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Architektur:Genial räudig

Das Architektenduo Lacaton & Vassal hasst es, alte Gebäude abzureißen. Lieber verwandelt es Vorhandenes in großzügig große Räume - für alle und außerdem zu günstigen Preisen.

Zugegeben, im ersten Augenblick ist man enttäuscht. Wer die Ausstellung über die französischen Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal in Innsbruck betritt, muss diese erst einmal suchen. Die Räume sind fast leer. Da gibt es keine aufwendigen Installationen und teuren Einbauten, ja nicht mal Modelle von den Gebäuden, die das Duo seit den Neunzigerjahren entwickelt hat. In dem Tiroler Architekturzentrum wurde für die Ausstellung nur mit dem Material gearbeitet, das bereits da war. Ein bis zwei großformatige Fotografien, direkt an die Wand geklebt, stellen die Projekte vor, eine schlichte Mappe liefert weitere Informationen zu jedem einzelnen anhand von Fotografien, Beschreibungen und Detailplänen. Im Erdgeschoss zeigen Diaprojektionen die Wohnbauten des Büros. Das ist es. Mehr nicht.

Gute Architektur muss keiner kleinen Elite vorbehalten sein, sie ist für alle möglich

Und genau damit, mit diesem fast schon Nichts an Ausstellung, ist man bereits mittendrin in der Arbeitsweise eines Architekturbüros, das zu den wichtigsten der Gegenwart gehört. Nicht nur, weil Lacaton und Vassal tollkühne Museen wie das Palais de Tokyo in Paris und irrwitzige Hochschulen wie die Architekturfakultät in Nantes bauen oder mondäne Wohnhäuser in ganz Frankreich, sondern vor allem, weil sie in jedem ihrer Gebäude nachweisen, dass gute Architektur keine Frage des Budgets ist. Nicht der Einsatz von teuren Materialien oder aufwendigen Technologien macht sie dazu, sondern die intensive Auseinandersetzung mit einem Ort, die Gedanken, was er und seine zukünftigen Benutzer brauchen. Demzufolge muss gute Architektur nicht einer kleinen Elite vorbehalten sein, sondern ist für alle möglich. Wie politisch dieser Ansatz ist, zeigt jeder Stadtspaziergang. Egal ob der in München, Stuttgart, Paris, London oder New York stattfindet. Ein Blick auf einen Neubau genügt. Es ist, als hätten die zukünftigen Bewohner ihren Gehaltsscheck an die bodentiefen Fenster geklebt. "Schöner wohnen nur für Reiche" lautet das Credo.

"Guter Wohnungsbau für alle ist absolut möglich", sagt dagegen Jean-Philippe Vassal. Der 1954 in Casablanca geborene Architekt weiß, wovon er spricht. 2004 hat er mit der ein Jahr älteren Lacaton und Frédéric Druot die viel beachtete Studie "Plus" veröffentlicht. Die französische Regierung plante damals im großen Stil die Sprengung der ungeliebten Betonsiedlungen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. 200 000 Wohnungen sollten abgerissen und wieder neu aufgebaut werden. Die Studie wies nach, dass es günstiger wäre, die Betonriesen zu attraktiven Wohnbauten umzubauen, mit deutlich mehr Platz, Licht und Komfort für die Bewohner, und das bei gleichbleibender Miete.

Was heute unter den Begriff Luxussanierung fällt und postwendend zur Verdrängung der angestammten Bewohnerschaft führt, sollte bei Lacaton und Vassal genau dieser zugutekommen. Und zwar indem konsequent die Vorzüge der inzwischen verhassten Moderne ausgenützt werden: der freie Blick der Solitäre, Grünflächen ringsum und eine beeindruckende Größe. Vorhandene Qualitäten bewahren und zu etwas Neuem transformieren, das ist die geheime Mission der beiden Architekten. Tatsächlich müsste es das Motto der Stunde sein, wo im Augenblick wie im Rekord Häuser abgerissen werden, die nur wenige Jahrzehnte alt sind. Ökologisch, ökonomisch, aber auch sozial ist das Wahnsinn.

Wie es anders geht, zeigten die Architekten beim Umbau des Tour Bois-le-Prêtre in Paris. Dem tristen Scheibenhochhaus - ehemals ein Vorzeigeprojekt der Moderne, mit einem identischen Double im Berliner Hansaviertel - rasierten sie an einer Seite die Fassade ab und setzten eine neue Raumschicht aus umlaufenden Balkonen davor. Eine Wohnung von 44 Quadratmetern hatte plötzlich 26 Quadratmeter mehr und vermittelte ein Raumgefühl, als würde man sich nicht im 17. Arrondissement befinden, sondern in einer Villa auf dem Land. Mit offenen lichtdurchfluteten Räumen, silbern glänzenden Vorhängen, die glamourös im Wind tanzen, und einem weiten, unverstellten Blick nach draußen.

"Die Qualität des öffentlichen Raums", davon ist Vassal überzeugt, "beginnt bei jedem Einzelnen zu Hause." Wer dort genug Platz hat, etwa um Freunde einzuladen oder seinen Hobbys nachzugehen, wird entspannter seine Wohnung verlassen als der, der nur Raum für das Nötigste hat. Viele Sozialbauwohnungen sind viel zu klein, um selbstbestimmt dort zu leben. Alles ist vorgegeben: wo das Bett, der Tisch und der Stuhl zu stehen haben genauso wie das Bad aussehen muss. Kein Raum ist frei von Zuschreibungen. Das degradiert nicht nur die Bewohner, sondern auch die Architekten. "Die dürfen nur noch entscheiden, ob der Bau rot oder blau angestrichen werden soll", sagt Vassal. Kürzlich wurde dem Architekten bei einem Wettbewerb in Hamburg erklärt, dass der soziale Wohnungsbau, um den es dort ging, keinen Balkon haben dürfe. Der Entwurf von Lacaton und Vassal schied damit aus - obwohl er im Budget geblieben wäre. "Wenn wir gute Wohnungen für alle bauen, kann daraus alles Mögliche entstehen. Sozialer Wohnungsbau dagegen wird immer nur sozialer Wohnungsbau bleiben."

