"Americanah" von Chimamanda Ngozi Adichie Welche Farbe hat eigentlich Hautfarbe?

Autorin Chimamanda Ngozi Adichie

(Foto: Fischer Verlage)

Chimamanda Ngozi Adichies neuer Roman handelt von einer Grenzgängerin zwischen den USA und Nigeria. Leichtfüßig balanciert "Americanah" auf einem schmalen Grat.

Von Dana Buchzik

"If your hair is relaxed, white people are relaxed", hat der afroamerikanische Comedian Paul Mooney einmal gesagt. Tragen People of Color ihre Haare lang und kraus, wird das in Amerika nicht selten als Provokation gedeutet; wer gesellschaftlich akzeptiert und beruflich erfolgreich sein will, glättet sein Haar, auch wenn chemische Entkrausungsmittel im Verdacht stehen, Krebs zu erzeugen, und Glätteisen eitrigen Schorf und Haarausfall verursachen können.

Es hat also durchaus eine politische Dimension, wenn Ifemelu für einen Friseurbesuch die Stadt verlassen muss. Princeton, wo die junge Studentin ein Aufenthaltsstipendium hat, ist von Wohlstand durchwabert; man verhält sich im Straßenverkehr ausgesprochen rücksichtsvoll, kauft im Biosupermarkt ein und vor allem ist man, wie Ifemelu flapsig zusammenfasst, "weiß und schlank und dünn bekleidet". Entkrausungsmittel mag es im Drugstore geben, wer sich die Haare hingegen traditionell afrikanisch flechten lassen will, muss dafür schon in einen Trentoner Stadtteil fahren, wo keine Weißen leben. Im heruntergekommenen Salon Mariama African Hair Braiding spricht Ifemelu das Unglaubliche aus: "Ich gehe nach Nigeria zurück." Von ihrer verdatterten Haarflechterin erntet Ifemelu das gleiche Unverständnis, das ihr auch engste Freundinnen entgegenbringen.

Bereits in ihrem vorangegangen Erzählband "Heimsuchungen" (2012) waren Chimamanda Ngozi Adichies Protagonistinnen Grenzgänger zwischen den disparaten Welten Nigerias und Amerikas. Ihr aktueller Roman "Americanah" ist aus der Sicht von Ifemelu und Obinze erzählt, zweier Liebender im Lagos der Neunzigerjahre. Ifemelu lässt Obinze in Nigeria zurück, um in Amerika Kommunikationswissenschaft zu studieren.

Schamgeschüttelt

Der Neuanfang gerät zur Odyssee: In den wenigen bezahlbaren Wohnungen hausen Mäuse oder nicht stubenreine Hunde, auf dem Boden liegen Schimmelteppiche aus, und auch die Suche nach Arbeit oder neuen Freunden gestaltet sich schwieriger als gedacht. Ihre weißen Mitmenschen nehmen Ifemelus Hautfarbe zum Anlass, ihr mit gekünstelter Höflichkeit oder offener Verachtung zu begegnen; weil sie keinen amerikanischen Akzent hat, spricht man zudem mit ihr, als sei sie geistig zurückgeblieben. Alles an ihr scheint plötzlich defizitär zu sein: ihre Herkunft, ihr Aussehen und alles, was sie zu sagen hat. Ifemelu vereinsamt mehr und mehr; als ihre Geldnot überhand nimmt, erklärt sie sich bereit, einem Mann für hundert Dollar dabei zu helfen, "sich zu entspannen", und bricht schamgeschüttelt den Kontakt zu Obinze ab.

Obinzes Sicht wird in Adichies Roman nur wenig Platz zugestanden, obwohl er in seiner Verletzlichkeit, seinem trotzigen Optimismus und seiner tiefen Loyalität zu Ifemelu sehr plastisch und unmittelbar sympathisch gezeichnet ist. Auch Obinze versucht sein Glück im Ausland und geht nach England, findet dort jedoch weder Anschluss noch Hilfe und nutzt die Sozialversicherungskarte eines afroamerikanischen Bekannten ("Für Weiße sehen wir alle gleich aus"), um unter falschem Namen Toiletten und Lagerhäuser zu putzen. Er will sich mithilfe einer Scheinehe sein Bleiberecht sichern, wird jedoch vor dem Standesamt festgenommen und ausgewiesen.

Obinzes Verzweiflung in der Abschiebehaft und seine niederschmetternde Ankunft in Nigeria gehören zu den stärksten Stellen des Romans. Nachdem er wie ein Verbrecher abgeführt und als Mensch zweiter Klasse in Lagos abgeliefert worden ist, trifft er auf einen Einwanderungsbeamten, der sich um sein weiteres Schicksal kümmern soll: ",Willkommen zu Hause!' sagte er gutgelaunt. . . ,Und hast du was für die Jungs?' Obinze sah ihn einen Augenblick lang an, sein offenes Gesicht, seine schlichte Weltsicht; Deportationen erfolgten jeden Tag, und die Lebenden lebten weiter. Obinze zog einen Zehn-Pfund-Schein aus der Tasche. Der Mann nahm ihn lächelnd."