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Antike:Spielen mit Delfinen

Die ganze griechische Kultur in zehn menschlichen Eigenschaften: Die Altertumswissenschaftlerin Edith Hall hat ein Buch für alle geschrieben, die keine humanistische Bildung genossen oder das Meiste wieder vergessen haben.

Ein Überblick zur griechischen Kultur insgesamt, von ihren bronzezeitlichen Anfängen in Kreta und Mykene bis zu dem Punkt, wo ihre heidnischen und philosophischen Traditionen vom Christentum abgelöst werden, ist kein überflüssiges Buchprojekt. Erwartungsvoll werden es diejenigen in die Hand nehmen, die keine humanistische Bildung genossen oder das meiste wieder vergessen haben und die doch wissen wollen, was es mit dieser Kultur auf sich hat, die wie keine andere bis zum heutigen Tag prägt, was wir unter Kunst, Politik und Philosophie verstehen.

Man wird von einem solchen Werk keine Originalität verlangen; im Gegenteil, ein allzu originelles Vorgehen würde dem Versprechen zuwiderlaufen, einen Abriss des kurrenten Wissens zu liefern. Aber wer es verfasst, sollte sich genau überlegen, wie er oder sie es anstellt, zweitausend Jahre auf rund 400 Seiten herunterzubrechen und dabei doch das Ganze zu wahren. Edith Hall, Professorin für Altertumswissenschaften am Londoner King's College, hat sich entschieden, zehn Eigenschaften der Griechen als geistiger Nation (wenn man sie anachronistisch so bezeichnen will) in den Mittelpunkt zu rücken: Seefahrer seien sie gewesen, misstrauisch gegenüber Autoritäten, individualistisch, wissbegierig, offen für neue Ideen, humorvoll, erfüllt von Liebe für Wettkämpfe und herausragende Fähigkeiten talentierter Menschen, außergewöhnlich redegewandt und geradezu vergnügungssüchtig.

Edith Hall: Die alten Griechen. Eine Erfolgsgeschichte in zehn Auftritten. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. Siedler Verlag, München 2017, 416 Seiten. 26,99 Euro. E-Book 24,99 Euro.

Ganz verkehrt ist das natürlich nicht. Aber es ist doch ein Ansatz, der einerseits ahistorisch, andererseits recht ethnozentrisch verfährt. Er berücksichtigt kaum, dass zwischen einem homerischen Helden und dem reisenden Rhetoriklehrer der römischen Kaiserzeit ein gewisser Mentalitätswandel erfolgt ist, und dass man im Zeitalter des Hellenismus kein gebürtiger Grieche mehr sein musste, um an dessen kosmopolitischer Welt teilzuhaben. In vollem Umfang trifft Halls Katalog wahrscheinlich nur auf die Athener des 5. Jahrhunderts v. Chr. zu, mit anderen Worten auf rund 30 000 männliche Vollbürger über einen Zeitraum von drei Generationen. Der gleichzeitig bestehende Soldatenstaat der Spartaner dürfte weniger individualistisch gewesen sein.

Eine lange Geschichte in einer Zahl von "Auftritten" zu bündeln, also das Wesen der Epoche jeweils in einer Szene zu exemplifizieren, um von dort aus die größeren Zusammenhänge zu erschließen - das ist an sich keine schlechte Idee. So ließe sich das Hauptproblem in den Griff kriegen, das bei diesem Buch ein ökonomisches ist: es soll zugleich knapp, leicht und vollständig sein. An den besten Stellen ihres Buchs gelingt dies der Autorin auch, die sich sympathischerweise nicht scheut, "ich" zu sagen. Wenn sie davon schreibt, wie die Griechen im Delfin, diesem munteren, starken, so menschlich anmutenden Meerestier, ein Spiegelbild ihrer eigenen Seele erblickten, dann reicht sie heran bis ans Niveau der "Griechischen Culturgeschichte" Jacob Burckhardts, der diesen genialen Tagedieben, wie er sie nennt, mit ähnlich ironisch gebrochener Liebe zugetan war.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag auf seiner Homepage zur Verfügung.

