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Andreas Maiers Roman "Die Städte":Schöner sterben

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In Erzählungen wie beim Reisen sucht man immer sich selbst: der Grand Plage von Biarritz.

(Foto: Hemis.fr / Jean-Marc Barrere/mauritius images / Hemis.fr / Je)

In dem Roman "Die Städte" erzählt Andreas Maier in Form von Reiseberichten von seinem Leben.

Von Cornelius Pollmer

Die Deutschen, schreibt Andreas Maier, "haben einfach kein Talent, die Welt in Ruhe zu lassen".

Mit diesem Satz allein könnte man es einen weiteren Tag lang aushalten in den Resten des eigenen Lebens und in einem Alltag, dem alles Sinnliche und Verschwenderische leider davongestorben ist. Man hielte es auch deswegen ganz gut aus mit diesem Satz, weil der Schriftsteller Andreas Maier ihn in seinem neuen Roman "Die Städte" nicht einsetzt in direkter Wegführung zu Adolf Nazi, den kleinen Weg muss man in Gedanken schon selbst gehen.

Maier formuliert den Satz im Kontext des Reisens, sehr konkret fragt sich sein junger Protagonist Andreas in bemerkenswerter Umsicht, wie unhöflich es eigentlich wäre, einen Selbstmord nicht daheim in der Wetterau zu begehen, sondern im Gastort Oulx des Gastlandes Italien. Die Leiden des jungen Maier, dies vorweg, bleiben beherrschbar, er bleibt gewissermaßen ohne Talent, sich umzubringen. Aber schon in Gedanken an Suizid bedenkt der Protagonist einen möglichen Verwaltungsakt mit, und er überlegt, die Fleckenhartnäckigkeit seines Bluts früh genug "an einer unauffälligen Stelle" zu ermitteln. Man will ja, wenigstens allen anderen als sich selbst, wirklich nicht zu viele Umstände machen.

So viel für den Beginn dieser Betrachtung, so viel zum Mit-der-Tür-ins-Haus. "Die Städte" geht in die Gegenrichtung, die Tür fällt zu und der Protagonist erzählt in Form von Reiseberichten von den ersten drei Dekaden seines Lebens. Vom Reisen weitgehend befreit wird der real bevorstehende Frühling sein, deswegen ist Andreas Maier hier umgehend vom Vorwurf des Opportunismus freizusprechen, also von der durchschaubaren List, in einer Zeit, in der man sich fühlt wie ein Möbelstück, wie ein Daheimhocker nämlich, mit dem Kalkül kleiner Fluchten die Leute zu ködern.

Unnachgiebig bereist Maier in den Romanen sein vergangenes Leben

Dieses Buch, es ist viel mehr als nur ein Angebot von Maier-Reisen, den Autor lesend nach Brixen und Biarritz zu begleiten, ins erwähnte Oulx und nach Weimar. "Die Städte", das ist der achte schmale Abschnitt von Maiers autofiktionalem Romanzyklus "Ortsumgehung", der mit drei weiteren Abschnitten frühestens 2025 und nach dann 17 Jahren zu gewaltigen Opportunitätskosten einen Abschluss finden könnte.

Unnachgiebig bereist Maier in den Romanen sein vergangenes Leben, und wiewohl ein Satz Christa Wolfs noch immer gilt - "Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen" -, liest man diesen Berichten aus gleich mehreren Gründen mehr als nur gern. Maier hebt das Vergnügen, indem er das Vergnügliche in seinen Büchern dosiert und es dort präsentiert, wo man nicht mit ihm rechnet. Das geht bis in die Badewanne, die Maier zwar für einen im Grundsatz geeigneten Ort hält, sich etwas anzutun, die letztlich als solcher aber aus praktischen Überlegungen doch auszuschließen sei: "Übrigens störte mich auch die Anwesenheit der Kloschüssel."

Andreas Maier ist überdies kein Aufschneider, sein Erzählen fließt mehr, und manchmal sogar träge, als es je hetzen würde von einem behaupteten Höhepunkt zum nächsten. Derlei braucht ein gewisses Vertrauen in den eigenen Text, und dass sich dieses Vertrauen im Fall von Andreas Maier lohnt, zeigt ein anderer Effekt seiner Arbeit. Gerade weil Maier in "Die Städte" Normalitäten des Reisens Raum gibt, findet man Anschluss in seiner Geschichte.

