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Animationsfilm:Jenseits von Ehrgeiz und Algebra

Neuverfilmung von "Der Kleine Prinz", dem Kinderbuch, das nicht für Kinder ist.

Von Kathleen Hildebrand

Es gibt Kinderbücher, die eigentlich gar keine sind. Antoine de Saint-Exupérys "Der Kleine Prinz" gehört dazu. Was nicht nur daran liegt, dass das Buch eigentlich alle Fragen offenlässt, die Kinder sich angesichts einer Geschichte stellen, die von einem kleinen Jungen handelt, der allein auf einem Mini-Planeten lebt. Einem Mini-Planeten, auf dem nichts wächst außer Affenbrotbäumen und einer Rose. (Was isst der kleine Prinz? Hat der Mini-Planet eine Atmosphäre? Wie kommt der einsame Junge von einem zum nächsten Planeten? Und wieso kommt er gerade von der Erde nicht wieder weg?) "Der Kleine Prinz" ist auch deshalb ganz offensichtlich für Erwachsene geschrieben, weil das Buch davon handelt, wie es ist, ein Kind zu sein. Kindern selbst muss man das nicht erklären. Sie haben all das, was man vom kleinen Prinzen lernen soll. Fantasie, unbedingte Liebe, Faszinierbarkeit.

Wer heute den "kleinen Prinzen" verfilmt, muss mit diesem Dilemma umgehen - und kann sich trotzdem nicht nur an Erwachsene richten. Denn die werden zu Tausenden ihre Kinder mit ins Kino nehmen, weil es ja immer heißt, das Buch sei für sie, obwohl es doch viel mehr eines über sie ist. Der Blockbuster-Animationsfilm in der Tradition von Pixar und Dreamworks ist die passende Form, um diesem Problem zu begegnen: Kindliche Bilder, aber dazwischen immer ein paar Ebenen mehr, damit für die Eltern auch genug dabei ist.

Was isst der kleine Prinz eigentlich? Wie kommt er von einem Planeten zum anderen? Fragen, auf die höchstens der Fuchs eine Antwort hat.

(Foto: Warner Bros.)

Der Regisseur Mark Osborne kann das. Bei Dreamworks ausgebildet, machte er 2008 "Kung Fu Panda", einen der profitabelsten Animationsfilme, die es bisher gegeben hat. Für den "Kleinen Prinzen" hat er sich einen Trick überlegt, mit dem er die Geschichte so weit vom Esoterik-Gleis holt, dass sie auch als Film für ein großes Publikum taugt: Er hat um Saint-Exupérys Geschichte eine Rahmenerzählung gebaut, die sowohl die Action liefert, die ein Publikumsfilm braucht, als auch eine Portion Kontemplation.

Die Story: Ein Kind muss aus einer frühverspießerten Streberhaftigkeit befreit werden

Ein namenloses Mädchen ist die Hauptfigur dieser Rahmenerzählung. Es muss seine Sommerferien zu Hause im funktionalen Einfamilienhaus verbringen und brav ein minutengenaues Curriculum abarbeiten, das ihre alleinerziehende Mutter aus lauter Angst um die Lebenschancen ihrer Tochter - aber auch mit zwanghafter Freude am perfekten Plan - erstellt hat. Nach den Ferien soll das Mädchen auf eine Eliteschule wechseln, ein freud- und efeuloses Mini-Harvard für Kinder, in das nurdas Kind Einlass findet, das eigentlich schon keines mehr ist, sondern ein perfekt gedrillter kleiner Erwachsener. Für Schwimmbad oder Freizeitpark sieht der mütterliche Plan da frühestens am Samstag in zwei Jahren etwas Zeit vor, zwischen vierzehn und vierzehn Uhr dreißig.

Aus dieser frühverspießerten Streberhaftigkeit muss das Kind natürlich befreit werden - und da kommt Saint-Exupéry ins Spiel. Er erscheint in Gestalt des chaotischen alten Nachbarn. Eines ehemaligen Piloten, wie Saint-Exupéry einer war, der immer wieder versucht, sein Doppeldecker-Wrack im Garten zu starten, obwohl das in der streng abgezirkelten Vorstadtsiedlung natürlich ganz streng verboten ist. Blatt für Blatt schenkt er dem Mädchen eine selbstgeschriebene Geschichte. Es ist "Der Kleine Prinz" und immer, wenn Mark Osborne die erzählt, wechselt die Bildsprache seines Films von den makellosen, aber schon oft gesehenen Animationen der Rahmenstory zu etwas sehr viel Rauerem. Zu Stop-Motion-Figuren aus Knete und animierten Papierfetzchen, die über echten Sand fliegen - ein herrlicher Gruß an die skizzenhaften Illustrationen von Saint-Exupéry.

Im Lauf von einigen vergeudeten Sommertagen lernt das Mädchen die Freuden jenseits von Ehrgeiz und Algebra kennen. Sie liegt im Gras herum, klebt sich Hunderte fluoreszierende Sterne an die graue Zimmerdecke und macht einen Stofftier-Fuchs mit ihrer frisch erweckten Fantasie lebendig. Eltern, die ihre Kleinen zwischen Chinesisch im Kindergarten, Cellounterricht und G 8 aufgerieben sehen, werden da hörbar aufatmen. Denn was Osborne hier gelingt, ist sehr zeitgemäß: Er macht die erwachsene Botschaft des kleinen Prinzen doch noch relevant für Kinder - nämlich für solche, die dauerüberwacht und überumsorgt von abstiegsängstlichen Kriseneltern Gefahr laufen, ihre eigene Kindheit zu verpassen.

The Little Prince, USA 2015 - Regie: Mark Osborne. Buch: Mark Osborne, Irena Brignull, Bob Persichetti. Nach dem Buch von Antoine de Saint-Exupéry. Musik: Richard Harvey, Hans Zimmer. Kamera: Kris Kapp. Mit den Stimmen von Til Schweiger, Matthias Schweighöfer. Warner, 108 Minuten.

© SZ vom 16.12.2015

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