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Architekt Santiago Calatrava:Der Bahnhof an Ground Zero ist ein bestellter Knalleffekt

Der U-Bahnhof von Star-Architekt Santiago Calatrava sieht aus wie ein Dinosauriergerippe und kostet vier Milliarden Dollar. Aber was sind schon Zahlen, wenn man staunen kann?

Gewollt war, dass die New Yorker an einen Phönix denken, denn Asche gab es nach den Anschlägen am Ground Zero genug, und ein Zeichen für neuen Aufschwung wurde gewünscht. Aber mit derart metaphorischer Bau-Bionik ist es immer so eine Sache: Nachdem wie überall beim wiedererstandenen World Trade Center die Sicherheitsexperten ihre Hände an das fragile Design gelegt hatten, erinnert das Ergebnis nun an ein Dinosaurier-Gerippe. Aber Saurier sind ja auch etwas Faszinierendes. In New Yorker Kindergärten werden sie zum Beispiel durchgenommen, nachdem der Big Bang und die Planeten dran waren, denn gerade die Kleinsten mögen alles, was sehr groß oder sehr weit weg ist; das Wort "inkommensurabel" ist vielleicht noch zu kompliziert, wenn man mit Choo-Choo Trains spielt, wäre aber ebenfalls treffend.

Die Teileröffnung von Santiago Calatravas U-Bahnhof am World Trade Center hat am Donnerstag nun gezeigt, wie praxisnah so eine Vorbereitung auf das Leben in dieser Stadt ist: Der stachelige Überbau wird in New York fast schon offiziell als Spinosaurus bezeichnet oder aber mit dem schönen Wort "boondoggle", was man leider nur mit dem eher hässlichen Begriff "Verschwendung öffentlicher Mittel" übersetzen kann, denn die Kosten waren das, was man astronomisch nennt: vier Milliarden Dollar, ungefähr so viel wie der Hochhausturm des World Trade Centers selbst schon gekostet hat und doppelt so viel wie geplant. Wobei zwei Milliarden ja auch schon beeindruckend viel sind für einen U-Bahnhof, der im Verkehrsaufkommen in New York eigentlich erst an 18. Stelle kommt. Genau genommen ist es sogar nur ein Bahnhof für die Pendlerzüge aus New Jersey mit ein paar labyrinthischen Umsteigemöglichkeiten in die U-Bahn.

Aber die großen Jungs von der Hafenbehörde, der das Areal gehört, hatten nun einmal einen Knalleffekt bestellt, und der spanische Architekturaristokrat, längst selbst in New York lebend, hat exakt das geliefert.

Sieht es elegant, schnittig und sehr nach Calatrava aus? Aber wie! (Es ist nicht gänzlich eine Kopie seines Bahnhofs von Lyon, es ist gleichzeitig auch eine seines Kunstmuseums in Milwaukee, wo die stacheligen Flügel sogar tatsächlich flattern können.) Hat die Bahnhofshalle, die natürlich auch eine Shopping Mall ist, einen angemessen prätentiösen Namen? Sicher: Oculus. (Weil das Licht von oben kommt und ein Vergleich mit dem Pantheon das Mindeste ist.) Und wird der Bauherr Rücklagen für die üblichen Reparaturen machen müssen? Wenn er will, dass auch nach ein, zwei Jahren Benutzung alles noch so weiß und matt glänzt, vermutlich schon.

Aber bis dahin wird Instagram längst aus den Nähten platzen vor Bildern aus dem Inneren dieses Saurierbrustkorbs, dessen Rippen das Einzige sind, was an diesem Ort noch eine Erinnerung an die Struktur der zerstörten Twin Towers weiterträgt. Und wenn wir Architekturkritiker schon längst ganz andere Exzesse tadeln, werden jährlich Millionen in diesem Wahnsinn stehen und staunen wie im Kindergarten, wo selbst die größten Zahlen letztlich nicht wirklich was bedeuten.