Eine Wahrheit über den Menschen liegt doch darin, dass er oder sie in Erzählungen oft mehr sich selbst sucht, als mit der selbstlosen Unterwürfigkeit einer noch zu verknipsenden Fotofilmrolle ganz Aug und Ohr zu sein. Wenn der junge Andreas zu Beginn von "Die Städte" noch mit seinen Eltern - aber irgendwie auch schon allein - nach Athen reist, dann geht man mit ihm an die Hotelbar und zurück in der eigenen Zeit zu dem Punkt, an dem der bis dahin unerforschte Teufel Alkohol das erste Mal den noch nicht ganz fertigen Körper schwemmte und dämmte.

In seiner Erfahrungssehnsucht fühlt man sich diesem Andreas nah

Wenn Andreas, einige Zeit später, in Biarritz unter der nicht geringen Spannung steht, seine existenzielle Einsamkeit respektieren und zugleich doch Anschluss finden zu wollen, an die cool kids und darunter, viel wichtiger, vor allem die Mädchen, dann folgt man sich selbst in die spätere Jugend, in der manches im guten Sinne Aufregende spätestens jetzt passieren sollte, weil es sonst gar nicht mehr passieren wird. Und wo es oft genug dann doch nicht passiert, weil immer was im Weg steht, die Scham, die Feigheit, oder wenigstens irgendein dummer Grinseglückspilz, den all dies nicht zu behindern scheint und in dessen Schatten sich das eigene Elend zu einem veritablen Haufen zusammenkehren lässt.

Manches Erlebnis gelingt Andreas in "Die Städte", anderes schlägt fehl. In seiner Neugier und einer irgendwie behinderten Erfahrungssehnsucht fühlt man sich diesem Andreas nah. In seiner gelegentlichen Hochwohlgeborenhaftigkeit entwickelt sich aber auch Distanz. Wo man selbst nach zu viel Menschenkontakt vielleicht mal die Spielkonsole einschaltet oder sich ein schönes Brot zubereitet, schreibt Maier: "Nach dem Treffen fahre ich in die Wohnung und mache zwei Stunden Vergil."

Die Episoden der "Ortsumgehung" sind immer eigenständig auch im Sinne eines Oberthemas. Das kann mal jene potenziell unendliche Schwere sein, die sich in Familien aus Geschichte und Geschichten nährt und unerträglich werden kann. Es ist in "Die Städte" eine feine, manchmal nur indirekte Betrachtung der Veränderung von Mobilität sowie des Reisens.

Aus vagen Träumen und verheißungsvollen Ideen ist portionierte Massenware geworden

Andreas Maier findet dafür ein schönes Bild in den Schaufenstern von Reisebüros, in denen früher auf Plakaten und Aufstellern "gleichsam noch ganze Lebensgefühle oder Themen angeboten" wurden, "Strand, Sonne, Schnee, Almhütte, große Schiffe". Nun aber hingen "kleine, DIN-A4-formatige Zettel mit konkreten Informationen ohne große Bebilderung im Schaufenster".

Das Reisen ist vielfach vom Abenteuer zur Ware geworden, weil im Kapitalismus alles irgendwann zur Ware wird. Aus vagen Träumen und einer verheißungsvollen Idee von Ferne ist portionierte und skalierbare Massenware geworden. Hinter den Zetteln stehen Ziele, und der Idealfall besteht darin, dass es an diesen Zielen genauso so aussieht wie im digitalen Katalog und auf den Instagram-Accounts anderer gewöhnlicher Idioten, die vor einem immer verlässlich schon da gewesen sind.

Der selbst nie weit gereiste Maier beschreibt diese Veränderung ohne viel Härte, ohne Nostalgie. Er wirbt lediglich dafür, das höchst fragwürdige Konzept angeblicher "Sehenswürdigkeiten" für sich einmal infrage zu stellen. Noch einmal nach Athen, wo Busreisende wie Lemminge gerade von einem Fotopunkt zum nächsten gescheucht werden. Der Protagonist aber sieht eine nicht sehr besondere Bank und es kommt ihm vor, "als fände das tatsächliche Athen vielleicht viel mehr in dieser geschwungenen Bank ... statt". Wer so reist, dem folgt man gern.

Andreas Maier: Die Städte. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 190 Seiten, 22 Euro.

© SZ/fxs
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