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Ausstellung in Schweden:Trollklumpen und Unschuldswesen

John Bauers Trolle können auch freundlich und verschmitzt sein, worauf man sich allerdings nicht verlassen kann.

(Foto: John Bauer/Bukowsis)

Eine Stockholmer Schau feiert John Bauers Bilder. Seine Trolle sind Naturwesen, die sich dem Unbewussten tief eingegraben haben. Doch sogar der Nationalromantiker zeigt den Wald schon als Monokultur.

Von Thomas Steinfeld

Kurz bevor auf den Leinwänden nur noch Striche, Kugeln oder bunte Flächen zu sehen waren, bevölkerte die symbolistische Malerei die Kunst mit skurrilen Gestalten. Der Schweizer Maler Arnold Böcklin setzte Faune, Nymphen und Einhörner in die Welt. Der Belgier Fernand Khnopff malte Wesen, die sich aus einem Frauenkopf und einem Gepardenunterteil zusammensetzten. Und der deutsche Illustrator Josef Madlener ließ, wenngleich ein paar Jahre später, doch immer noch im Geist der Symbolisten, einen "Rübezahl" auftreten. Aus ihm ging, bewusst oder nicht, wiederum ein paar Jahre danach der Zauberer Gandalf hervor, den der britische Schriftsteller J. R. R. Tolkien zur Rettung von Mittelerde ausgeschickt hatte. Der Zusammenhang zwischen den Strichen, Kugeln und bunten Flächen, aus denen sich, beginnend in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, die abstrakte Malerei zusammensetzte, und den fabelhaften Figuren einer scheinbar auf fantastische Irrwege geratenen figürlichen Malerei ist dabei enger, als man man erwarten würde: Die einen meinten, einer höheren Wahrheit zu dienen, die anderen malten eine andere Wahrheit, doch hoch hinaus wollten auch sie.

In Waldemarsudde, der ehemaligen Villa des Prinzen Eugen (1865 bis 1947) auf einer Halbinsel vor Stockholm, ist gegenwärtig eine Ausstellung zu sehen, die dem schwedischen Maler John Bauer (1882 bis 1918) und seinem Werk gewidmet ist. Sie trägt den Titel "Trollbunden" (ein Wortspiel, das dem englischen "spellbound" nachgebildet ist, wörtlich "trollgebunden") und ist die erste monografische Schau zu John Bauer seit vier Jahrzehnten. Dabei gehören seine berühmtesten Arbeiten zu den Bildern, die man kennt, ohne zu wissen, wer sie schuf und woher sie kommen: Der Trollkönig, ein schwarzer Klumpen auf einem Fels in dunkelblauer Nacht (1909), das weiße Kind, das, begleitet von zwei mächtigen Trollen, durch den finsteren Wald zieht (1913), ein weiteres kleines, engelsgleiches Unschuldswesen, das zwischen hohen Bäumen hockt und in einen Teich blickt (1918): All diese Bilder sind tausendfach reproduziert. Sie werden als Postkarten und Plakate vertrieben. Sie gehören nicht nur zum Kernbestand einer volkstümlichen Gebrauchskunst, sondern zugleich zum Inventar einer schwedischen Nationalromantik, die auch in Deutschland beliebt ist.

John Bauer, an der Kunstakademie in Stockholm ausgebildet, war hauptsächlich als Illustrator tätig. Zunächst deutlich beeinflusst von Carl Larsson, umgeben von Malern, die sich, wie eben jener Prinz Eugen, der Hausherr von Waldemarsudde, die nordische Natur als ihr Sujet erschlossen hatten, arbeitete er mit deutlich gezogenen Konturen, geschwungenen Linien und einer dunklen, weichen Farbskala. Seinen Trollen ist anzusehen, dass sie die Schule der Karikatur besucht haben, an ihren dicken Nasen, an ihren massigen Körpern, aber auch daran, dass sie freundlich und verschmitzt sein können, worauf man sich allerdings nicht verlassen kann. Im Jahr 1907 begann er, für eine Serie von Büchern mit dem Titel "Bland tomtar und troll" ("Unter Wichteln und Trollen") zu arbeiten, schmalen Editionen nach britischem Vorbild, in denen Volksmärchen nacherzählt oder erfunden wurden. Sie erschienen einmal pro Jahr in der Vorweihnachtszeit und erreichten Auflagen von über hunderttausend Exemplaren, wobei Dreifarbendruck und Hochglanzpapier zum Erfolg beitrugen. Die meisten Aquarelle, die heute zu seinen bekanntesten Werken zählen, gehörten zu dieser Serie.

