Ausstellung Geprägte Freiheit

Warum guckt sich Finanzminister Schäuble alte Münzen an? Geld war im Mittelalter stabiler als heute, die soziale Lage aber nicht. Ein Einblick in das Dresdner Münzkabinett in seinen neuen Räumen im Residenzschloss.

Von Stephan Speicher

Die Welt von Münzen ist die von Macht und Reichtum - kein Wunder, das reiche und mächtige Männer ihr Vergnügen darin fanden, sie zu sammeln. Diese Leidenschaft hieß "Münzbelustigung". Einer der Ersten, die in Deutschland eine Münzsammlung anlegten, war der sächsische Herzog Georg der Bärtige oder auch der Reiche (1500-1539). Auf ihn geht das Dresdner Münzkabinett zurück, mit Berlin und München eine der drei großen deutschen Sammlungen. Nach Krieg, Abtransport in die Sowjetunion und Rückgabe war es über Jahrzehnte auf knappem Raum im Albertinum untergebracht und seit 2004 ganz ohne eigene Schauräume.

Das bessert sich gerade. Schritt für Schritt wird das Dresdner Residenzschloss wiederhergestellt, und nun bezieht auch das Münzkabinett hier sein Quartier, vier Räume für die Dauerausstellung, einer für Sonderausstellungen.

Münzen auszustellen, ist schwierig. Man muss die Münzen in fester Stellung zeigen und dabei so beleuchten, dass der Besucher die Details erkennt. Das ist in Dresden bemerkenswert gut gelungen. Die Ausstellungsarchitekten AFF Architekten Berlin haben die Wände mit Nussbaumholz verkleidet und die Vitrinen mit dunkelblauem Tuch ausgeschlagen. Das natürliche und also diffuse Licht ist weitgehend ausgesperrt, das Streiflicht erlaubt einen guten, konzentrierten Blick.

Geld war in der frühen Neuzeit stabiler als heute, die soziale Situation nicht

Der erste Saal behandelt die sächsische Münzgeschichte, was mehr ist als Lokalbummelei. Sachsen war seit der frühen Neuzeit eine Säule des deutschen Münzwesen. 1470 waren reiche Silbervorkommen im Erzgebirge entdeckt worden - noch lange sprach man von der Aufregung als dem "Großen Berggeschrey" -, und nun war es möglich, große Silbermünzen zu prägen, die Taler, genannt nach dem in Böhmen gelegenen St. Joachimsthal.

Im zweiten Saal wird ein Überblick über die Münzgeschichte gegeben, beginnend mit der Antike, und hier sieht der Besucher vielleicht am schönsten, was der Witz des Genres ist, der Grund der Münzbelustigung: Eine Didrachme aus Tarent (510-440 v. Chr.) zeigt einen Delfin mit Reiter, vielleicht den Sänger Arion. Allein der so schwungvoll gewölbte Rücken des Tieres gibt ein Bild seiner Beweglichkeit, Spielfreude und zugleich der Gefährlichkeit seiner Welt, des Meeres. Das ist in den einfachen Formen, die auf einem Metallstück von knapp 1,5 Zentimeter Durchmesser möglich waren, ein wahres Kunstwerk, eines von vielen übrigens.

Ein weiterer Saal zeigt den Zusammenhang von Münzen und Wirtschaft. Zuletzt geht es um Medaillen, Stücke, die nicht für den Zahlungsverkehr geschaffen wurden, sondern repräsentativen Wert hatten. Ludwig XIV. feierte seine Herrschaft in einer "histoire métallique", einer Folge von rund 180 Medaillen. August der Starke tat es ihm nach und stellte sich als Herkules dar, der die Weltkugel trägt oder die Hydra tötet.

An diesem Donnerstag werden bereits Wolfgang Schäuble und womöglich die anderen Finanzminister der G 7 durch die Räume geführt. Was werden sie mit den Augen der Geldpolitiker sehen?

Der weitaus größte Teil der Münzen sind Kurantmünzen: Deren Edelmetallgehalt verbürgt den Nennwert. Heute benutzen wir Scheidemünzen, Kreditgeld. Wohl gab es planvoll herbeigeführte Entwertungen, die sogenannten Münzverschlechterungen, mit denen der Edelmetallgehalt herabgesetzt wurde und der Staat also bei gleichem Silbereinsatz mehr Geld ausgeben konnte. Und natürlich schwankten die Edelmetallpreise, was bis ins 19. Jahrhundert nicht recht verstanden wurde.

In der großen Preisrevolution der frühen Neuzeit, ausgelöst durch die riesigen Mengen Silber, die aus der Neuen Welt nach Europa kamen, stiegen die Lebensmittelpreise binnen hundert Jahren auf das Siebenfache an. Das wurde als Explosion empfunden, entsprach, wie der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson festhält, aber einer Inflation von nur etwa zwei Prozent im Jahr, weit weniger als das, was wir seit den 1970er Jahren gewohnt sind.

Das Geld war stabiler, die soziale Situation nicht. Aber mit Kurantmünzen gab der Staat seinen Bürgern einen Wert in die Hand, über den er später nicht mehr ohne Weiteres verfügen konnte. Der Bürger konnte Silber oder Gold horten und war von seinem Fürsten unabhängig. Mit Banknoten hat er diese Unabhängigkeit nicht. Und gibt es erst einmal kein Bargeld mehr, dann haben Staat und Finanzwirtschaft die uneingeschränkte Kontrolle über unsere finanzielle Lage. So hatte eine Gold- oder Silbermünze tatsächlich etwas von geprägter Freiheit.

Münzkabinett im Residenzschloss Dresden. Ab 7. Juni. www.skd.museum.