Archäologisches Landesmuseum Brandenburg Der sanfte Beat der Stalaktiten

Auch unsere Vorfahren liebten und machten Musik. Sie erfanden ihre Instrumente aus Kieferknochen des Mammuts. Eine Ausstellung zu Objekten und deren Klängen aus 40 000 Jahren Musikgeschichte.

Von Helmut Mauró

Sieht aus wie eine Vorform des Sousafons, jener um den Körper geschlungenen Basstuba, die bei amerikanischen Marschkapellen beliebt ist. Auf nahezu jeder Straßenparade kann man sie sehen, der Schalltrichter überragt den Spieler um eine Kopflänge. Schon optisch ein Signal. Doch das Sousafon der Bronzezeit, die Lure, hat außer der geschlungenen Röhre und dem weithin sichtbaren Schalltrichter nicht viel gemein mit dem modernen Blasinstrument. Spätestens wenn der Archäologe Joachim Schween das Instrument an den Mund setzt, hört man das auch. Die Lure ist trotz der Größe kein Bassinstrument, ihr scharfer, lauter Ton reicht bis in höchste Höhen. Damit konnte man, diese Zweckbestimmung liegt ziemlich nahe, dem militärischen Gegner Furcht einflößen. Später haben die Kelten den Schalltrichter entsprechend zu Drachenköpfen umgestaltet.

In einer groß angelegten Ausstellung des Archäologischen Landesmuseums Brandenburg kann man Nachbauten dieser alten Instrumente bewundern, vor allem: Man kann sie hören. In der Schau durch aufwendig gestaltete, zum Teil interaktive Vorrichtungen. Es gibt sie auch online. Das unterscheidet diese europäische Wanderausstellung wohltuend von anderen Präsentationen alter Musikinstrumente, bei denen man erraten muss, wie sie wohl klangen. Wie sehr man dann danebenliegen kann, zeigt gerade die Lure, die in weniger lärmverseuchten Zeiten wie eine Schallkanone gewirkt haben muss. Die militärische Funktion der Musik hat sich ja bis in die jüngste Zeit erhalten, zuletzt als Kavalleriemusik mit Trompeten und Pauken, die noch bis ins zwanzigste Jahrhundert Macht und Stärke repräsentierte, bevor sie zur Touristenkapelle vor königlichen Residenzen degradiert wurde.

Einige der ältesten Instrumente lassen sich als Vorläufer oder Varianten moderner Klangkörper verstehen. Flöten aus Vogelknochen und Mammutelfenbein, die der Homo sapiens vor 38 000 Jahren schnitzte, fand man auf der Schwäbischen Alb, und in Slowenien sogar eine Bärenknochenflöte der Neandertaler, die mehr als 50 000 Jahre alt sein dürfte. Auch davon liegen in dieser Ausstellung neben den Vitrinen mit den Originalen mehrere Rekonstruktionen, die man selber benutzen darf. Das kann manchmal recht laut werden in den gotischen Gewölbegängen des ehemaligen Klosters St. Pauli, in dem das Archäologische Museum residiert. Aber es ist der richtige Ansatz, den Verwendungssinn von Musikinstrumenten zu vermitteln.

Ein rekonstruiertes Lithophon aus Feuersteinklingen.

(Foto: Heimberg/BLDAM)

Vor manchem Knochenhaufen steht man trotzdem ratlos. Schwirrplättchen aus Hirschgeweih, die man an einer Schnur durch die Luft sausen und pfeifen lässt oder Rasseln aus allerlei Getier - sie haben den Einzug ins moderne Symphonieorchester verpasst und sind dem Vergessen anheimgefallen. Die Schneckenhörner und Keramikflöten mögen dagegen dem Jäger wohlvertraut sein, der noch heute auf ähnliche Weise Jagdbeute anlockt. Und dann gibt es noch eine ganze Menge Instrumente, über die man gar nichts weiß. Deren Existenz man nicht einmal kennt. Denn alles, was aus leicht kompostierbarem Material geschaffen wurde, hat nicht überlebt. Und vieles von dem, was ausgegraben werden konnte, ist nur bruchstückhaft vorhanden. So frustrierend die Darstellung der großen Überlieferungslücken ist, so sehr sie mit einem Mal allen Glamour abzieht, so wichtig ist sie für ein umfassenderes Verständnis dessen, wie und woraus sich Musik entwickeln konnte.

So wie die Aufzeichnung von Musik, sei es in Notenschrift oder selbst als Schallplatte, niemals die ganze Wirklichkeit erfassen kann, so ist auch das Herzeigen der Instrumente oft nur ein fragmentarischer Hinweis auf die musikalische Wirklichkeit. Die Originale können aus Gründen konservatorischer Vorsicht meist gar nicht gespielt werden, und die Abweichung der Nachbauten vom Original ist nicht gut einzuschätzen. Denn schon minimale Differenzen in der Zusammensetzung des Materials oder der heute unbekannten Herstellungstechniken können ein ganz anderes Klangbild ergeben. So ist die Bronzewand der Lure, die Joachim Schween spielt, mit etwa zwei Millimetern fast doppelt so dick wie das Original, von dem man bis heute nicht weiß, mit welcher speziellen Gusstechnik es hergestellt wurde.

