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Andy Warhol zum 80.:Ein phantastischer Sommer

Ja, die Sechziger waren hysterisch - aber sie waren Pop. Andy Warhol hat sie in "Popism" wunderschön boshaft eingefangen. Die deutsche Ausgabe, zum 80. Geburtstag eines Allesverwerters.

Georg Diez

Sie saßen im "Saito", dem japanischen Restaurant in der 55. Straße, wo sie öfter saßen, wenn sie nicht gerade im "21" waren und über die Jim-Dine-Ausstellung sprachen oder über die neueste Ausgabe des fabelhaften Klatschmagazins National Enquirer.

andy warhol cinetext

Andy Warhol: Künstler, Regisseur, Buchautor - Allesverwerter. Er wäre am 6. August 80Jahre alt geworden.

(Foto: Foto: Cinetext)

Robert Rauschenberg kam herein und mit ihm Jasper Johns. Beide mochten Andy Warhol irgendwie nicht, weil er "zu tuntig" war, sagte sein Freund De, und der musste es ja wissen, schließlich hatte er, es war 1961 oder 1962, in seinem Loft gerade eine Ausstellung für Jasper gemacht, der immer so trübsinnig schaute, obwohl er doch schon ziemlich berühmt war. So berühmt, wie Andy Warhol es werden wollte, unbedingt, denn was gibt es Schöneres als Ruhm.

So fing das alles an. Langsam noch drehte sich die Platte, es war Rock 'n' Roll, den Andy Warhol hörte, während er malte, seine Suppendosen, seine Flugzeugabstürze, seine Dollarscheine, all die Bilder, die damals niemand so richtig verstand. Bob Dylan tauschte eines davon ein, gegen eine Couch, aber das war später, so um das Jahr 1965 herum.

Als die Jugend die Welt eroberte

Da waren die Beatles schon explodiert, da verwüsteten die Rolling Stones schon die Säle, da hatte Dylan seine elektrische Gitarre herausgeholt, da war die Revolution schon im Gange - es waren die Jahre, als die Jugend die Welt eroberte, eine Welt, die als Währung von nun an nur noch eines akzeptierte, nach dem sie alles maß: Ruhm.

Und Warhol hatte es geahnt. Er hatte das alles kommen sehen, das neue Zeitalter, als einer der Ersten - nicht weil er besonders klug war, sondern weil er besonders, wie soll man sagen, nicht dumm, nicht naiv: weil er durchlässig war, fast passiv manchmal, es einfach geschehen ließ.

Weil er zuschaute, dabei sein wollte, neugierig war auf das, was da passierte: Schönheit, Mode, Stil. Weil er verstand, dass "reflektieren" nicht bedeutet, dass man dies oder das denkt oder meint, sondern ganz einfach: abbilden. Weil er also sosehr in seiner Zeit lebte, dass er sich von ihr tragen lassen konnte. Das war sein künstlerisches Ideal.

Verführerisch und verloren

Nun erscheint "Popism" Anfang September im Verlag Schirmer/Mosel endlich erstmals auf Deutsch: das Buch, das Warhol zusammen mit seiner Sekretärin Pat Hackett 1980 veröffentlichte und das zum großen Teil aus Tonbändern besteht, die Warhol, dieser Allesverwerter, fast manisch vollsprach, und die Hackett dann abtippte.

"Popism" ist mehr als eine Chronik jener Epoche, als die amerikanische Welt von gestern unterging mit ihrem Abstrakten Expressionismus und dem Jazz und Platz machte für die schreienden Bilder von Warhol, Lichtenstein, Johns und Rauschenberg, für den Kult des Superstars, die Schönheit des Augenblicks, der Sternschnuppe, wie Edie Sedgwick, die aus dem Nichts auftauchte und im Nichts verschwand, mitsamt ihrem weißen Nerzmantel.

"Popism" ist in seiner Unmittelbarkeit, in seiner Subjektivität, in seiner Boshaftigkeit großer Journalismus und damit auch schon Literatur, die im Ton besteht, nicht in der Fiktion.

