Ausstellung "Schliemanns Welten":Händler, Leser, Medienprofi

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Ausstellung "Schliemanns Welten": Windige Methoden, hinreißende Funde: Schliemann-Ausgrabung Löwentor von Mykene.

Windige Methoden, hinreißende Funde: Schliemann-Ausgrabung Löwentor von Mykene.

(Foto: bpk)

Skrupelloser Schatzgräber oder Pionier der prähistorischen Archäologie? Mit einer großen Ausstellung wird in Berlin der 200. Geburtstag von Heinrich Schliemann gefeiert.

Von Lothar Müller

Der Held zieht in die Welt, durch Abenteuer hindurch, wird reich. Dann lässt er sein bisheriges Leben hinter sich, bricht noch einmal auf, sucht und findet sein wahres Ziel, und als er stirbt, ist es ihm trotz aller Widerstände gelungen, seinen Namen und den seines Ziels unauflöslich miteinander zu verknüpfen. Das ist das Grundmuster der großen Ausstellung "Schliemanns Welten", die das Museum für Vor- und Frühgeschichte Heinrich Schliemann aus Anlass seines 200. Geburtstages auf der Berliner Museumsinsel widmet. Zu diesem Grundmuster passt, dass sie die Biographie ihres Helden an zwei Orten präsentiert.

In der James-Simon-Galerie ist das Leben des erfolgreichen Kaufmanns und Unternehmers zu sehen, im Neuen Museum ein paar Schritte gegenüber gräbt der zum Archäologen gewandelte Schliemann in Kleinasien, im Hügel von Hissarlik, nach dem Troja Homers, in Mykene und Umgebung nach dem griechischen Pendant, der Stadt des Agamemnon und ihren Gräbern. Stets hat er im Kopf, was er sucht, glaubt er zu wissen, was er findet. Die Epen Homers, die Beschreibungen des Reiseschriftstellers Pausanias benutzt er als Reiseführer in die Antike, alles, was er sieht, gleicht er mit den alten Texten ab. Der goldene Schmuck, den er in einer Grabungsschicht in Hissarlik gefunden hat, war nicht "der Schatz des Priamos", aber er hat seinen Fund so erfolgreich nach Homers trojanischem König benannt, dass der Name daran bis heute haften blieb.

Niederländisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch und Russisch lernt er in Amsterdam in kurzer Zeit

Alles beginnt mit einer provinziellen Herkunft und einem Schiffbruch. Alte Fotografien illustrieren die Kindheit in Mecklenburg, wo Schliemann am 6. Januar 1822 geboren wurde, das Aufwachsen in Ankershagen, wo der Vater eine Pastorenstelle erhielt, die Familiengeschichte. Ausstellungstexte berichten vom Alkoholismus des Vaters, seinen Affären, von den Leiden der Mutter, einer Kindheitsliebe. Es gibt einen interaktiven Medienguide, einige "Terra X"-Videos, hervorgegangen aus der Kooperation mit dem ZDF, werden im zweiten Teil des Parcours auftauchen, Grabungsgelände und Funde inspizieren. Sonst setzt die Ausstellungsarchitektur eher auf analoge Anschauung. Keine Touchscreens, stattdessen die großzügig inszenierte Wiederkehr der Stellwände und Stoffbahnen.

Ausstellung "Schliemanns Welten": Hemmungslos oder bloß unerfahren? Heinrich Schliemann in den 1870ern.

Hemmungslos oder bloß unerfahren? Heinrich Schliemann in den 1870ern.

(Foto: American School of Classical Studies at Athens, Archives, Heinrich Schliemann Papers)

Der Schiffbruch, in dessen Folge der junge Schliemann im Dezember 1841 vor der niederländischen Insel Texel strandet, erinnert an Theaterdekorationen, hoch schäumt das Meer auf, während auf der Tonspur der Briefautor und Autobiograph Schliemann die Katastrophe maßlos übertreibt und sich in Widersprüche verwickelt. Ein deutscher Ausgewanderter hätte aus ihm werden können, wäre die Fahrt der "Dorothea" nach Venezuela, wo er eine Stelle in Aussicht hatte, nicht gescheitert. Der Abenteurer, der in ihm steckte, kehrte nicht zum Ausgangshafen Hamburg zurück, er ging nach Amsterdam, um dort sein Glück zu versuchen. Nun zeigt der Theaterprospekt Stadtansichten, den mecklenburgischen Konsul Caspar Quack, den Schiffsmakler Johann Wendt und andere, die ihm den Weg ins Handelshaus Schröder ebnen. Er wird Korrespondent und Buchhalter, aber nicht nur deshalb spielen die Schrift und die Bücher nun eine große Rolle.

