Art Basel Im Limbo

Die „Camouflage Pullover“ spielen die Hauptrolle in dem Film von Marc Brandenburg, eine der raren Videoarbeiten in Basel.

(Foto: Art Unlimited)

Auf der Art Basel redet die Szene nicht mehr über Gattungen oder Stilentwicklungen. Das Einzige, was die wichtigste Kunstmesse interessiert, ist der Markt - und was dort geht, ist: Malerei.

Von Catrin Lorch

Der Künstler ist schwer bei der Arbeit. Weiß und Rot stehen in großen Eimern bereit, Daniel Knorr wuchtet sie in die Nähe der gewaltigen Bürsten, die sich automatisch in Bewegung setzen. Dass der Künstler auf der Art Basel auftritt wie ein Tankstellenpächter ist keine Pose - er arbeitet an einer Waschstraße. Das rot lackierte Metalltor hat er so umgebaut, dass statt Wasser Farbe aus den Düsen rinnt und die Karosserie mit weißen Sprenkeln und roten Schlieren und blauen Drippings überziehen. Passenderweise blinkt gerade "Abstract Expressionism" auf dem Leuchtfeld, das anzeigt, welches Programm durchläuft, es gibt auch "Neo Dada" oder "Surrealism".

Was im vergangenen Jahr Jean-Michel Basquiat war, ist in diesem Georg Baselitz

Das Publikum folgt der Performance begeistert, wie immer wenn Autos und Kunst zusammen kommen. Der Kunstgeschichte wird auch festhalten, dass Daniel Knorr für "Laundry" Autos entworfen hat, die keine klimaschädigenden Auswirkungen haben, ohne Motor und Räder bestehen sie nur aus ein paar Leinwänden. Angeblich, so notieren es jedenfalls der Schweizer Rundfunk und die Neue Zürcher Zeitung, befasst sich die Kunstszene auf der Art Basel mit der Klimakatastrophe, weil auf dem Programm auch Diskussionen zum Wetter und zum ökologischen Fußabdruck der zeitgenössischen Kunst stehen. Allerdings ist das Auditorium, in dem debattiert wird, ungefähr so groß wie die Stände, die in der Collector's Lounge von den Herstellern von Luxusjets und Superyachten eingerichtet wurden. Und gegenüber dem Eingang der "Unlimited" Sektion hat die Parallelmesse "Art Miami" klassische Automodelle fast genauso arrangiert wie Daniel Knorr seine Attrappen.

Das ist das Spannungsfeld, in dem so eine Kunstmesse stattfindet. Und die Art Basel mit ihren 290 Teilnehmern ist eines der wichtigsten Spielfelder des Handels überhaupt. Dass man die frisch bemalten Karosserien der "Laundry" am Ende in Bilder zerlegen kann, ist das zweite, sprechende Motiv dieser Arbeit. Denn wenn irgend etwas geht auf dem Kunstmarkt dann ist es Malerei. Kann sein, dass Kuratoren und Kritiker Performance feiern oder in den vergangenen Jahrzehnten Fotografie, Film und Installation in die Museen einzogen. Die Händler, die auf der Hauptmesse teure Kojen gebucht haben, zeigen Malerei. Und was der Szene im vergangenen Jahr Jean-Michel Basquiat war - dessen Werke seither so gut wie ausverkauft sind - ist in diesem Jahr der Deutsche Georg Baselitz, schon in den ersten Tagen sind zwei Gemälde von ihm bei Thaddaeus Ropac verkauft worden und eine Bronze. Und während White Cube für das Baselitz-Bild "Supper" 2,5 Millionen Euro bekam, verkaufte Larry Gagosian ebenfalls zwei Bilder (behielt aber den Preis für sich).

Nun würde man denken, dass der vor mehr als 30 Jahren jung verstorbene Kubaner Basquiat und der deutsche Akademie-Professor Baselitz nicht eben viel gemein haben. Dennoch wäre es nicht richtig, die Hinwendung der Sammler von der einen zur anderen Malweise als Stilentwicklung zu beschreiben. Solche Erfolge haben derzeit mehr mit der Verfügbarkeit von Werken zu tun. Eigentlich kann niemand mehr so genau sagen, wie man die so heiß gehandelte Gegenwart eines Tages nennen wird, stilmäßig. Statt Gattungen und "Ismen" zu diskutieren, redet die Szene vor allem über den Markt.

Wird man die Gegenwart einst als die Epoche "Kunstboom" klassifizieren?

