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Amerikanische Ureinwohner:Buch des Zorns

Man-Camp Exodus Spurs Real-Estate Crisis Across U.S. Shale Towns

„Meine Augenlieder hängen runter, als wäre ich fertig, als wäre ich high“: Tommy Oranges Figuren hängen traumatischen Familiengeschichte nach, sind häufig drogen- und alkoholsüchtig.

(Foto: Bloomberg)

Internetsucht, Fettsucht, fetales Alkoholsyndrom: Tommy Oranges vor Energie glühender, musikalisch-filmisch strukturierter Roman über das Leben der Native Americans.

Von Harald Eggebrecht

Zwölf amerikanische Ureinwohner, zwölf Charaktere, zwölf Lebensgeschichten in vier Teilen erzählt: Bleiben; Zurückfordern; Heimkehren; Powwow - und alles ist ausgerichtet auf einen Zielpunkt, einen Termin, an dem die zwölf warum auch immer zusammentreffen werden, zumindest da sein werden: das Big Oakland Powwow. Es wird ein Termin der Hoffnungen, Wünsche, Überraschungen und dann auch des infernalischen, blutigen Ernstes.

Indianergeschichten von heute in aller Drastik und Kompromisslosigkeit des Benennens des andauernden Elends der Ureinwohner, der Natives, das der blutrünstig-totalen Landnahme durch die Weißen zu "verdanken" ist. Aber dies ist kein Jammer- und Klagebuch, sondern eines des unmissverständlich brennenden Zorns, aber ohne die Protagonisten ideologisch oder politisch wohlfeil zu instrumentalisieren und so zu Pappfiguren zu verflachen.

Tommy Orange, 1982 in Oakland, Kalifornien, geboren und Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes, gibt jeder seiner Personen ihre ganz eigene Stimme, ihr je eigenes Denken und Fühlen. Sie hängen ihren traumatischen Familiengeschichten ebenso nach wie ihren bekifften Träumen oder anderen Drogen- und Alkoholbenebelungen und dem Wiedererwachen in die hässlich-harte Realität daraus. Tommy Orange gelingt es, jede seiner Figuren so individuell sprechen und agieren zu lassen, wie sich auch ihre Biografien bis zum Powwow grundverschieden darstellen. Es sind keine Frauen und Männer aus den Reservationshöllen der Native Americans mehr, sondern Stadtbewohner, von denen manche kaum mehr wissen, dass sie Native-Ursprünge haben.

Ein paar der "Helden" seien vorgestellt: Die erste Stimme gehört dem 21-jährigen Tony Loneman mit Cheyenne-Vorfahren. Er hat ein angeborenes fetales Alkoholsyndrom, das er nur als "Drom" bezeichnet und ihn furchtbar aussehen lässt: "Das eigene Gesicht im Spiegel, die meisten wissen gar nicht mehr, wie es überhaupt aussieht. (...) nur ich, ich weiß genau, wie mein Gesicht aussieht. Ich weiß, was es bedeutet. Meine Augenlider hängen runter, als wäre ich fertig, als wäre ich high, und mein Mund steht die ganze Zeit offen. Zwischen den einzelnen Teilen in meinem Gesicht ist zu viel Platz - Augen, Nase und Mund stehen so weit auseinander, als hätte sie ein Säufer beim Griff nach dem nächsten Schluck da hingeklatscht." Dass man ihn besser nicht entsetzt anschauen sollte, ist klar. "Ich finde, mein großer Körper ist der Ausgleich für mein Gesicht. (...) Und wenn ich aufstehe, wenn ich mich so groß mache, wie ich kann, verdammt groß, dann geht mir keiner auf den Sack." Seine Grandma Maxine nennt ihn eine "Medizinpersönlichkeit", er sei selten, "und wenn es mal einen von uns gibt, sollen wir auch anders aussehen, weil wir eben anders sind." Um es vorwegzunehmen, Tony Loneman nimmt beim Powwow kein gutes Ende.