Kleine Hinweise erzählen Großes über Musik und Spielpraxis der Instrumente

Aber Material und Herstellung sind eine Sache, eine andere ist die Spieltechnik und die tatsächlich genutzten Möglichkeiten eines Instruments und schließlich die daraus praktizierte Musikkultur. Kleinste Hinweise können dabei Großes verraten. Eine Scharte am Holzkorpus einer antiken Lyra erzählt uns, dass das Instrument mit einem Plektron gespielt wurde - das weiß man auch aus Vasendarstellungen, und dass ein durchaus kräftiger Anschlag nötig und erwünscht war. Also keineswegs ein zartes Zupfen, wie es Peter Ustinov als Film-Nero zelebriert. Den Klang muss man sich wahrscheinlich eher als das Ergebnis aus melodischem Zupfen und Akkordschlägen vorstellen, wie er etwa in einer sizilianischen Tarantella zu finden ist.

Es wäre also naheliegend, die Musikethnologie zu Rate zu ziehen und aus den Resten noch vorhandener Volksmusik im Gebiet der antiken Großreiche jene strukturelle Substanz zu destillieren, die Hinweise auf die Spielpraxis der jeweiligen Instrumente geben kann und darüber hinaus vielleicht auch eine Vorstellung von der Musik selbst. Denn die grundsätzlichen Funktionen wie Epos und Tanzmusik und damit verbundene elementare Strukturen gab es damals wie heute. Derzeit, das zeigt sich auch in Brandenburg, liebäugelt die Grabungsforschung aber eher mit einer experimentellen Musikarchäologie - dazu gibt es im April ein Symposium -, bei der die rekonstruierten Instrumente der Fantasie ausgebildeter oder experimentierender Musiker überlassen werden.

Das bringt zum Teil überraschende Ergebnisse, ganze Konzertabende werden in ernster Probierlaune bestritten, aber man weiß nie, ob man ans Licht der Erkenntnis oder in die Dämmerung esoterischen Wohlgefühls gewiesen wird. Aber auch hier führen sicherlich mehrere Wege nach Rom, und in den letzten Jahren hat man tatsächlich einige wertvolle Erkenntnisse über Herstellungstechniken und die akustischen Bedingungen paläolithischer Instrumente gewinnen können. So weiß man inzwischen auch, dass unsere Vorfahren sehr präzise bestimmte Steine, vor allem von Stalaktiten, auswählten, die einen sehr sauberen Klang hervorbringen. Man kann daraus, wie in der Ausstellung präsentiert, ein steinernes Xylofon anordnen. Dass diese Klingsteine keine zufälligen Funde waren, wusste man erst, als ein Forscher in einer Tropfsteinhöhle den Klang der Stalaktiten untersuchte und entdeckte, dass die gut klingenden vor Urzeiten mit einem roten Punkt gekennzeichnet waren.

Die Tropfsteinhöhle als Konzertsaal - eine Frühform der Elbphilharmonie

Man kann sich vorstellen, dass die Höhlenbewohner auf diesen spielten, also die vorhandene Umgebung unter anderem als ein einziges großes Musikinstrument empfanden, sich fühlten wie Musiker in der Elbphilharmonie, und sie in gottgleicher Schöpferlust benutzten. Natürlich sind auch Wandmalereien hilfreich, auf denen die Verwendung der Instrumente in rituellem Zusammenhang dargestellt ist, bei religiösen Handlungen und Tänzen etwa. Auch Figürliches steht zur Schau. Das ist mitunter recht lustig, zumal in jenem schier unerschöpflichen Bereich, den die Archäologie großzügig mit dem Begriff der Fruchtbarkeitssymbolik abdeckt. Man sieht hier ein Fruchtbarkeitsmännchen, das oben ins Horn bläst und mit der anderen Hand einen autonomen Ritus vollzieht. Gott sei Dank darf man das noch zeigen.

Eine Trompete aus bemalter Keramik, um 1600.

(Foto: Landesamt für Archäologie Sachsen, U. Wohmann)

Aus der griechischen und römischen Antike gibt es Schriftzeugnisse, Legenden und Abhandlungen, die auf komplexere Tonsysteme verweisen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt greift die konventionelle Musikwissenschaft. Auch die könnte man in eine solche Ausstellung einbinden. Denn so imposant die Exponate sind, die große Wasserorgel zum Beispiel, so sehr bleiben die Eindrücke bisweilen an der Oberfläche haften. Es ist auch ganz unverständlich, dass es keinen Katalog gibt. Diese Ausstellung, so umfangreich sie ist, und so sehr man auch das vielfältige Begleitprogramm loben muss, hätte das Zeug für eine tiefer gehende, weiterführende.

Im Verbund mit allen musikalischen Wissenschaften müsste daraus ein großartiges, unterhaltsam lehrreiches Projekt entstehen, das nicht nur in Brandenburg zu finden wäre, sondern in allen Städten, und eigentlich allerorts als ständige Präsentation. Denn man müsste viel mehr Menschen über die Entstehung unserer Kultur und die Verbindung zu den anderen Kulturen aller Zeiten vermitteln. Es gibt und gab offenbar keine menschliche Gesellschaft ohne Musik. Und die Frage, ob der Mensch zuerst sprach, sang oder sägte, will man doch auch einmal beantwortet wissen. Selbst wenn die Suche nach der Antwort womöglich spannender ist, als das Ergebnis selber je sein wird.

Archaeomusica. 40 000 Jahre Musikgeschichte Europas. Bis 27. Mai. Archäologisches Landesmuseum, Brandenburg an der Havel. Infos unter landesmuseum-brandenburg.de