Das Büro mit gerade mal fünf Mitarbeitern wehrt sich gegen die Marktlogik, dass Wohnungen immer kleiner und immer teurer werden müssen. Für die Architekten sind großzügige Räume etwas, worauf alle Einkommensklassen ein Recht haben. Das versuchen sie umzusetzen, ohne die Realität dabei außer Acht zu lassen. Auch sie wissen, dass die Städte dichter werden müssen. Aber für sie bedeutet das eben nicht, dass Arme in winzige Wohnungen ziehen müssen. Im Gegenteil. Sie versuchen, mehr Platz für jeden zu schaffen und das Grundstück so gut es geht auszunützen, indem sie die Flächen zwischen den Gebäuden verringern.

Und noch etwas zeigen Lacaton und Vassal: dass guter, bezahlbarer Wohnbau auch im großen Stil möglich ist. Genau das brauchen wir gegenwärtig so dringend. Das feine kleine Traumhaus, so schön es sein mag, wird nicht die Wohnungsnot in den Städten lindern. Gut gemachte und klug durchdachte Wohnriesen dagegen schon.

Mit einfachen Mitteln und Techniken so viel freien Raum wie möglich zu schaffen, ist seit jeher das Ziel dieser vielfach ausgezeichneten Architekten, die beide auch lehren, Vassal in Berlin, Lacaton in Zürich. Anfang der Neunzigerjahre bauten sie für eine Familie bei Bordeaux. Das Budget war extrem knapp, etwa 55 000 Euro. Am Ende gab es dafür 185 Quadratmeter. Was klingt wie ein Rechenwitz, gelang durch viel Planung. Immer wieder warfen Lacaton und Vassal den Entwurf um, damit er im Budget blieb. Am Schluss war er radikal simpel: ein einfacher Holzkörper, über den die Architekten ein großes Gewächshaus aus Fertigteilen stülpten. Die Fläche zwischen Holzkubus und Polycarbonatplatten - insgesamt ein Drittel des Gebäudes - ist unbeheizt. Jahre später erzählten die Bauherren, dass sich die Familie genau dort am meisten aufhält.

Den transluzenten Platten ebenso wie einer minimalistischen Architektursprache sind die Franzosen seither treu geblieben, was all ihren Bauten eine gewisse robuste Freigeistigkeit verleiht. Auch, weil sie so Räume schaffen, die zwischen Innen und Außen changieren. Es sind sprichwörtlich Zwischenräume, die sich nicht klar zuordnen lassen. Durch thermische Vorhänge kann der Bewohner die Temperatur dort regulieren. Konstante 21 Grad wie hierzulande üblich wird er trotzdem dort nicht haben, dafür die Freiheit, sich seinen eigenen Raum so zu gestalten, wie er will. Wie unterschiedlich die Bewohner das tun, zeigt die Innsbrucker Ausstellung. Die beiden gehören zu den wenigen Architekten, die ihre Bauten fotografieren lassen, nachdem die Bewohner eingezogen sind, sprich nachdem die durchgesessene Ledercouch, das grellbunte Plastikspielzeug der Kinder und die holzvertäfelte Bar ihren Platz gefunden haben.

Mut zur Hässlichkeit, auch das könnte man den beiden attestieren. Der Leiter des Tiroler Architekturzentrums, Arno Ritter, spricht sogar im Bezug auf das Palais de Tokyo in Paris von einer Art Räudigkeit. Den neoklassizistischen Bau aus den Dreißigerjahren haben Lacaton und Vassal zu einem der spannendsten Ausstellungsorte der Gegenwart gemacht, gerade indem sie kaum etwas taten. Irgendwo zwischen Loft, Ruine und Rohbau, lädt das Gebäude durch diese raue Offenheit die Künstler zur Aneignung des Ortes ein. Vassal ist im Nachhinein froh, dass damals das Budget so klein war. "Wenn man zu viel Geld hat, wächst die Gefahr, zu viel zu machen."

"Wenn man zu viel Geld hat, wächst die Gefahr, zu viel zu machen."

Das ist keine Aussage, mit der man sich bei allen Kollegen beliebt macht. Auch das Motto von Lacaton und Vassal "Niemals abreißen!" löst bei anderen Baumeistern nicht immer Begeisterung aus. Genauso wie ihr Ansatz, auch mal nicht zu bauen, wenn sie finden, dass der Ort bereits in Ordnung ist. Und sowieso: Das Budget ist beiden heilig. Eine Kostenexplosion gibt es bei ihnen nicht. Dafür gerne mal doppelt bis dreimal so viel Raum wie ursprünglich angedacht, weil die Architekten so sparsam gebaut haben.

"Bauen ist eigentlich ziemlich einfach", sagt Jean-Philippe Vassal. Ein Dach, Wände und der Boden. Zu dieser Einfachheit wollen er und Anne Lacaton wieder zurück. Nicht um die Architektur ärmer zu machen, sondern um den Luxus allen zu ermöglichen: große Räume für jeden.

Lacaton & Vassal. Inhabiting: pleasure and luxury for everyone. aut. Architektur und Tirol, Innsbruck. Bis 6. Oktober. Infos unter: www.aut.cc