Statt aufzubrechen, wohnt er bei seiner Mutter und versucht vergeblich, aus seiner Fettsucht herauszukommen

Edwin Black aus der Beziehung seiner weißen Mutter Karen mit dem Indianer Harvey, den er nicht kennt, hat mal geträumt, Schriftsteller zu werden, hat auch einen Master in Vergleichender Literaturwissenschaft gemacht, spezialisiert auf Native American Literature.

Doch statt aufzubrechen, wohnt er bei seiner Mutter, versackt vorm Internet und versucht vergeblich, aus seiner Fettsucht herauszukommen: "Kriegt uns das, was wir am meisten vermeiden wollen, am Ende doch, weil wir uns mit unserer Sorge zu sehr darauf konzentriert haben?" Auf dem Powwow wird Edwin seinen Vater erstmals treffen.

Dene Oxendene will als Dokumentarfilmer ein Projekt seines verstorbenen Onkels verwirklichen und Natives aus Oakland und Umgebung vor der Kamera ihre Biografien erzählen lassen. Das Powwow bietet dafür eine gute Gelegenheit, doch als die Schüsse fallen, hat er einfach Glück, die Kugel bleibt in einem Pfahl seiner Kamerabude stecken, und er legt sich flach auf den Boden, als er sieht, wie "Calvin Johnson aus dem Powwow-Komitee mit einer weißen Pistole auf einen Typen, der am Boden liegt," schießt, "und links und rechts von ihm schießen noch zwei andere Typen". Manche haben Pech, der 14-jährige Orvil Red Feather, der dicke Edwin und andere fangen Kugeln ein.

Tommy Oranges vor Energie glühender Roman hat eine musikalisch-filmische Struktur, er wirkt vom Ende her gesehen wie eine zwölfstimmige Fuge, die in furioser, sich beschleunigender Parallelmontage die Figuren dem katastrophischen Höhepunkt zutreibt. Blue, die das Big Oakland Powwow organisiert hat und bei Stiefeltern aufgewachsen ist, begegnet nun erstmals ihrer Mutter Jacquie Red Feather, die sie gleich nach ihrer Geburt zur Adoption freigab, weil Blue aus einer Vergewaltigung entstand. Und dieser Vater ist Harvey, den sie jetzt plötzlich neben der Mutter sitzen sieht. Neben solchen seelischen Schocks sind die Kugeln beim Überfall auf den Safe des Powwow geradezu banal in ihrer realen Tödlichkeit.

"Der Abklatsch eines Abklatsches eines Bildes eines Indianers in einem Schulbuch."

Tommy Orange breitet in "Dort dort" eine bedrängende Fülle von Geschichten, Gesichten und Gesichtern, Gedanken und Träumen aus, die geprägt sind von jenem verhängnisvollen Zusammentreffen der weißen Eindringlinge mit den indigenen Amerikanern.

Mit eisiger Kälte stellt Tommy Orange die Vernutzung der Native Americans in Film, Fernsehen und Werbespots fest: "Der Abklatsch eines Abklatsches eines Bildes eines Indianers in einem Schulbuch. Von den obersten Spitzen Kanadas und Alaskas bis hinab zum äußersten Ende Südamerikas wurden Indianer entfernt und auf ein gefiedertes Bild reduziert." Dagegen setzt er die urbanen Indianer: "Die erste in der Stadt geborene Generation."

Von ihr erzählt er in diesem ungemein fesselnden, bitterbösen, auch witzigen, dann plötzlich poetisch ausgreifenden Buch (von Hannes Meyer sehr überzeugend ins Deutsche gebracht) nie dick, pathetisch oder zeigefingerisch. Vielmehr klingt es in aller Dichte und Prägnanz knapp, rau, ja, grob und in einer Weise ansteckend ingrimmig sogar im Komischen, dass jedes Lachen rasch abreißt und im Halse stecken bleibt.

Tommy Orange: Dort dort. Roman. Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Hanser Berlin 2019. 288 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 26.09.2019
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