Der Abenteurer beginnt eine wichtige Rohstoffquelle auszubeuten, sein Sprachtalent. Am Rande des Parcours liegen die Sprachlernbücher "Methode Schliemann" aus, in die das münden wird. Niederländisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch und Russisch lernt er in kurzer Zeit in Amsterdam. Die alten Sprachen sind noch nicht dabei, aber alle Verkehrssprachen, die man in der Geschäftswelt braucht, in der die Zirkulation von Waren und Kapital die Globalisierung vorantreibt.

1846 geht Schliemann nach Sankt Petersburg, wird dort vom Vertreter des Handelshauses Schröder zum selbständigen Unternehmer, gründet seine erste, russische Familie. Mehr und mehr Objekte sind nun in den Parcours mit Stadtansichten, mit Familiendokumenten und Bilanzen in Schrift und Bild eingelassen. Zylinder und Frack, ein russischer Jagdschlitten, der wichtigste Farbstoff, mit dem er handelt, Indigo, wichtig für Uniformen.

Als er im Sommer 1852 aus den USA nach Russland zurückkehrte, hatte er sein Vermögen verdoppelt

Durch geschickte Importmanöver wird Schliemann zum Kriegsgewinnler im Krimkrieg von 1853 bis 1856. Eine Karte Kaliforniens, einige Dollarmünzen und sein Kontoführungsbuch 1851/52 dokumentieren, wie er zuvor eine der großen Energiequellen des 19. Jahrhunderts angezapft hat, die Verwandlung von Geld in Kredit und Kapital. Anlass für seine Reise in die Vereinigten Staaten war der Tod seines Bruders, den der Goldrausch nach Kalifornien gelockt hatte. Heinrich Schliemann schürfte nicht nach Gold, er profitierte vom An- und Verkauf des Goldstaubs und von der Vergabe riskanter Kredite. Das Bankhaus, das er dafür mit einem Partner gründete, kooperierte mit der Bank der Rothschilds in Paris. Als er im Sommer 1852 nach Russland zurückkehrte, hatte er sein Vermögen verdoppelt.

Ausstellung "Schliemanns Welten": Goldstaubhändler: Heinrich Schliemann 1860 als Großkaufmann in St. Petersburg.

Goldstaubhändler: Heinrich Schliemann 1860 als Großkaufmann in St. Petersburg.

(Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte)

Als markante Zäsur und biographischen Bruch inszeniert die Ausstellung die Wandlung des Geschäftsmannes, der 1863 alle seine Bank- und Handelsgeschäfte auflöst und von 1864 bis 1866 eine große Weltreise unternimmt, zum Archäologen der östlichen Mittelmeerwelt. Das Motiv dieser Akzentsetzung ist offenkundig. Sie soll dem Ruf Schliemanns als eines hemmungslosen Schatzgräbers und archäologischen Dilettanten entgegenwirken. Die Rücksichtslosigkeit, mit der er durch den Hügel von Hissarlik den "Schliemann-Graben" schlagen ließ, setzt sie auf das Konto der noch jungen, in ihren Methoden noch unerfahrenen und in der Chronologie der Bronzezeit noch ungewissen Grabungsarchäologie.

So wird Schliemann, gegen seine Abkanzelung in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts zum Pionier der prähistorischen Archäologie und - gemeinsam mit Wilhelm Dörpfeld - der stratigrafischen Erfassung der Abfolge von Siedlungsschichten. Im zweiten Teil des Ausstellungsparcours treten die antiken Objekte in großer Fülle aus den Dekorationen hervor, darunter Marmorköpfe oder ein kleines Textfragment aus Homers "Ilias" auf Papyros. Ein großes Konvolut von Leihgaben aus dem Archäologischen Nationalmuseum Athen bestückt die Passagen zu Mykene, Tiryns und Orchomenos.

