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Argentinien:Die Wundertüte von Heidelberg

Carla Maliandi: Das deutsche Zimmer. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Berenberg Verlag, Berlin 2019. 168 Seiten, 24 Euro.

Wie bekommt man das Schlingern zwischen Manie und Depression, die Erfahrung des Exils und Kuscheltiere im deutschen Wald unter einen Hut? Carla Maliandis Roman "Das deutsche Zimmer" traut sich die Antwort zu.

Von Rudolf von Bitter

Eine Frau aus Buenos Aires, namenlos und jenseits des Studentenalters, setzt sich ab von zu Hause und landet in Heidelberg, wo ihr Vater als Philosophieprofessor die Zeit der argentinischen Diktatur überstand, in der Andersdenkende verfolgt, eingesperrt und oft von Staats wegen per Flugzeug ins Meer geworfen wurden. Die Empfindlichkeit von Angehörigen, wenn jemand ohne Nachricht verschwindet, dürfte entsprechend hoch sein.

Maliandis Erzählerin hat keine Notiz hinterlassen, besitzt offenbar kein Mobiltelefon und ruft nach einiger Zeit von einem Münzfernsprecher ihren bisherigen Lebensgefährten an, der aber - Wunder der Diskretion unserer modernen Technik - nicht erkennt, von wo sie anruft. Sie rufe an von Mar del Plata, sagt sie ihm, einem beliebten Badeort am Atlantik. Dass sie ihr irgendwie verfahrenes Leben hinter sich lassen könnte, ist Illusion. Der Tod des geliebten Hundes trifft sie, und ihr Ex nutzt das nicht einmal, um bei ihr etwas zu erreichen, sondern einfach so, um mit dem Erzeugen eines diffusen Schuldgefühls seinerseits Druck zu erzeugen.

Sie hat sich in einem Studentenwohnheim einquartiert, wo sie einer etwas klischeehaften Auswahl zwischenmenschlicher Begegnungsmöglichkeiten gegenübersteht: Ein Student vom Balkan, der mit jeder Frau Sex haben will, eine manisch depressive Japanerin, ein argentinischer Student, der hart geschuftet hat für sein Stipendium und sich verantwortlich fühlt für Maliandis Erzählerin und ihr auf den Kopf zusagt, sie sei schwanger. Was sich als zutreffend herausstellt.

Bevor die Situation zu kritisch wird - unerwartet schwanger, ohne Geld und wärmere Kleidung im kühler werdenden Deutschland und im Begriff, aus ihrer Studentenunterkunft als unberechtigte Nichtstudentin hinauszufliegen - geschieht das nächste unwahrscheinliche Wunder. Per Zufall gerät sie in die Philosophievorlesung eines Studenten ihres Vaters, ebenfalls Argentinier, dessen Lebensgefährte seinerzeit spurlos verschwand und der mit Maliandis Erzählerin über die Jahre Kontakt gehalten hatte. Dabei hatte sie ihn offenkundig bisher nicht auf dem Schirm und schon gar nicht nach ihm suchen wollen. Aber nun beginnt sie ein Liebesverhältnis mit dem Lebensgefährten ihres neu entdeckten alten Freundes.

Die Mutter als parasitische Ausbeuterin ihrer Tochter wäre ein spannendes Sujet für einen Roman

Die Frage, ob Depressive einen Anspruch darauf haben, rücksichtslos sein zu dürfen, hätte Maliandi aufschlussreich inszenieren können. Stattdessen schickt sie den alten argentinischen Freund mit Krebsverdacht in ein Krankenhaus nach Frankfurt und lässt die Japanerin Suizid begehen. Das bringt zwei neue Akteure ins Spiel: Die Schwester des anderen Argentiniers, Marta Paula, bekommt die blauen Schuhe der Japanerin nach Argentinien geschickt, wo aber eine Seherin, mit der sie Umgang pflegt, sofort das Böse an den Schuhen und dahinter die böse Mutter der Japanerin entdeckt.

Die kommt als zweiter und ungleich interessanterer Akteur ins Spiel: Sie schert sich herzlich wenig um den Tod ihrer Tochter. Vielmehr beginnt sie, Maliandis Erzählerin zu usurpieren, wie sie vorher offenbar schon ihre Tochter besetzt hatte. Die Mutter als parasitische Ausbeuterin ihrer Tochter wäre wohl ein spannenderes Sujet für einen Roman als eine Depression in Heidelberg. Die Mutter der Toten geht schon bald elegant dinieren und shoppen, genießt das Leben und die Kraft ihrer Kreditkarte und drängt sich mit Beharrlichkeit der Erzählerin auf, während Marta Paula weitere Warnungen vor der japanischen Mutter übermittelt.

Nachdem Krebs und Suizid schon vergeben sind, lässt Maliandi es an einem frühen Winterabend ganz märchenhaft werden, aber leider nicht magisch. Ihre Erzählerin folgt der japanischen Mutter heimlich, aber die strebt wie ein boshafter Kobold in die Tiefe des verschneiten Waldes, die Verfolgerin bleibt zurück, hat Kontakt mit irgendwie undefinierten kuscheligen Tieren, die aus dem Dunkel des Waldes zu ihr kommen, während sie endgültig, mit dem Blick ins nunmehr funkelnde Firmament, verstummt.

Wenn die Geschichte dieses Buches - vielleicht ohne das Ende, doch wer weiß - wahr ist, war es sicherlich interessant, sie sich erzählen zu lassen. Zu lesen wirkt es wie bundesdeutsche Selbstfindungsliteratur der Siebziger- oder Achtzigerjahre. Der Verlag hat seit seiner Gründung mit einem erlesenen Programm geglänzt, mit zu Unrecht vergessenen und unbekannten Stimmen, die sich als groß erwiesen haben. Hier aber hat man sich etwas aufschwatzen lassen. Das gehört zum Geschäft. Aber womöglich verkauft sich so eine Geschichte mit Kuscheltieren am verschneiten Waldrand wie warme Semmeln? Dann sollte man dem Verlag gratulieren.

© SZ vom 06.11.2019

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