Rechtzeitig zur Messe hat der Amerikaner Michael Shnayerson, sein Buch "Boom: Mad Money, Mega Dealers, and the Rise of Contemporary Art" herausgebracht. Er beschreibt darin, den Boom des Handels mit zeitgenössischer Kunst als den "meteoritenhaften Aufstieg des größten unregulierten Finanzmarkts" überhaupt, angetrieben von einer Handvoll nicht eben zimperlicher Akteure. Sogar das Triumvirat der aktuellen "Mega-Dealer" stand ihm Rede und Antwort, das sind David Zwirner, Larry Gagosian, Iwan Wirth und Marc Glimcher, Sohn des Gründers der Pace Gallery. Shnayersons These ist, dass jeder neue Stil in der Nachkriegszeit von einer neuen Generation tatkräftiger Händler durchgesetzt wurde, ein Beispiel wäre Leo Castelli und die Pop Art.

Doch was sagt das über die Gegenwart aus? Wer die Stände der vier marktbeherrschenden Galerien betrachtet, wird sie nicht auf einen Nenner bringen können. Nach hunderten von Jahren Kunstgeschichte, die sich als Abfolge von Stile definierten, ist man in einem Limbo angekommen, in dem sich die Händler von allen Avantgarden emanzipiert haben und vor allem am weltumspannenden Erfolg ihrer Unternehmen arbeiten, an Strategien für eine globale Welt, in der mehr als 2000 Milliardäre nur darauf warten, dass man ihnen entgegen kommt. Wird man die Gegenwart einst als die Epoche "Kunstboom" klassifizieren?

Noch während Iwan Wirth in seiner Koje mit französischen Sammlern fachsimpelt, verschickt sein Team Pressemitteilungen, die auf die Eröffnung einer Niederlassung in Menorca hinweisen, wo bald das gleiche exquisite Portfolio erhältlich sein wird, wie in London oder Zürich. Und das ist - stilmäßig - nicht wählerisch, es reicht von den Fotografien August Sanders bis zu den Nachlässen von Jason Rhoades oder Eva Hesse, dazu kommen junge Namen wie Andy Hope oder Anri Sala.

Es ist bezeichnend, dass die vier Großgalerien sich aus der Konkurrenz der Galerien fast verabschiedet haben. Im vergangenen Jahr schlug David Zwirner sogar vor, selbst jüngere Galeristen bei ihrem Messe-Auftritt unterstützen zu wollen, damit das quirlige Umfeld der Art Basel nicht verloren geht. Marc Spiegler, Chef der Art Basel, reagierte darauf mit einer neuen Preispolitik, künftig zahlt, wer einen großen Stand bucht, eine höhere Miete pro Quadratmeter als die Kollegen, die sich nur kleine Kojen leisten können.

Die so international gewordene Szene hat keinen vielfältigen Markt hervorgebracht

Die echte Konkurrenz besteht in den Auktionshäusern, die noch den lukrativen Handel mit älteren Werten beherrschen. Dabei haben auch Großgaleristen inzwischen Zugang zu Sammlern, die den diskreten Weiterverkauf der Gemälde schätzen. Dann ist der vor einigen Jahren eingeführte Service der Art Basel gefragt, die in den Hallen Räumlichkeiten vermietet, in denen man Privatverkäufe arrangieren kann. "Ohne internationales Aufsehen", wie der Galeriemanager von Larry Gagosian anmerkt, der so ein Separee für die ganze Messewoche gebucht hat und dort ungefähr zwei Dutzend Werke präsentiert. Das sind fast so viele wie am Stand, aber solche "von wirklichem Wer", also Twomblys oder Picassos. Was die Formulierung "von wirklichem Wert" bedeutet, wo schon das lila Riesenherz von Jeff Koons am Eingang der Koje mit 14 Millionen Dollar ausgepreist ist, kann man sich ausrechnen.

Es war eine Illusion zu glauben, dass die so international gewordene Szene auch einen verästelten und weltumspannenden Markt generieren würde. Es bleibt nicht einmal viel Geld in der aktuellen Kunst hängen, wenn diese nicht direkt zum Abverkaufen taugt. Am Rheinufer kann man Sammlern zusehen, wie sie sich auf ihren Smartphones die Ankäufe vom Tag vorführen. Ein Schweizer googelt einen Moment, bis er stolz zeigen kann, dass sein Akquise - Jill Mulleady - nicht nur in den Statement-Kojen, sondern auch auf der Biennale in Venedig prominent gehängt war.

Auf dem gleichen Smartphone blitzt kurz eine andere Nachricht aus Venedig auf: Der litauische Pavillon, der bei der Biennale mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, kann sich die Aufführungen von "Sea and Sun (Marina)" nicht länger leisten.