Punk debattiert, weil der seinen Frust in ein paar rüpelige Zeilen über die Queen packte. Und letztlich: Wut und Enttäuschung, weil er nie die Anerkennung bekam, die er - wenigstens seiner Ansicht nach - verdient hat. Offenbar auch innerhalb der Sex Pistols nicht.

Mit all dem vergehen ungefähr 250 Seiten des Buches, die eine große, anrührende Kraft haben. Leider hat das ganze Werk etwas mehr als 600. Die übrigen (offenbar kaum lektorierten) 350 Seiten bestehen aus Wiederholungen, Allgemeinplätzen und blindwütigen Pöbeleien gegen Kollegen.

"Die Wut war echt", schreibt Lydon über die Sex Pistols, hier 1978. Vorne links Sid Vicious, in der Mitte Johnny Rotten alias John Lydon.

(Foto: AP)

"Malcolm und seine Clique waren Hippie-Kunstwichser"

Über Malcolm McLaren (bei dem man das wohl noch am ehesten nachvollziehen könnte) heißt es zum Beispiel: "Kurz gesagt, Malcolm und seine Clique waren Hippie-Kunstwichser." Über die Beatles: "(. . .) seelenlos und selbstverliebt". Über The Clash: "Schmierentheater", die Songs weitestgehend "heiße Luft". Ennio Morricone: "lachhaftes Zeug!".

"Dieses Buch widme ich der Aufrichtigkeit", heißt es auf der ersten Seite. Das klingt gut. Aber es sind auch die Worte von Fanatikern. Von Menschen, die in selbstgerechter moralischer Standhaftigkeit den Ursprung ihres Leids suchen. Von Leuten wie Lydon: "Da habt ihr's (. . .), das ist die Geschichte meiner langen Reise, ein großer Teil davon. Dauernd krieg ich was aufs Maul, weil ich wieder mal nicht die Klappe halten konnte. Ich will's ja nicht anders."

Das klingt dann schon weniger nach echter Wut als nach Frust. Auch der kann eine Energie sein. Aber eher keine reinigende. Man sollte sich gut überlegen, ob man dieses Buch liest. Lydons eigentlich wichtige Musik hört sich danach sehr anders an.

John Lydon: Anger is an Energy. Mein Leben unzensiert. Die Autobiografie von Johnny Rotten. Heyne 2015. 656 Seiten, 24,99 Euro. E-Book 19,99 Euro.