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Ausstellung:Sightseeing mit Oktopus

Gedichte aus dem Band "Ein Aquarium" des Amerikaners Jeffrey Yang bilden den Ausgangspunkt für eine Schau in der Berliner DAAD-Galerie, die Installationen, Bilder und Videos über das Meer und seine Bewohner versammelt.

Von Tobias Lehmkuhl

Der größte amerikanische Roman, schreibt Eliot Weinberger in seinem Vorwort zu Jeffrey Yangs Gedichtband "Ein Aquarium", sei eine allegorische Enzyklopädie voller Fakten und Legenden über Wale. Doch in der amerikanischen Dichtung komme die Meereswelt trotz tausender Meilen Küstenlinie praktisch nicht vor. Yangs 2012 auch auf Deutsch erschienenes "Aquarium" stellt da eine Art ersten Schritt oder Schwimmzug dar, diese Lücke zu schließen. Ebenfalls systematisch, nämlich in alphabetischer Reihenfolge, widmet Jeffrey Yang sich dem Leben unter Wasser, dem Seepferdchen wie dem Riemenfisch, dem Hummer wie der Qualle.

Auch Google ("ein Bewusstseinsmeer") hat in diesem lyrischen Inventar einen Auftritt, und sogar die USA haben einen: "Die USA sind ein kleiner Fisch/ mit falschem Kopf; oder ein großer Fisch/ mit falschen Schuppen; oder ein Traum/ vom perfekten Fisch,/ der zum Alptraum wird".

2017 war Yang Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Seine Gedichte bilden nun den Ausgangspunkt für eine Ausstellung in der Berliner DAAD-Galerie, die Installationen, Bilder und Videos versammelt , die sich mit dem Meer, seinen Bewohnern und der menschlichen Interaktion mit diesem Ökosystem beschäftigen.

Allen Arbeiten gemein ist dabei die Haltung des Forschers. Die Künstlerinnen und Künstler nähern sich ihrem Gegenstand wie einer fremden Welt, die es zu erkunden gilt. Da ist etwa Sam Auingers und Bruce Odlands knisternde Stereo-Unterwasseraufnahme von den Pumpen der Mollusken und Muscheln, die bei Ebbe das Meerwasser filtern, um an Nährstoffe zu kommen. Oder Agniezka Brzezańkas meditative Betrachtung des treibenden Plastikmülls an einem mexikanischen Strand.

Auch Auélien Froments Video "Pulmo Marino" und Liz Magors Folien-Skulptur "Shell" erzählen davon, wie wenig wir doch über das Leben unter Wasser wissen.

Wie wenig umgekehrt das Leben unter Wasser von uns weiß, ist eine Frage, der der japanische Künstler Shimabuku in seiner großartigen Dokumentation "Then, I decided to give a tour of Tokyo to the octopus from Akashi" nachgeht. Darin unternimmt der Künstler mit einem frisch aus dem Meer gezogenen Oktopus einen Ausflug in die japanische Hauptstadt, um ihm ein paar Highlights der Stadt zu zeigen: Den Fernsehturm, den Blick auf den Berg Fuji, und schließlich, für einen Oktopus besonders interessant, die Tokioter Fischhalle, wo die beiden den Tokioter Oktopussen einen Besuch abstatten. Am Ende des Ausflugs bringt Shimabuku seinen Gast dann wieder zurück ins Meer bei Akashi.

Eröffnet wurde die Ausstellung mit einer Reihe von Lesungen und Gesprächen mit ehemaligen und gegenwärtigen Gästen des Berliner Künstlerprogramms. So lasen neben Jeffrey Yang auch der Argentinier Sergio Raimondi und der Algerier Habib Tengour aus ihren maritimen Gedichtbänden, elektroakustische Kompositionen von Douglas Henderson und Luc Ferrari wurden zu Gehör gebracht, und in einem Gespräch berichtete die Komponistin ausgezeichnete Clara Iannotta von ihrer Faszination für die Tiefsee, und wie ihr das Nachdenken über die Tiefsee - über Druck, Dunkelheit und die Struktur des Gießkannenschwamms ihr aus einer fast einjährigen künstlerischen Krise herausgeholfen hat. Mit Jeffrey Yang allerdings durften die Zuhörer feststellen: "Das Rätsel des Schwamms/ bleibt noch zu ergründen".

Aquaria. Visual Arts, Sounds, Poetry, Talks. DAAD-Galerie, Berlin. Bis 31. März.

© SZ vom 12.03.2018

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