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Architektur:Frust am Bau

Die Pandemie erreicht Architekten und Ingenieure. Von der Hochstimmung der Branche vor der Coronakrise ist nicht mehr viel übrig. Bei einer Online-Umfrage stellten sich über die Hälfte der 9000 Beteiligten auf "wirtschaftlich schwierige Zeiten" ein.

Von Gerhard Matzig

Der Baumeister Senenmut sagte zu pharaonischer Zeit: "Ich war der Größte der Großen im ganzen Land." Auch die Wertschöpfungskette "Bau" gehört mit zweieinhalb Millionen Erwerbstätigen zu den Giganten hierzulande. Doch jetzt ist auch diese Branche bedroht von der Pandemie. Das gilt jedenfalls für die Garanten der Baukultur, für die meist mittelständisch organisierten Architektinnen und Architekten. Das Virus hat die Baukunst erreicht.

Dass am Beginn der Corona-Krise im Gegensatz zu den Hoteliers, Gastronomen oder Angehörigen des Kunstbetriebs wenig von den Ingenieuren und Planern zu hören war, ist logisch. Planungs- und Bauleistungen sind Tanker in voller Fahrt, die bei gestoppten Maschinen weiter geradeaus fahren. Außerdem ging es den Architekten zuletzt gut - im Gegensatz zur ersten Dekade des Jahrtausends, als manche Architekturkarriere am Taxistand oder in der Umschulung zum Fengshui-Berater endete.

Die von einem überhitzten Immobilienmarkt befeuerte Konjunktur am Bau, wo nicht nur Ortbeton sondern auch Betongold verarbeitet wird, wirkte sich auch auf die Architekturbüros erfreulich aus. Die Branche hätte jubeln können, wenn sie dafür inmitten des Entwerfens von Schulen, Bürobauten und Wohnungen (oder nach dem Abendstudium als Folge baupolitischen Bürokratiefurors) Zeit gehabt hätte. Doch jetzt ist die Party vorbei.

Eine aktuelle Umfrage von Bundesarchitektenkammer und Bundesingenieurkammer zeigt, dass sich insbesondere Architekturbüros "auf wirtschaftlich schwierige Zeiten einstellen müssen". An der Online-Umfrage haben sich mehr als 9 000 Vertreter aller Fachrichtungen beteiligt, also auch Innenarchitekten und Stadtplaner. Das Ergebnis: 58 Prozent der befragten Büroinhaber stellen "negative wirtschaftliche Folgen für das eigene Büro" fest. Besonders häufig betroffen sind Büros für Innenarchitektur. 53 Prozent der Befragten erwarten Liquiditätsengpässe - fast jeder fünfte Planer leidet jetzt schon darunter. Die meistgenannten Probleme sind: abgesagte oder zurückgestellte Aufträge (52 Prozent), Verzögerungen im Genehmigungsprozess durch eine unterbesetzte öffentliche Verwaltung (41) sowie Störungen auf der Baustelle (34).

Angesichts solcher Zahlen wächst dem Thesenpapier des Architekten Reinhard Angelis, der Vorsitzender des BDA Köln ist, eine gewisse Brisanz zu. Das "Memorandum zur Situation des Berufsstands" trägt den Titel "Regionale Architektur-Vielfalt in Deutschland vor dem Aus".

Die Quarantäne zeigt doch, wie wichtig qualitätvoll geplanter Lebensraum ist. Oder wäre

Darin wird die Bau-Rezession, die sich am Horizont abzeichnet, in Verbindung gebracht mit der jüngst per EuGH-Urteil auf den Weg gepressten Veränderung der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure: "In Verbindung mit der vermuteten Rezession wird das zu einem ruinösen Preiskampf führen, mit dem Ergebnis, dass qualitätvolle Architektur nicht mehr zu auskömmlichen Preisen angeboten werden kann." Mit "hoher Wahrscheinlichkeit" erfolge daraus, so Angelis, "eine Marktbereinigung" zugunsten von wenigen Großbüros, "die andere Vertragskonditionen durchsetzen können". Das deckt sich mit der Erhebung der BAK, wonach den kleineren Büros schon jetzt das Geld ausgeht, während die großen, Hundertschaften von Angestellten umfassenden Büros noch den Mangel von Aufträgen beklagen können. Eine mögliche Folge für Nachcoronazeiten: Wenige große Büros gestalten den konjunkturell reanimierten Bau einheitlich. Verödung droht.

Das Bauen ist - zum einen - eine immer auch regionale Tradition; zum anderen lebt die Baukultur von der Differenzierung und davon, dass auch kleinste Bauaufgaben, das ganz normale Alltagsbauen, planerisch intensiv betreut werden. Angelis fordert daher unter anderem ein Überdenken des Vergaberechts und eine Selbstverpflichtung der Kommunen zu "auskömmlicher Honorierung". Das Förderprogramm "regionale Baukultur", das als Idee ebenfalls im Memorandum auftaucht, wagt man kaum hinzuschreiben - denn was soll nicht noch alles gefördert werden? Und von welchem Geld eigentlich? Andererseits konnten wir ja gerade in der Quarantäne am eigenen Leib erleben, wie überlebenswichtig ein qualitätvoller Lebensraum ist. Oder wäre.

© SZ vom 07.05.2020

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