"Ich hatte Danny auf einer Party in der 72. Straße kennengelernt. Es war ein Sonntag, an dem eine der Zeitungsbeilagen eine Titelgeschichte mit einer meiner Campbell's-Suppendosen illustrierte, und Danny hatte die Zeitung dabei. Ich saß auf einer Couch neben Gerard und Arthur Loeb von den Wall-Street-Loebs. Ich borgte mir Dannys Zeitung, um zu sehen, wie gut die Suppendose rüberkam. In der Zwischenzeit krabbelte ein verrücktes, schönes Model wie eine Schlange zu Arthur, ging ihm um den Bart, sagte ihm, wie sehr sie ihn liebe, und bettelte ihn an, sie doch bitte, bitte zu heiraten."

Beschrieben und beleidigt

Es ist diese Mischung aus Tratsch und Bedeutung, dieser Singsang der Beiläufigkeit, mit der Figuren auftauchen und wieder verschwinden, diese Offenheit, mit der Menschen beschrieben und beleidigt und wieder umschmeichelt werden. Es ist die bedingungslose Unterhaltsamkeit, die dieses Buch so modern wirken lässt.

"Popism" ist, mit anderen Worten, nicht nur ein wesentliches Stück Kulturgeschichte, aufgeschrieben mit einem Authentizitätsfuror, der nur auf den ersten Blick überraschend ist bei diesem König der Künstlichkeit. Dessen Traum war es doch immer, etwa in seinen Filmen, die mal von Blowjobs handelten und mal von Hochhäusern, dieses Leben einzufangen.

"Popism" ist aber vor allem eine Feier der Leichtigkeit des Pop. "Es war ein phantastischer Sommer", schreibt Warhol über das Jahr 1963. "Die Mädels mit den Ponys trugen Unterhemden und Sandalen und Sachen aus Sackleinen."

Anders als in seinen anderen Büchern, dem Interview-Band "a: A Novel", dem tatsächlich theoretisch reflektierenden "Die Philosophie des Andy Warhol von A nach B und zurück" und seinen späten Tagebüchern, versucht Warhol gar nichts anderes, als ein Bild dieser Zeit in ihren Veränderungen zu zeichnen. Porträts jener Menschen, die diese Veränderungen, aber auch die Zerrissenheit spiegelten.

In die Rühreier

Und niemand verkörperte das besser als Edie Sedgwick, das Mädchen aus bestem Hause, aus alteingesessener Familie, freigiebig, verführerisch, verloren, die einen Nerzmantel über dem fast nackten Körper trug und noch einen im Koffer hatte. Die am Hals von Brian Jones hing, in den Armen von Bob Dylan, vor allem in den Armen der Drogen, und bis in den Tod tanzte, wie so viele damals.

Nur Warhol nicht, der sich weigerte etwas anderes als Schokoriegel zu essen, wenn er mit all den LSD-Jüngern unterwegs war, weil er sicher war, dass sie ihm etwas in den Orangensaft tun würden oder ins Wasser oder in die Rühreier.

Edie Sedgwick war Star seiner frühen Filme und wesentlicher Teil dieses Gesamtkunstwerks Andy Warhol. Der war als Illustrator, als Maler, als Filmemacher, als Plattenproduzent, als Publizist, als Autor und als öffentliche Figur den Tauschhandel zwischen Privatsphäre und Ruhm, der heute so beherrschend ist, selbst eingegangen. Bis zu jenem 3. Juni 1968, als für ihn die sechziger Jahre endeten: als Valerie Solanas auf ihn schoss und ihn lebensgefährlich verletzte.

Auch "Popism" endet bald darauf. Warhol zog sich zurück. Edie Sedgwick starb drei Jahre später. Das Zeitalter, das die Herrschaft des Stils festigte, die Macht des Klatsches, die Schönheit der Oberfläche, hatte sein dunkles Gesicht gezeigt.

Heute hat das Wort Pop einen historischen Klang, nichts mehr von Gegenwart. Und wer heute "Popism" liest, der unternimmt so etwas wie eine archäologische Expedition in unsere unmittelbare Vorzeit. Pop, das ist die eigentliche Botschaft von Andy Warhols philosophischer Großreportage "Popism", ist die Wahrheit; und wem das nicht passt, der soll sich doch bitte eine andere Wirklichkeit suchen.

© SZ vom 6.8.2008/rus

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