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Ausstellung:Kalauerkunst

Andreas Slominski stellt in den Hamburger Deichtorhallen Toilettenhäuschen aus - und macht es Betrachtern schwer, seine Installationen ernst zu nehmen.

Von Till Briegleb

Hat diese Ausstellung Skandal-Potenzial? Man stelle sich nur mal vor, dass Besucher die Exponate in Andreas Slominskis Großinstallation in den Hamburger Deichtorhallen so nehmen, wie sie eigentlich gemeint sind: als mobile Toilettenhäuschen. Dagegen wäre der berühmte Badewannen-Skandal im Schloss Morsbroich aus den Siebzigern, als ein paar SPD-Damen Joseph Beuys' fett-und-filz-verziertes Hygienekunststück sauber geschrubbt und zum Gläserspülen benutzt hatten, possierlich. Zumal in der ehemaligen Blumengroßmarkthalle am Deichtor nicht nur ein Sanitärhäuschen zu Kunst verarbeitet wurde, sondern ganze Batterien davon, wie bei einem richtigen Rock-Festival oder dem richtigen Lageso in Berlin.

Allerdings sind die meisten der farbigen Plastik-Örtchen, mit denen Slominski die riesige Halle neu konfiguriert hat, dezent verschlossen, oder etwas unbequem installiert: schräg an der Wand, von der Decke hängend, und im Fall der Klo-Skulptur "Big Ben" in 5,20 Meter Höhe auch noch gelegentlich über Kopf rotierend. Wer diese Latrinenschleuder zweckgemäß benutzen möchte, braucht Zirkus-oder Freeclimber-Talent und exhibitionistische Neigungen.

Es fällt schwer, diese Ausstellung mit dem vielleicht nötigen Ernst zu betrachten und ohne naheliegende skatologische Kalauer auszukommen, was auch kaum einem der Besucher gelingen will, auch nicht dem Kurator, Deichtorhallen-Chef Dirk Luckow. Denn "Das Ü des Türhüters", wie ihr rätselhafter Titel lautet, bezieht das Material fast nur aus den Bestandteilen von "Toilettenkabinen aus UV-beständigem HDPE" der Firma "Global-Klo" (die sich von anderen Wander-Lokus-Herstellern wie "Dixi" oder "Okay" dadurch unterscheidet, dass es ihre Modelle auch in Lila, Orange, Gelb und Aqua gibt).

Zu Wänden, Altären, gigantischen Kronleuchtern verschraubt bilden die Hüttchen mit weißen Giebeldächlein architektonische Elemente, die den Raum neu gliedern. Ausgeweidet entstehen aus Urinalen, Schläuchen und Pumpen amorphe Skulpturen mit dem Titel "Gurgel", die sich durch diesen Bastelzugriff ironisch vom Urknall der Toilettenkunst, Marcel Duchamps Pissoir-Readymade "Fountain" von 1917, distanzieren.

Die Serie "Moderne Kunst" besteht aus extra gepressten bunten Klosett-Wänden, denen bei der Herstellung Klodeckel, Malereiutensilien, religiöse Skulpturen und Baumstämme unterlegt wurden, die sich nun als dadaistisches Basrelief auf der WC-Wand abbilden. Aber auch als anthropomorphe Skulptur taugen die Lokushüllen, etwa wenn sie mit zwei verschobenen Sockelfüßen und dem Absaugstutzen als Mundersatz wie eine große Comicfigur erscheinen (Titel: "Walt Disney").

Jede ernst gemeinte Interpretation dieser geruchsfreien Austritt-Welt wird vor der Kraft des Infantilen, die Slominskis Zeigelust provoziert, umgehend zum Klo-Scherz gemünzt. Ob man hier eine spöttische Reaktion auf Pop Art, Beuys' "Honigpumpe", Erwin Wurms Spaßkunst oder den hehren Werkbegriff der Concept Art herbeispekuliert, ob man mit Relationen zu Schamangst, Ekel oder Sigmund Freuds Triebphasenmodell kommt, das Monumentale durchs Vulgäre kritisiert finden will, oder diese Krönung des Trivialen zur Institutionskritik erklärt (was man alles seriös tun kann), vor dem bunten Spielplatz der Global-Klo-Teile bleiben alle Kommentare im Kern ironisch.

Also doch kein Skandal für den berühmten Künstler, den Museumsbesucher für seine vielen kunstvoll konstruierten Tierfallen-Objekte schätzen? Eine Skulptur irritiert immerhin wirklich in dieser großen Satire-Show auf die europäische Kunstgeschichte: ein wuchtiger schwarzer Block aus zwölf Fäkalientanks am Eingang der Ausstellung weckt ähnlich wie Gregor Schneiders schwarzer Würfel, den er in Venedig nicht, aber in Hamburg vor der Kunsthalle dann doch aufbauen durfte, Assoziationen an die Kaaba, das Zentrum der muslimischen Pilgerfahrt in Mekka.

Das könnte Ärger geben. Aber vermutlich geht es in diesem Konzept-Kunst-Pedant zu dem Anal-Humor eines Sacha Baron Cohen als Provokation eher unter. Oder, um dem hier gefeierten Zwang zum Fäkalkalauer nachzugeben: In dieser herzlich fröhlichen Kunst-Verarsche ist ein Griff ins Klo der Ritual-Verscheißerung irgendwie auch wurst. Im Interpretations-Notstand ist auch diese vermeintliche Blasphemie nur eine Adaption von Piero Manzonis berühmter "Künstlerscheiße" in Dosen - nur in anderer Form und auch in anderer Größe.

Andreas Slominski in den Deichtorhallen Hamburg, bis 21. August; der Katalog erscheint im Juni 2016 im Snoeck Verlag.

© SZ vom 27.05.2016

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