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Ausstellung:Spiegelreflexe

Abstraktes Theater in der Totenhalle: Szene aus Kantors Lebensreigen.

(Foto: Günther K. Kühnel)

Nürnberger Erinnerungsversuche an Tadeusz Kantor

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Mit dem Nachruhm des Theatermachers Tadeusz Kantor ist es ein bisschen merkwürdig. Viele derer, die ihn noch kennengelernt haben, verehren ihn als Genie des absurden - besser vielleicht: abstrakten - Theaters. Einer, der in eine Reihe gehört mit Beckett und Ionesco. Die anderen kennen zum Teil nicht mal seinen Namen. Was wohl daran liegen dürfte, dass das Theater Kantors ohne klassische Textbücher auskam. Und er sich selbst als unverzichtbarer Bestandteil in seine eigenen Stücke eingeschrieben hat: als multiple Kunstfigur Tadeusz Kantor. Wer nicht Zeuge seiner Aufführungen wurde, für den ist das Augenblickstheater des vor 100 Jahren im galizischen Städtchen Wielopole geborenen Dramatikers und Regisseurs nur noch als Spiegelreflex rekonstruierbar. Das Neue Museum in Nürnberg versucht das jetzt, aber es bleibt eben genau das: ein Versuch.

Kantor, der in Polen bis heute verehrt wird, wie es sonst nur Päpsten widerfährt, verbindet mit Nürnberg eine besondere Geschichte. Hier wurde vor 30 Jahren sein Stück "Die Künstler sollen krepieren" uraufgeführt. Die Inszenierung sorgte für ein enormes Interesse, in den großen Feuilletons erschienen zum Teil ganzseitige Rezensionen. Kantor hatte darauf gedrängt, sein "Theater des Todes" in einem eigens dafür hergerichteten Haus aufführen zu dürfen. Nürnbergs Schauspielhaus war ihm zu protzig dafür, Kantor wollte eine möglichst karge Spielstätte. Er bekam sie in einer Fabrikhalle, der Alten Gießerei, im eher entlegenen Stadtteil Schafhof. "Ein gigantisches, vom Alter zerfressenes Gewölbe über dem steil ansteigenden Gerüst für vierhundert Leute", notierte Georg Hensel, "die dunklen Mauern schwitzen Vergangenheit aus: eine Totenhalle für Zyklopen".

Wie immer, wenn der Künstler auf Reisen ging, brachte er sein Ensemble gleich mit, eine kuriose Truppe von zum Teil lediglich ambitionierten Amateuren, die vor allem eines verband: ihre Hingabe zu Kantor. Mit der Nürnberger Aufführung tourte die Truppe anschließend über den Globus, Mailand, Paris und New York waren die nächsten Stationen. Und überall stand die Kunstfigur Kantor, das Autoren-Ich, gleich in mehrfacher Ausführung selbst mit auf der Bühne: Man sah ihn als Schöpfer seiner eigenen szenischen Welt, der mit gespreizten Fingern, den Kopf auf die Hand gestützt, am Szenenrand seine Truppe anleitet. Sah ihn als sterbenden Theaterdirigenten im Bett, der skeptisch den selbst choreografierten Lebensreigen verfolgt, das weiße Laken bis zum Kinn hochgezogen. Und man sah ihn als Sechsjährigen, im Kriegsmantel auf einem Spielzeuggefährt sitzend: ein verfremdeter Kinder-Kantor.

Die Stadt Nürnberg hätte eine solche Uraufführung niemals finanzieren können, auf 500 000 Mark wurden die Kosten geschätzt. Als Mäzen trat der Bankier Karl Gerhard Schmidt auf, dessen Privatarchiv mit der gesammelten Kantor-Korrespondenz jetzt an das Institut für moderne Kunst in Nürnberg übergegangen und als Teil der Ausstellung im Neuen Museum zu sehen ist. Schmidt kann herrlich erzählen über den bekennenden Choleriker Kantor, "diesen großen Freund des Cognacs": Wie der seine Truppe an den Rand des Wahnsinns zu treiben verstand, weil die Bretter einer Nürnberger Requisite zu hell, die Schokolade für eines der Bühnenkinder zu dürftig und das Arbeiten in der stillgelegten Gießerei einer fränkischen Industriestadt noch deutlich zu mondän für seinen Geschmack waren. Aber auch, wie immer alle zurückkamen, wenn Kantor sie rief.

Auch Schmidt, einer seiner wichtigsten Mäzene. Und der Nürnberger Fotograf Günther Kühnel, der Kantor 1968 kennenlernte, damals noch als Student, dessen Stationen über Jahrzehnte begleitete und zu einem seiner Dokumentaristen wurde. Kühnels Aufnahmen können das dramatische Werk dieses Theaterzauberers aus der Nähe von Breslau nicht zurückholen; als Kantor 1990 in Krakau starb, starb auch ein wesentlicher Teil seines Werks. Aber die Fotos vermitteln schon einen Eindruck davon, wie bildmächtig dessen Theaterhappenings gewesen sein müssen, wie düster und surreal.

Zusammen mit den Arbeiten des bildenden Künstlers Kantor aus dem Fundus der Städtischen Sammlung Nürnberg kommt man seinem Werk im Neuen Museum zumindest näher. Auch wenn das Haus offenbar skeptisch ist, wie sehr der Jubilar noch zu vermitteln ist: Wie lange in den beiden Räumen an dessen Werk erinnert werden soll, ist offen. "Mindestens bis Ende September", heißt es.

© SZ vom 30.04.2015

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