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Amanda Gorman:Eine Frage der Hautfarbe

Früher Ruhm: die amerikanische Autorin Amanda Gorman bei der Amtseinführung von Joe Biden.

(Foto: Patrick Semansky/AP)

Nach Ärger im Netz muss sich Amanda Gorman eine neue niederländische Übersetzerin suchen.

Von Aurelie von Blazekovic

Weil sie "schockiert von dem Aufruhr" sei, gab Marieke Lucas Rijneveld auf Twitter bekannt, die niederländische Übersetzung von Amanda Gormans Inaugurationsgedicht "The Hill we Climb" jemand anderem zu überlassen. Rijneveld reagierte damit auf massive Kritik, die sich daran entzündete, dass sich Gorman für die Übersetzung jemanden ausgesucht hatte, der nicht schwarz ist.

Marieke Lucas Rijneveld ist 29, weiß und nicht-binär. Im vergangenen Jahr wurde der Debütroman "Was man sät" mit dem Man Booker Prize 2020 ausgezeichnet. Dem Vorschlag, Rijneveld für die Übersetzung von Gormans Werk zu engagieren, hatte das Team Gormans sofort zugestimmt, so der Verlag Meulenhoff. Die holländische Fassung von Amanda Gormans Gedicht, das sie bei der Amtseinführung von Joe Biden vortrug, kündigte Meulenhoff für den 20. März an: eine Sonderausgabe von "The Hill we Climb" und anderen Gedichten, mit einem Vorwort von Oprah Winfrey - und übersetzt von Marieke Lucas Rijneveld.

Besonders die Formulierung des Verlags, man habe mit Rijneveld eine "Traum-Übersetzerin" gefunden, erzürnte etwa die schwarze Journalistin und Aktivistin Janice Deul, die den Protest mit einer Kolumne ausgelöst hatte. In der Zeitung De Volkskrant nannte sie die Wahl Rijnevelds "eine unverständliche Entscheidung". Gormans Arbeit und Leben seien geprägt von ihren Erfahrungen und ihrer Identität als schwarzer Frau.

Marieke Lucas Rijneveld sei eben weiß, nicht-binär und laut Deul ohne Erfahrung in schwarzer Spoken-Word-Kunst. "Nichts gegen Rijneveld", so die Kritikerin, "aber warum nicht einen Autor wählen, der - wie Gorman - ein Spoken-Word-Künstler, jung, weiblich und: schwarz ist?"

Der Verlag verteidigte die Wahl Rijnevelds zunächst, betonte die Verbindungen zwischen Gorman und Rijneveld, die "beide schon in jungen Jahren internationale Anerkennung für ihre Arbeit" erhielten und sich mit Themen der Gleichberechtigung beschäftigten. Doch Marieke Lucas Rijneveld zeigte sich auf Twitter erschüttert von der Kritik: "Ich verstehe die Leute, die sich beleidigt fühlen." Janice Deul kommentierte Rijnevelds Rückzug dort knapp: "Marieke Lucas Rijneveld gibt den Übersetzungsauftrag zurück. Danke für diese Entscheidung."

© SZ/fxs
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