Aber insgesamt macht sie leider aus den Szenen, an denen die theatralische Überlieferung dieser Kultur doch so überreich ist, bemerkenswert wenig. Die Verteidigungsrede des Sokrates und seine letzten Stunden im Kerker, das wurde natürlich schon oft erzählt; aber es hätte sich gelohnt, es noch einmal neu zu wagen. Hall rühmt Herodot als den großen Erzähler, der Geschichte aus Geschichten schreibt - gelernt hat sie wenig von ihm. Was ließe sich nicht aus dem Auftritt des Paulus in Athen herausholen! Hier stoßen zwei Zeitalter und Denkweisen zusammen, genauso wie Hall es bräuchte; ja sie kollidieren in der Figur des Apostels selbst, der bei allem Missionseifer genug vom schlauen Griechen in sich hat. Man seufzt beim Lesen, wie viele Chancen hier zur Hälfte oder zu drei Vierteln verschenkt worden sind.

In seinen schwächsten Passagen versinkt das Buch in das uninspirierte Abarbeiten von Namen und Ereignisfolgen. Kein Mensch, der nicht Experte für die Epoche ist, kann sich die Einzelheiten der Machtkämpfe merken, die unmittelbar nach dem Tod Alexanders des Großen einsetzen, ehe sich nach zwanzig Jahren ein leidlich stabiles Staatensystem herausbildet. Darum sollte ein Werk wie das von Hall gar nicht erst versuchen, sie nachzuzeichnen. Sie tut es trotzdem. Hall ist mit dem Herzen dabei, wenn es um die spartanischen Frauen geht, die eine im hellenischen Umfeld unerhörte Freiheit genossen; bei vielen anderen Dingen freilich hat sie bloß eine Pflichtübung absolviert. Und manchmal noch weniger als das. Wenn sie etwa behauptet, ein Hexameter bestehe "aus Verszeilen mit sechs Füßen oder Hebungen", so muss man diese Angabe, die so tut, als wären ein Fuß und eine Hebung so ungefähr dasselbe (und, schlimmer noch, als spielten die Hebungen im antiken Hexameter eine verskonstituierende Rolle), zumindest grob missverständlich nennen.

Mit dem Herzen dabei, wenn es um die spartanischen Frauen gehen soll

Einen erheblichen Anteil an solchen Ausrutschern dürfte die Übersetzung von Norbert Juraschitz haben, die, besonders von der Mitte an, schludrig gearbeitet ist. Sie hört sich so an: "Polybios hatte indes mindestens zwei Hühnchen mit Timaios zu rupfen, ein politisches und ein eher privates, ödipales, aber nichtsdestotrotz erhellt das, was er über die Bibliotheken sagt, einen Teil in der Diskussion, zu der wir sonst kaum Zugang haben." Was im Englischen lässige Eleganz gewesen sein mag, wandelt sich im Deutschen zum stilistischen Kuddelmuddel. Die Übersetzung spricht von einer "gemalten Stoa", wo diese Säulenhalle vielmehr eine bemalte war (Stoa poikilé); das englische "painted" gibt beides her, und eine sachliche Überprüfung unterblieb. Juraschitz verdeutlicht christliche Askese mit "Selbstentbehrung", "zeigt auf", wo nur zu zeigen wäre, und teilt mit, Lukian, der "persönliche Lieblingsschriftsteller" Halls, habe 200 "Aufsätze" geschrieben - es handelt sich um Gespräche. Da hat der Verlag an einem dringend erforderlichen Korrekturdurchgang gespart. Und mussten "The Ancient Greeks" unbedingt als "die alten Griechen" wiedergegeben werden? Das klingt im Deutschen eher oll als antik. "Die Griechen" hätte genügt.