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Ausstellung im MKG Hamburg:Der Mann, der die Frauen verstand

Peter Lindbergh revolutionierte mit seinen Fotografien die Modebranche. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt seine letzte Schau, die einzige, die je von ihm kuratiert wurde.

Von Tanja Rest

Herr Lindbergh, sind Sie ein Frauenversteher? Das war die erste Frage beim Interview im Büro der Münchner Hypo-Kunsthalle, deren kühle Eleganz das Arbeiterkind, das er ja nun war, noch klarer hervortreten ließ, die ausgebeulten Jeans, die aufgekrempelten Hemdsärmel, die raue Lache von der rechten Rheinseite. Er bemühte sich, den Frauenversteher erst mal abzuwehren. Sprach von 40 Jahren Transzendentaler Meditation, Empathie, seiner Liebe zu Menschen insgesamt. Um im nächsten Atemzug zuzugeben, na, es stimme schon, am liebsten fotografiere er Frauen. Weil die mutiger seien, durchlässiger, neugierig auf sich selbst.

Er hatte gerade 90 Seiten für die deutsche Vogue abgeliefert; "From Fashion to Reality", das gewaltige Best-of seines Schaffens, sollte am nächsten Abend in der Kunsthalle eröffnen und ein Publikumsrenner werden. Es war April 2017, und Peter Lindbergh, geboren in Duisburg, wohnhaft in Paris, galt endgültig als einer der besten Modefotografen der Welt.

Was natürlich ein Missverständnis war. Kleider haben ihn nie groß interessiert.

"Kleider sind gemacht für Frauen, und diese Frauen haben ein Leben, das nicht unbedingt von Kleidern bestimmt wird. Die Frauen sind erst mal wichtiger." So sah er das. Weshalb es auch kein Zufall ist, dass auf seinem wohl berühmtesten Foto keine extravaganten Couture-Looks, sondern schlichte weiße Hemden zu sehen sind, in denen Linda Evangelista, Naomi Campbell, Christy Turlington, Tatjana Patitz am Strand von Santa Monica herumtollen - Mädchen, die im August 1988 noch keiner kannte. Er hatte damals, als die amerikanische Vogue mit ihm arbeiten wollte, genug gehabt von den gekünstelten Posen, affektiert aufgeworfenen Lippen, all den lackbunten Hochglanzdiven. Er wollte Frauen, die modern, frisch und natürlich waren. Kleiderpuppen langweilten ihn. Farbe langweilte ihn auch.

Bei Vogue ließ man die Schwarz-Weiß-Aufnahme erst mal leicht verstört in der Schublade verschwinden. Dort fand sie Jahre später die neue Chefredakteurin Anna Wintour und erklärte sie kurzerhand zum wichtigsten Modefoto der Achtzigerjahre. Gleich drei Phänomene nahmen in diesem Moment Fahrt auf: Da war, zum einen, der kometenhafte Aufstieg der "Supermodels". Da war, zum anderen, die ähnlich kometenhafte Karriere des Peter Lindbergh. Vor allem aber wurde hier ein Frauenbild geboren, das man in der Mode bis dahin für unverkäuflich gehalten hatte.

Die Models hatten plötzlich Namen. Sie hießen Cindy, Linda, Naomi, später auch Claudia, Cara und Kate. Sie brachten eine Persönlichkeit mit ans Set, welche die luxuriösen Roben, die sie vorführten, in den Schatten stellte. Nicht alle Fashion Editors waren glücklich darüber - man machte schließlich ein Mode- und kein People-Magazin! Kaum leugnen aber ließ sich, dass die Frauen draußen in der richtigen Welt unabhängig geworden waren. Sie zogen immer noch Kinder groß, hatten dazu aber auch einen Job und verdienten ihr eigenes Geld. Sie waren nicht mehr scharf darauf, Schmuckstücke zu sein. Sie wollten sie selbst sein dürfen.

