Ausstellung Hundert Jahre Herrlichkeit

Irving Penn hat mit seinen Fotografien Kunst, Medien- und Werbegeschichte geschrieben. Nun hat eine große Retrospektive Berlin erreicht - und wirkt dort besonders prachtvoll.

Von Peter Richter

Gegen Ende hin, nach all diesen vielen, vielen Bildern, die Irving Penn in seiner langen, fruchtbaren Karriere gemacht hat, sieht man auch ein paar, die nicht von ihm sind, ihn aber zeigen: einen wirbelnden Mann mit energisch glänzender Stirnglatze. Er wirkt ein bisschen wie Jackson Pollock, der ja tatsächlich gerade mal fünf Jahre älter war, nur eben nicht mit Farbeimer, sondern mit Kamera. Ganz besonders auf einem Bild von Billy Jim ist die Ähnlichkeit verblüffend: Es zeigt Penn sportlich in ausgewaschenen Bluejeans auf dem Boden hockend und über seinen Apparat gebeugt, als wolle er den Kopf restlos in den Sucher hineinschieben, beim Scharfstellen auf ein paar ausgetretene Zigarettenkippen in einer New Yorker Gehwegpfütze.

Das war 1999, da war Irving Penn 82 Jahre alt, sah aus wie, sagen wir, 50 - und dass er im vergangenen Jahr tatsächlich 100 geworden wäre, ist noch schwerer zu fassen, vor allem weil so unklar ist, ob man eher ein "erst" oder ein "schon" vor diese Zahl setzen muss. Denn Penn kann einen nicht nur mit den vielen Richtungsänderungen in seinem Werk ein wenig schwindelig machen, er verwirrt schon auch das Zeitgefühl.

Es ist zwar sicher, dass er 1917 als Sohn jüdischer Einwanderer aus Russland, die in Amerika den Namen Penn angenommen hatten, in New Jersey geboren worden ist. Und die große Retrospektive, die nach Stationen in New York und Paris jetzt in Berlin gezeigt wird, heißt deswegen auch "Centennial", Hundertjahrfeier. Trotzdem macht es in den weitläufigen Galerien seines Werks den Eindruck, als sei er einerseits noch ganz lebendig und präsent (gestorben ist er 2009 mit auch schon 92 Jahren), und gleichzeitig so etwas wie ein prähistorischer Fotogott, der irgendwie immer schon da war. Es hat jedenfalls etwas geradezu Unwahrscheinliches, dass alle diese Bilder nur einem einzigen Fotografenleben entstammen sollen.

Es steckten ja auch wirklich mindestens zwei verschiedene Leben in dem einen

Die Spanne reicht ja von schwarz-weißen Straßenfotografien, die von frühen Pionieren stammen könnten, bis zu dem orchideenartigen Mund mit acht verschiedenen Lippenstiftspuren für eine Werbung von "L'Oreal". Oder, in umgekehrter Richtung, von Issey Miyake und seiner futuristischen Roboter-Mode bis zu Igor Strawinsky, horchend mit der Hand am Ohr in einer spitzwinkligen Pappmaché-Ecke, in die Penn einst auch Marcel Duchamp, Salvador Dalí, George Grosz und andere Berühmtheiten aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts hineingezwängt hatte. In Berlin haben sie diese Kulisse freundlicherweise aus museumspädagogischen Gründen nachgebaut, sodass Besucher mit dem Selfiestick am eigenen Leib erfahren können, was das mit den Fotografierten macht: Viele agieren sich aus, als wären sie wirklich existenziell in die Ecke getrieben.

Manche der Stillleben, die Irving Penn für die Vogue um 1947 arrangierte, wollten wirken und wirkten dann auch tatsächlich so, als hätten Caravaggio, Sánchez-Cotán und noch ein paar Holländer tief im 17. Jahrhundert für eine Camera obscura zusammengelegt. Dafür sieht Midcentury-Supermodel Mary Jane Russell, die sich 1951 mit dem spitzen Fingernagel einen Tabakkrümel von der Zungenspitze pflückt, bei Irving Penn so aus, als würde sie das in Wahrheit zur Musik von Grace Jones in der Diskothek "Studio 54" tun, irgendwann Ende der Siebziger, während die ausgetretenen Zigarettenstummel, die Penn zu dieser Zeit mit der Inbrunst eines Archäologen dokumentierte, tatsächlich etwas von Trümmern aus der Antike haben.

Aber es steckten ja auch wirklich mindestens zwei verschiedene Leben in dem einen: Neben Penn, dem erfolgreichen Modefotografen, gab es den Penn, der ursprünglich Maler werden wollte und dann als Fotograf von Ausflügen in die freie Kunst nicht lassen konnte. So sieht man ihn regelmäßig vor der hochtourigen Eleganzmaschinerie der New Yorker Modepresse zu den Quechua in Peru fliehen oder zu vollstverschleierten Berbern in Nordafrika oder aber in eine Aktfotografie der Nichtmodelmaße, aber nur um genauso regelmäßig zu den Brotjobs der kommerziellen Fotografie und zu den Prominentenporträts zurückzukehren. Zum Glück, wie man dann doch immer wieder sagen muss. Denn diese Arbeiten sind am Ende oft die noch größeren Kunstwerke. Auf jeden Fall dürften sie auch in Berlin die populäreren sein.

Die Ausstellung funktioniert hier noch besser als in New York, weil das Gebäude zu den Bildern passt

Ein Glück ist es nämlich unbedingt auch, diese Ausstellung hier noch einmal sehen zu können. Denn am Metropolitan Museum in New York war sie schon hinreißend (siehe SZ vom 13.6.2017), aber bei C/O Berlin ist sie vielleicht noch besser, noch schöner, noch großzügiger und dadurch noch zwingender. Das sieht sogar Jeff Rosenheim so, der Fotokurator des Metropolitan Museum.

Und wenn man ihn im Gedränge der Eröffnung fragte, warum er das auch so sieht, dann sagte er, dass es vielleicht auch am Gebäude liege - dem ehemaligen Amerika-Haus am Bahnhof Zoo, dieser Propagandaschönheit aus den Fünfzigerjahren. Kann sein, dass der Geist dieser Architektur mit dem der Fotos ganz gut korrespondiert. Sicher ist nur: Eine dermaßen lange Schlange wie zur Eröffnung an diesem Wochenende hat man in dieser Gegend von Berlin zum letzten Mal gesehen, als die Mauer gerade gefallen war und es an der Gedächtniskirche den Laden von Beate Uhse noch gab. Das ist aber auch nachvollziehbar, denn bei Irving Penn gibt es noch wesentlich Aufregenderes zu sehen.

Irving Penn: Centennial. Bis 1. Juli im C/O Berlin, Hardenbergstraße 22-24,3 Berlin. Info: www.co-berlin.org. Katalog (nur englisch) ca. 68 Euro.