Das Bild seiner Frau im Priamos-Schmuck geht um die Welt

Natürlich kann die Ausstellung vom "Schatz des Priamos" nur Repliken zeigen, die 1945 abtransportierten Originale sind nach wie vor in Moskau, alle Verhandlungen und Kooperationen mit der russischen Seite nach Beginn des Angriffs auf die Ukraine ausgesetzt. Doch ist sie ohnehin - zu Recht - auf Schmuck und Gold nicht fixiert. So beeindruckend die frühmykenischen goldenen Armbänder, Diademe oder Zierbleche daliegen, so selbstbewusst treten ihnen Lanzenspitze, Axt oder Schwert aus Bronze gegenüber. Oder die Spinnwirtel aus Stein, die Alltagsgegenstände aus Keramik, Knochen oder Elfenbein, etwa ein Kamm.

Die Hervorhebung von Schliemanns Interesse an der Keramik und den Alltagsfunden ist ein Hauptargument beim Abbau des Schatzgräber-Klischees. Man tut gut daran, gegenläufig zur Zäsurthese der Ausstellung auch diese Seite Schliemanns an sein vor-archäologisches Leben rückzubinden. Ja, Schliemann hat sich 1866 von seiner russischen Frau scheiden lassen, an der Pariser Sorbonne Philologie studiert und 1869, nach seiner ersten Reise nach Kleinasien und Mykene, die junge Griechin Sophie Engastromenos geheiratet.

Ausstellung "Schliemanns Welten": Ein Bild, das um die Welt ging: Sophia Schliemann 1873 mit Goldschmuck aus dem "Schatz des Priamos".

Ein Bild, das um die Welt ging: Sophia Schliemann 1873 mit Goldschmuck aus dem "Schatz des Priamos".

(Foto: American School of Classical Studies at Athens, Archives, Carl Blegen Papers)

Aber im Troja-Ausgräber, der mit windigen Methoden und rasch investiertem Geld seinen "Schatz des Priamos" dem Osmanischen Reich entführt, lebt der Unternehmer im Zeitalter von Maschinerie, großer Industrie und Bankwesen fort, im Medienprofi, der das Bild seiner Frau im Priamos-Schmuck um die Welt gehen lässt, der Zeitungsleser und Weltausstellungsbesucher im Paris des Second Empire. Das Interesse an Keramik und Alltag führt zu einer Weltreise von 1864 bis 1866 zurück, zu den Opiumrequisiten und den hölzernen Schubkarren aus China, den Kreiseln und Schachtelmännchen aus Japan, den hinreißenden Figuren eines Begräbniszuges aus der Quing-Dynastie, mit denen die Ausstellung im ersten Teil die Texte aus Schliemanns Reisebricht illustriert.

Leider vertraut die mit 700 Objekten bestückte Ausstellung allzu sehr ihrem biographischen Modell. In Katharina Thalbach, die mit schnarrender Stimme aus Monitoren heraus Briefe und autobiographische Schriften Schliemanns vorträgt, gewinnt es Gestalt. Die Klangduschen-Kolportage passt gut zur Übertreibungsrhetorik des Autors Schliemann, doch stößt ihr Konzept dort an Grenzen, wo die Medien-Technik- und Wissenschaftsgeschichte die Biographie stärker prägt, als hier gezeigt wird. Gebührenden Raum erhält Rudolf Virchow, der die Spannung zwischen Schliemann und der deutschen Professorenwelt mindert und dafür sorgt, dass Schliemanns Sammlung, anders als zunächst geplant, am Ende doch nach Berlin geht. Allzu andächtig gerät der Schlussteil, der Besuch in Schliemanns "Ilion Melathron", dem Haus von Ilion, das er sich in Athen hat bauen lassen. Zu kurz kommt neben dem Originalmobiliar die Kamera als Instrument der Reproduktion und Vermarktung.

Mit anderen Worten: Ein Haus, in dem die Kinder Andromache und Agamemnon heißen und alle Angestellten Namen aus den Epen Homers tragen müssen, muss Dämonen beherbergen. In dieser Ausstellung müssen sie draußen bleiben.

Schliemanns Welten. Sein Leben. Seine Entdeckungen. Sein Mythos. Bis 6. November. James-Simon-Galerie und Neues Museum. Der Katalog kostet im Museum 28 Euro.

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