Kate Moss in einer Jeans-Latzhose, ein Träger über die nackte Schulter gerutscht; Uma Thurman, Kinn in die Hand gestützt, die rechte Gesichtshälfte im Schatten; Nadja Auermann, die in einem Hinterhof in Brooklyn bei Nacht im Regen tanzt ... Die Frauen begegnen Lindberghs Kamera auf Augenhöhe, sie zeigen etwas von sich, aber sie liefern sich nicht aus. Das ist das eigentlich Besondere an diesen Fotos: eine Nacktheit, die nichts mit dem Ablegen von Kleidung zu tun hat, sondern selbst gewählt, selbstbestimmt ist. Und in dieser Geste liegt eine unglaubliche Stärke.

Peter Lindbergh mag ein besonderes Gespür gehabt haben für Settings, er setzte ein meisterhaftes Licht und arbeitete mit den schönsten Frauen der Welt zusammen. Aber er manipulierte nicht. "Keine Tricks, keine Technik, keine Komplimente", so beschrieb er seine Arbeitsweise. Das war in den Neunzigern schon unüblich und ist es jetzt erst recht. "Heute kommt ein Foto an, und dann geht es so: Die Augen stehen zu weit auseinander, die schieben wir ein bisschen zusammen. Die Figur strecken wir um zehn Prozent, die Lippen machen wir dicker. - Jeder Idiot kann heute Gott spielen, das ist eine Katastrophe!" Sagte Lindbergh, und man konnte den Ekel heraushören.

Natürlich sind auch seine Fotos bearbeitet. Hier und da, räumte er ein, hat er mal ein Pickelchen rausgepixelt. Aber alles, was die Individualität eines Gesichts ausmacht - Leberflecke, Augenringe, Charakternase, Falten, - das blieb. Sein wichtigstes Kriterium für Schönheit? "Dass man die Courage hat zu sagen: Das hier bin ich." Und deshalb machte er den Leuten von Pirelli, als sie den Kalender des Jahres 2017 bei ihm bestellten, einen ungewöhnlichen Vorschlag: reife Frauen. Stars, die jeder kennt, aber ungeschminkt. Als die fast 50-jährige Nicole Kidman ohne Make-up vor seiner Kamera stand, sagte sie zu ihm: "Oh Gott, Peter, tun wir das hier wirklich?" Die Hashtags #Me too und #Bodypositivity waren noch nicht erfunden, und im ikonischsten Kalender der Welt, bekannt für junge, fast nackte Schönheiten, erschienen Charlotte Rampling, Julianne Moore, Robin Wright und Kate Winslet - erkennbar gealtert, Linien im Gesicht - und sind strahlend schön und ungeheuer sinnlich. Sein vielleicht menschlichstes Werk.

Die Bilder sind derzeit im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in einer Ausstellung zu sehen, die der Fotograf noch vor seinem Tod im Herbst 2019 selbst kuratiert hat.

(Foto: Henning Rogge)

Die Mode- und Beautyfotografie ist zuletzt unter Beschuss geraten. Es gab Vorwürfe der unzulässigen technischen Manipulation und, schwerwiegender, der sexuellen Belästigung am Set. Viele weibliche und männliche Models klagen darüber, sie würden bei Shootings mitunter gezwungen, Posen einzunehmen und Dinge zu tun, mit denen sie sich nicht wohlfühlten. Nimmt man dagegen nun Lindbergh, so gab und gibt es in dieser schwierigen Branche keinen Menschen, der nicht gerne mit ihm gearbeitet hätte.

"Er schaffte es, dass jeder, den er fotografierte, sich fühlte, als sei er in diesem Moment die wichtigste Person für ihn." Das sagte Tatjana Patitz im SZ-Interview ein halbes Jahr nach seinem Tod. Sie war damals am Strand von Santa Monica dabei gewesen und zum Supermodel geworden, eine der sogenannten Big Five. Lindbergh aber hatte sie auch dann noch fotografiert, als sich ihre Karriere dem Ende zuneigte und die großen Laufstegjobs seltener wurden. Weil die Faszination ihres Gesichtes für ihn kein Ablaufdatum hatte. "Er war stark, künstlerisch, menschlich fantastisch", sagte Patitz. Dass er friedlich im Schlaf starb, habe ihm entsprochen. "Aber für mich ging die Sonne unter."

Die Wahrheit ist, Peter Lindbergh war tatsächlich ein Frauenversteher - im besten und liebevollsten Sinne des Wortes.

© SZ vom 11.07.2020

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