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Schriftsteller:Arthur Schnitzler - Licht und Schatten dieser Welt

Arthur Schnitzler, 1894

Arthur Schnitzler im Jahre 1894

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Liebe, Tod, Trieb und Trauma begleiteten Arthur Schnitzlers Leben und sein Werk auf Schritt und Tritt. Sein "Traumtagebuch" dokumentiert nicht nur Schnitzlers bewegtes Seelenleben, sondern ganz nebenbei auch Wien.

Volker Breidecker

Im Anfang war ein Kuss, ein langer, langer Kuss: "Ich träumte heute Nacht, ich wäre beim Fenster, sie käme zu mir und zwar außen vom Fenster. Da war mir plötzlich, ich weiß nicht wie. Ich umarmte sie und küsste sie heiß und sie küsste mich wieder. Und so blieben wir einige Zeit und küssten uns fort und fort. Ich wachte auf, im Traum schon jubelte ich, ich habe sie geküsst - ein Kuss von ihr - und ich wachte auf. In lautes Weinen brach ich aus. Es dämmerte eben, ich war trübe gestimmt, sehr trübe."

Die Lippen, nach denen der 13-jährige Arthur Schnitzler verlangte, waren die seiner Jugendliebe Fanny Reich. Sie blieben realiter verschlossen. Schon in der nächsten Nacht befindet sich der melancholische Knabe wieder "allein in einer dunklen Kammer", schließlich "in einem finstern Gang"; und noch ein halbes Jahrhundert später entfährt ihm die Klage: ". . . es ist so schrecklich, in seinen Träumen mit sich allein zu sein."

Der erträumte Kuss bildet den Auftakt zur wohl faszinierendsten Neuerscheinung dieser Saison, Arthur Schnitzlers Traumtagebuch, geführt von 1875 bis 1931. Passend zum Auftakt endet es damit, dass der Diarist noch wenige Tage vor seinem plötzlichen Tod seiner letzten großen Liebe, der Übersetzerin und Autorin Suzanne Clauser, aus dem eigenhändig mit "Träume" betitelten Konvolut vorliest: Erst da wird ihm bewusst, wie oft ihm in seinen Träumen eine allzu früh "Entschwundene" erschienen ist. Eine andere große Liebe, die Sängerin Marie Reinhard, die - bereits Mutter eines totgeborenen gemeinsamen Kindes - im Alter von nur 22 Jahren unter den Augen ihres hilflosen Geliebten einer Sepsis erlag. Liebe und Tod, Trieb und Trauma begleiteten Arthur Schnitzlers Leben und sein Werk auf Schritt und Tritt, im Wachen und im Schlaf.

Extrahiert ist das Traumbuch aus den rund 8000 Seiten Diarium, das Schnitzler von Jugend an führte und das dank einer editorischen Großtat heute in zehn Bänden geschlossen vorliegt. Die Traumprotokolle nehmen bereits dort eine hervorstechende Rolle ein, an Zahl und Umfang, aber auch aufgrund ihres literarischen Werts als präzisen, oftmals eindringlichen Mikroerzählungen.

Grandioses Wunderwerk

Im Jahr 1921 hatte Schnitzler begonnen, die Traumtexte seiner Sekretärin in die Schreibmaschine zu diktieren. Da er gewöhnlich an mehreren Projekten gleichzeitig arbeitete - am längsten an der berühmten "Traumnovelle", die ihn ganze zwei Jahrzehnte begleitete -, war das Diktat bei seinem Tod erst im Jahr 1927 angelangt.

Die Herausgeber Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing haben das ursprünglich 428 Seiten umfassende Typoskript um die Traumaufzeichnungen der verbliebenen Jahre aus den Handschriften ergänzt. Was vorliegt, ist das Wunderwerk einer ebenso gut lesbaren wie äußerst sorgfältig kommentierten Edition. Es fehlen nur die Lesebändchen zum unverzichtbaren Nachschlagen zwischen Text, Stellenkommentar und Register: Dort beginnt nämlich jeder neue Buchstabe mit einer ellenlangen Liste von Initialen und Namen - Namen von Schnitzlers im Text durchweg abgekürzten Liebschaften.

Den Herausgebern ist zuzustimmen, dass mit dem Traumtagebuch über die zweite, gewissermaßen die Nachtseite von Schnitzler Biographie hinaus eine unschätzbar reiche Quelle für die "psychologische Geschichte" einer ganzen Epoche erschlossen ist. Da Schnitzler nicht nur das Personal - von Alma Mahler und Peter Altenberg über Hofmannsthal, Kraus und Klimt bis zu Berta Zuckerkandl und Stefan Zweig gehört die ganze Wiener Crème zur Besatzung seines Traumschiffs -, sondern auch die Schauplätze seiner Träume präzise festhält, ist so etwas wie eine zweite Topographie Wiens entstanden.

