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Architektur:Klares Votum im Denkmal-Streit

"Those who have crossed" von ULTRASTUDIO (Lars Breuer, Sebastian Freytag, Christian Heuchel, Guido Münch, Jürgen Wiener), Köln mit O&O Baukunst, Köln osd office for structural design und FSWLA Landschaftsarchitektur, Düsseldorf

Der kritisierte Entwurf "Those who have crossed" von Ultrastudio (Lars Breuer, Sebastian Freytag, Christian Heuchel, Guido Münch, Jürgen Wiener), Köln mit O&O Baukunst, Köln osd office for structural design und FSWLA Landschaftsarchitektur.

(Foto: Ultrastudio)

Die Umgestaltung eines NS-Ehrenmals in Düsseldorf wird neu gedacht. Der Entwurf war wegen seiner Dominanzpose selbst in die Kritik geraten.

Von Alexander Menden

Das klotzige "39er Denkmal" am Reeser Platz in Düsseldorf würden wohl nur wenige als großen künstlerischen Wurf einordnen. Als Teil nationalsozialistischer Erinnerungskultur wird das Monument für die Soldaten des 39. Füsilierregiments im Ersten Weltkrieg zudem schon seit Jahren kontrovers diskutiert. Erst vor kurzem bescheinigte ein Gutachten des Leiters der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte, Bastian Fleermann, dem Werk eine "klar nationalsozialistische Prägung". Zum Gegenstand einer ungewöhnlich hitzigen kommunalen Debatte ist es aber jetzt ausgerechnet dadurch geworden, dass die Kunstkommission der Stadt das Ehrenmal mit einer Art Gegenmonument überbauen und so inhaltlich konterkarieren wollte. Der erste Anlauf zu einer solchen zeitgenössischen Ergänzung ist nun vorerst gescheitert.

Der vorangegangene Wettbewerb sollte Ideen für eine pointierte und kritische Kommentierung des umstrittenen Denkmals von 1939 sammeln. Aus 67 Einsendungen wählte die städtische Kunstkommission, ein Gremium aus Künstlern und Politkern, den Entwurf der Kölner Gruppe Ultrastudio mit dem Titel "Those who have crossed" aus. Als inhaltlicher Bruch der Naziästhetik gedacht, sieht es eine 50 Meter lange, begehbare Rampe aus wetterfestem Baustahl vor, die das in eine Wand eingelassene Kriegerdenkmal überragen soll.

Doch gegen den prämierten Entwurf regte sich prominenter Widerstand: Künstler wie Günther Uecker, Gerhard Richter, Thomas Ruff, Katharina Sieverding, Klaus Staeck, Bogomir Ecker und die Schriftstellerin Ingrid Bachér unterzeichneten einen offenen Brief an den Düsseldorfer Stadtrat. "Nicht wieder der Aufguss von gestern", schrieben die überwiegend in Düsseldorf arbeitenden Künstler und Autoren. Besonders misslungen sei die "Hybris der Dominanz", die der Siegerentwurf signalisiere. Dieser sei "unterschwellig genährt von der Vergangenheit". Ingrid Bachér, die den offenen Brief auch initiiert hatte, merkte zudem an, das neue Mahnmal wirke "im Grunde wie ein Geschützrohr über dem Platz".

Angesichts dieser heftigen, offenkundig völlig unerwarteten Gegenreaktion entschloss sich die regierende Düsseldorfer Ampelkoalition zu einem ungewöhnlichen Schritt: Sie brachte in der Stadtratssitzung am Donnerstag einen neuen gemeinsamen Antrag ein, das von ihr selbst ausgerichtete, eigentlich bereits ordnungsgemäß abgeschlossene Auswahlverfahren erneut zu starten. SPD, Grüne und FDP forderten, "in Zusammenarbeit mit der Kunstkommission eine umfassende Beteiligung der Bürger*innen".

Die FDP ging noch weiter. Ihr Fraktionsvorsitzender Manfred Neuenhaus forderte, dass der Siegerentwurf gar nicht mehr als Option diskutiert werden sollte. "Bei einem Nazidenkmal" wolle er "nichts Zweideutiges zulassen", erklärte Neuenhaus in der Debatte. Dies wurde abgelehnt. Den Antrag auf eine Neuauswahl unter den vier bestplatzierten Entwürfen hingegen nahm der Stadtrat danach mit großer Mehrheit an.

© SZ vom 19.06.2020

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