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Animationsfilm:Der tollste Lifestyle überhaupt

"Home - ein smektakulärer Trip" hat alles, was man mit den Trickfilmen von Dreamworks verbindet - er ist viel zu süß, um wahr zu sein.

Von Susan Vahabzadeh

Die Boovs sind so niedlich, dass sie sich sogar selbst niedlich finden. Das macht ihnen das Leben etwas leichter, denn sie haben es ja so furchtbar schwer: Sie werden durchs All gejagt von den fiesen Gorks, die leider schnellere Raumschiffe haben und die Boovs dauernd überall aufspüren. Aber wenigstens müssen die Boovs sich keine Sorgen machen, wenn sie sich anderer Leute Planeten unter den Nagel reißen - sie sind ja schließlich niedlich und bringen bei der Besatzung den tollsten Lifestyle überhaupt mit. Es steht die Invasion der Erde an, und die Menschen sollten doch echt total froh sein, finden die Boovs: Sie werden in ein Freizeitpark-ähnliches Reservat in Australien umgesiedelt, während die kleinen Boovs mit riesigen Staubsaugern die Menschenstädte von unnützen Dingen wie Kloschüsseln reinigen und in die freigeräumten Menschenhäuser einziehen.

"Home - ein smektakulärer Trip" basiert auf einem Kinderbuch von Adam Rex - die Boovs sind also gar keine Verwandten der Minions aus "Ich - Einfach unverbesserlich", obwohl das durchaus denkbar wäre. Ihr Anführer aber zählt eindeutig den Lemurenkönig aus "Madagascar" - weg von die Fußen von den Konig! - zu seinen Vorfahren, wie "Home" ein Produkt aus dem Hause Dreamworks. Von den Lemuren haben die Boovs auch ihr Sprachproblem geerbt. Ein Boov ist etwas neben der Spur - Oh, der im Original von Jim Parsons gesprochen wird. Er hat auch einiges von der weltfremden Überlegenheit, die den ebenfalls von Parsons gespielten Sheldon Cooper in "Big Bang Theory" auszeichnet.

Hat der fröhliche Boov Oh in der Mitte, hochbegabt, weltfremd und enervierend, nicht irgendwie Ähnlichkeit mit Sheldon Cooper aus "Big Bang Theory"?

(Foto: Fox)

Boovs sind den Menschen technisch überlegen. Von Freundschaft verstehen sie wenig. Dabei ist Oh sehr gesellig. Es will nur kein anderer Boov mit ihm zu tun haben - er macht dauernd Fehler. Und den nächsten macht er sehr bald nach der Ankunft in New York. Er verschickt eine Einladung zu einer Einweihungsparty für seine neue Wohnung, leider nicht nur an die neuen Nachbarn, sondern gleich ans ganze transuniversale Internet. So würden auch die Gorks sie bekommen - und müssten sich nicht mehr viel Mühe machen, die Boovs zu suchen. Aus diesem Grund muss Oh sich verstecken, und dabei trifft er auf den letzten Menschen in New York - das Mädchen Tip, das bei der Evakuierung übersehen wurde, weil ihre dicke Katze auf ihrem Kopf saß. Tip sucht ihre Mutter, und Oh sucht einen Weg, vom Boov-Chef Smek nicht zur Verantwortung gezogen zu werden. So kommt es, dass Oh aus einem Kleinwagen einen Flieger bastelt, der mit Zitronenlimo läuft und sich die drei - Oh, Tip und die Katze - auf den Weg nach Paris machen, wo die Invasoren ihr Hauptquartier aufgeschlagen und den Eiffelturm auf den Kopf gestellt haben.

"Home" ist durch und durch politisch korrekt - ohne jeden Sinn für Anarchie

Tim Johnson hat "Home" gemacht. Von ihm stammt auch "Antz" , der 1998 mit seiner politischen Analyse von Ameisenhaufen ein echter Meilenstein war. Die Idee der Dreamworks-Filme - sie sind erwachsenentauglich, parabelhaft und durch und durch politisch korrekt - wird hier fortgeführt. In "Home" geht es eigentlich um gestörte amerikanische Selbstwahrnehmung und leichtfertigen Kultur-Zwangs-Export; und selbst die Geschichte mit den Gorks stellt sich am Ende anders dar als erwartet. Nichts daran ist so richtig verkehrt, die Werte, die "Home" propagiert, sind bestimmt alle pädagogisch wertvoll - es ist aber leider auch nichts daran überraschend. Nicht einmal der auf den Kopf gestellte Eiffelturm.

Was bei Dreamworks inzwischen fehlt, das ist der Sinn für Anarchie, der einen Aardman-Film wie das Knetmännchen-Epos "Shaun das Schaf" ausmacht, der in Deutschland gerade alle Einspielrekorde bricht. Shaun und seine pelzigen Kumpane haben ja auch alle das Herz am rechten Fleck - aber deswegen wird nicht jede Drehbuchwendung politisch korrekt zurechtgeknetet. Die Welt, wie sie Johnson sich zurechtbastelt, ist viel zu vollkommen, pappsüß und überorganisiert. Man könnte auch sagen: Viel zu amerikanisch.

Home, USA 2015 - Regie: Tim Johnson. Drehbuch: Tom J. Astle, Matt Ember. Im Original mit den Stimmen von Rihanna, Jim Parsons, Jennifer Lopez, Steve Martin. Fox, 94 Minuten.

© SZ vom 27.03.2015

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