Als ob die Bilder rauschen

Zeitlich reicht sie von der Ringstraßenära bis zu den Anfängen des Austrofaschismus. Registriert werden auch viele von außen wie Albträume in die Träume des Dichters hineinragende Ereignisse, darunter Krieg, Krise und Revolution, aber auch - seismographisch erfasst - der zunehmend grassierende und aggressiver werdende Antisemitismus.

Schnitzler hat sich mit dem Traumbuch offenbar eine Sammlung von Stoffen und Motiven zum literarischen Gebrauch angelegt. Mannigfach sind die Berührungen zu seinen Werken, abgeschlossenen oder auch solchen, die noch in Entstehung oder in Vorbereitung waren. Schnitzler träumte dichterisch - das heißt er operierte mit den Werkzeugen der "Verdichtung" und "Verschiebung", die sein Zeitgenosse Sigmund Freund als "Traumarbeit" fasste. Im Gegenzug aber setzte die eigene Dichtung, die geträumte wie die literarisch gestaltete, sich auch wieder in Schnitzlers Träumen fest, ließ ihn weiterträumen und das Erträumte erneut im Blick auf das literarische Werk sowie auf das Leben und den Alltag des Träumers selbst kommentieren.

Nach all dem, was man über Sigmund Freuds erklärte "Doppelgängerscheu" gegenüber Schnitzler weiß, kann man nun in dessen Traumtagebuch nachlesen, dass solche Scheu auf beiden Seiten wirksam war. Schnitzler, der der Freudschen Psychoanalyse sehr kritisch gegenüberstand, sich aber zeitlebens intensiv mit ihr auseinandersetzte, hinderte dies und die zu Freud im langjährigen Wechselspiel jeweils gesuchte Nähe oder Ferne jedoch mitnichten, hin und wieder auch Begegnungen mit Freud zu träumen. Einmal sogar als dessen Patient und zwar ausgerechnet im Zusammenhang einer Ehekrise von der Art, wie sie schon Gustav Mahler - den Schnitzler bewunderte und in dem er sich oftmals spiegelte - dazu bewegt hatte, den Wiener Seelenarzt zu konsultieren. "Träumte diese Nacht", heißt es im Juni 1920: "Wartezimmer, aber irgendwie Theatersaal, privat, bei Freud. Ich als Patient. (. . .) Ich frage mich, wie ich zu ihm reden und meine Seelenleiden (welche) schildern soll, ohne in Tränen auszubrechen."

Skeptisch gegenüber Freud

Reservierter stand Schnitzler Freuds Lehren gegenüber: Zwar animiert ihn die frühzeitige Lektüre der "Traumdeutung" schon im Frühjahr 1900 erklärtermaßen zur intensivierten Traumtätigkeit, Freuds sexualisierte Traumsymbolik aber lässt ihn völlig. Dabei schildert er seine Träume über weite Strecken des Buchs nicht nur minuziös, er deutet sie auch vorsichtig assoziativ.

Im Unterschied zur Psychoanalyse zielt er aber nicht auf unbewusste Regungen und Wünsche, vielmehr schließt er von der manifesten Bildlichkeit des Traums auf das, was er das Halb- oder "Mittelbewusstsein" nannte: Gemeint war "eine Art fluktuierendes Zwischenreich zwischen Bewusstem und Unbewusstem", das Freud unterschätzte. Dem Mittelbewusstsein entsprechen auch die Schauplätze seiner Träume: architektonische Zwischenräume, Übergänge von Innen nach Außen, Scharniere und Brücken zwischen erfühlter und sichtbarer Welt, Stiegenhäuser, Hotelhallen, Wartesäle, Galerien, Bahnhöfe, Friedhöfe, aber auch Sektionssäle, die den Dichter, der das Seziermesser des klinisch tätigen Arztes mit der Feder ausgetauscht hatte und der - wie er einer engen Freundin gestand - "sich sozusagen in den Erlebenden und den Beobachtenden teil(e)", nie mehr verlassen sollten.

Am intensivsten aber träumt Schnitzler auf Reisen, etwa, wenn er zum kühnen Flug durch die Halle des Frankfurter Hauptbahnhofs ansetzt. Das Mittelbewusstsein ist auch das Feld jener "Nachklänge", die für Schnitzler, der seit seiner Jugend unter Ontosklerose und obendrein einem Tinnitus litt, auch eine sehr schmerzhafte und traurige Seite hatten. In seinen Träumen war es ihm, als ob die Bilder rauschten, er erfühlte sie, er erlauschte sie - wie im Kino: Seelenkino boten die Träume wie die Alpträume dieses leidenschaftlichen Kinogängers, der den berühmten Traummonolog der "Fräulein Else" so enden ließ: " ,Ich fliege ich träume . . . ich schlafe . . . ich träu . . träu - ich flie . . . ' Ende." Vor 150 Jahren, am 15. Mai 1862 erblickte Arthur Schnitzler in Wien das Licht und die Schatten dieser Welt.

ARTHUR SCHNITZLER: Träume. Das Traumtagebuch 1875-1931. Herausgegeben von Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 494 Seiten, 34,90 Euro.

© SZ vom 15.05.2012/cag
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