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Anleitung zum Filmdreh:Being Woody Allen

64th Cannes Film Festival - Midnight in Paris Photocall

Wenn Sie diese sieben Schritte befolgen, können auch Sie mit Léa Seydoux (links) und Rachel McAdams (rechts) auf der Promenade von Cannes flanieren.

(Foto: dpa)

Sie wollen auch so produktiv sein wie der Regie-Altmeister? Kein Problem: In diesen sieben Schritten drehen Sie Ihren eigenen Woody-Allen-Film.

Von Thorsten Glotzmann

Gibt man "Irrational Man", den Titel des neuen Films von Woody Allen, bei Google ein, stößt man erstaunlicherweise auf die Überschrift "Untitled Woody Allen Project". In der englischsprachigen Wikipedia ist auch für 2016 schon ein solches UWAP, ein noch unbenanntes Woody-Allen-Projekt, angelegt.

Das führt zu folgender Theorie: Es muss sich dabei um eine Art Schablone handeln, eine Blaupause, die sich beliebig mit Inhalt füllen lässt und aus der sich potenziell unendlich viele Woody-Allen-Filme ergeben. UWAP ist die Antwort auf die Frage, wie es dem 'Kultregisseur' gelungen ist, allein in den letzten zehn Jahren dreizehn Filme zu drehen. Das bedeutet auch: Mithilfe von UWAP kann fortan prinzipiell jede und jeder Woody-Allen-Drehbücher schreiben. Es ist nicht schwer. Schreiben auch Sie Ihren Woody-Allen-Film. Sie sind nur sieben Schritte davon entfernt:

1. Die neurotische Hauptfigur

Denken Sie sich eine Hauptfigur aus, die an der Existenz im Allgemeinen wie im Besonderen leidet, ein Neurotiker mit Hang zu Zynismus, Alkohol und Suizid. Sie sollte möglichst das erfüllen, was man sich gemeinhin unter einem "unkonventionellen Philosophen" vorstellt: sozial gestört, nihilistisch, hypochondrisch, mit Flachmann in der Tasche, Schreib- und Potenzblockaden. Verrucht, ungewaschen, abweisend, trotzdem unwiderstehlich. Hat immer einen Nietzsche-Aphorismus oder eine vulgärphilosophische Plattitüde auf Lager. Zu besetzen mit jemandem, der so heruntergekommen aussieht wie Joaquin Phoenix. Oder so frühvergreist wie Woody Allen - Larry David zum Beispiel ("Whatever Works"). Wichtig: Lassen Sie die Figur einen Beinahe-Selbstmord begehen. Aus dem Fenster springen oder Russisch Roulette spielen.

2. Die zweite, weniger neurotische Hauptfigur

Denken Sie sich eine weitere Hauptfigur aus: Typ naives Dummchen, ganz und gar durchschaubar, ist mit einem anständigen Langweiler liiert und beschwört fortlaufend, dass sie ihn liebt. Tut sie aber natürlich nicht. Schwört auch, dass sie mit Hauptfigur 1 niemals schlafen würde. Will sie aber natürlich. Glaubt an das Konzept der "offenen Beziehung" oder gebraucht es einfach als Vorwand, um fremdgehen zu können. Stellt blöde Fragen wie: "Ist es eigentlich erfüllend, mit so vielen Frauen zu schlafen?" Hat das Herz aber am rechten Fleck. Zu besetzen mit Emma Stone ("Irrational Man"), Jesse Eisenberg ("To Rome With Love"), Rebecca Hall ("Vicky Cristina Barcelona") - oder einem Eichhörnchen.

3. Die Postkarten-Kulisse

Siedeln Sie den Film an einem Ort Ihrer Wahl an. Irgendwo, wo Sie schon immer mal hinwollten. Rom, Paris, Barcelona, New York oder einfach Rhode Island. Zeigen Sie - in Rücksprache mit dem ansässigen Tourismusbüro - nur Postkartenansichten dieses Ortes.

4. Die holzschnittartigen Nebenfiguren

Denken Sie sich Nebenfiguren aus: Freundinnen, Freunde, Eltern, Schwiegereltern, eigentlich egal. Hauptsache, holzschnittartig und stereotyp. Einen ignoranten rechtskonservativen Schwiegervater vielleicht (Kurt Fuller in "Midnight in Paris") oder eine heißblütige Nebenbuhlerin mit spanischem Akzent. Denken Sie nur an Penélope Cruz!

5. Der hanebüchene Plot

Bringen Sie all die Figuren in möglichst naheliegende Konstellationen. Der Plot darf hanebüchen sein. Wenn ihnen philosophisch zumute ist, manövrieren Sie die Hauptfiguren in ein moralisches Dilemma. Wie wäre es mit Dostojewski und der Frage, ob es einen gerechtfertigten Mord gibt (siehe auch: "Match Point")? Hauptfigur 1 tötet, weil sie Mord mit einer sinnstiftenden Tat verwechselt.

6. Die pseudo-philosophischen Dialoge

Denken Sie sich Dialoge aus: Lassen Sie sich von Woody Allens Spätwerk inspirieren. Copy-und-Paste ist erlaubt. Hauptfigur 2 sollte, sofern sie mit einem anständigen Langweiler liiert ist, gelegentlich Dinge sagen wie: "Ich bin in dich verliebt! Wirklich!" Hauptfigur 1 dagegen sollte mit dem Tod hadern, griesgrämig Nietzsche zitieren (siehe auch: Colin Firth in "Magic in the Moonlight"), wahlweise Blasphemisches oder Misanthropisches kundtun wie: "Alles in allem sind wir eine gescheiterte Spezies." ("Whatever Works") Für den Tiefgang: Überfliegen Sie die Wikipedia-Artikel zu Kant, Kierkegaard, Schopenhauer und Sartre. Falls zu aufwendig, einfach abschreiben bei Zitatensammlungen wie zitate-und-weisheiten.de.

7. Der Easy-Listening-Jazz

Unterlegen Sie Ihren Film mit Musik. Wie wäre es mit Easy-Listening-Jazz und ein wenig Klarinettenswing? "The In Crowd" in der Version des Ramsey Lewis Trio macht zum Beispiel gute Laune. Oder Duke Ellington. Nun fehlt nur noch ein Titel. Nehmen Sie, whatever works.

Und fertig ist Ihr Woody-Allen-Film. Glückwunsch. Nur: Sie werden damit vermutlich keine Produktionsfirma finden. Sie sind schließlich nicht Woody Allen.

© SZ.de/doer/dd

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