Für die Geschichtslosigkeit des Trolls steht der Wald, etwas Dunkles, Massives, Unendliches

Die Ausstellung, kuratiert von Carina Rech, einer deutschen Kunsthistorikerin, lässt erkennen, in welchem Maß John Bauers Werke Teil einiger großen Bewegungen der vorvorigen Jahrhundertwende sind. Auf der einen Seite gehören sie zu einem europäischen Symbolismus mit seinem Streben, dem Übersinnlichen eine sinnliche Gegenwart zu verleihen. Auf der anderen ist, etwa an den Arbeiten, die John Bauer von einer Reise nach Lappland im Jahr 1905 mitbringt, erkennbar, in welchem Maße sich hinter der Leidenschaft jener Zeit für Wichtel, Trolle, Zwerge, Elfen und Riesen ein ethnologisches oder anthropologisches Projekt verbirgt: weil es bei diesen Bildern um eine nur scheinbar deutliche, in Wirklichkeit aber instabile Trennung zwischen dem Menschen und der Natur geht, weil eine jede dieser Arten oder Spezies mit unverwechselbaren physischen Merkmalen ausgestattet wird, aber auch, weil John Bauer die Lebenswelten, in denen er seine Gestalten auftreten lässt, mit dem positivistischen Eifer eines Volkskundlers behandelt. Aber wie es so geht: Richtig wohl fühlt sich John Bauer offenbar nie in seiner Haut, und soll von sich selbst mit einer Ironie gesprochen haben, auf die seine Bilder nicht schließen lassen.

Der Troll, mit Hässlichkeit gestraft, mit seiner Unförmigkeit aber offenbar einverstanden, ist nicht nur eine melancholische, sondern auch eine regressive Gestalt. Er lebt in einer ihm fest zugehörenden Geschichtslosigkeit. Für deren Beständigkeit steht der Wald, etwas Dunkles und Massives, Unendliches, Undurchdringliches. Selten erscheint auf den Bildern ein Horizont, einen weiten Blick gibt es nicht. Dieser Wald ist ein Innen, zu dem es kein Außen gibt. Tut sich hingegen eine kleine Lichtung auf, um einem Engelskind in seiner zuweilen fast unglaublichen, ja schon obszönen Nacktheit einen Platz zu gewähren, erscheint das Lichtwesen von schlanken Bäumen umgeben wie von den Pfeilern einer Kathedrale. Bei den Bäumen, die auf John Bauers Bildern herumstehen, handelt es sich fast ausschließlich um Nadelbäume. Der Wechsel der Jahreszeiten ergreift sie nur im Detail, nie im Ganzen, und jede Nacht scheint mindestens zwanzig Stunden zu währen, falls es überhaupt je Tag wird. Als Selma Lagerlöf die "Wunderbare Reise des Nils Holgersson mit den Wildgänsen" schrieb, in den Jahren 1906 und 1907, wurde erwogen, John Bauer als Illustrator heranzuziehen. Doch die Probearbeiten gefielen der Schriftstellerin nicht: Vermutlich erschienen sie ihr als der Welt zu sehr abgewandt.

John Bauer starb früh, im Alter von nur sechsunddreißig Jahren, bei einem Schiffsunglück auf dem See Vättern. Gegen Ende seines Lebens hatte er ein neues Künstlertum ins Auge gefasst: jenseits der Trolle und der Märchen, jenseits einer Gebrauchskunst, die man für die Antimoderne schlechthin halten könnte, hin zu kubistischen, abstrakteren Formen. Auch seinen Nachfolger als Illustrator jener Buchserie hielt es indessen nicht lange bei den "Wichteln und Trollen": Gustaf Tenggren ging in die Vereinigten Staaten, wo er Art Director wurde und für Walt Disney "Schneewittchen und die sieben Zwerge" schuf, "Pinocchio" und "Bambi". Wie nahe die Moderne und die Welt der Trolle einander sind, lässt sich übrigens auch auf den Bildern John Bauers selbst erkennen: Denn der Wald, den sie zeigen, besteht nur aus gleichen und gleich alten Bäumen. Sie sind offensichtlich alle zur selben Zeit gepflanzt worden und werden zur selben Zeit gefällt werden. Der Märchenwald ist eine Monokultur und also eine Schöpfung der industrialisierten Landwirtschaft.

Trollbunden. John Bauer och den magiska naturen. Prins Eugens Waldemarsudde, Stockholm. Bis 24. Januar. Der Katalog ist nur auf Schwedisch erhältlich und kostet 399 Kronen.

© SZ vom 12.09.2020
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