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Album "Jiaolong" von Daphni:Zerstreute Hoffnungen

Als Caribou gelang Dan Snaith ein echter Pop-Geniestreich. Kaum eine Party im Sommer 2010 ohne die wunderbaren Songs "Odessa" oder "Sun". Doch ist der Musiker als Daphni jetzt wieder so gut?

Alexis Waltz

Das Cover von "Jiaolong" von Daphni

(Foto: AP)

Man kann sich an kaum eine Party im Sommer 2010 erinnern, ohne an die Songs "Odessa" oder "Sun" des Musikers Daniel Victor Snaith alias Caribou zu denken. Der 1978 geborene Kanadier setzte Folk und aktuelle Clubmusik ganz neue in Beziehung. Um eine entrückte Melancholie zum Ausdruck zu bringen, benutzte er die hypnotischen Texturen von Techno und House. Caribous Debüt-Album "Swim" tauchte in allen Jahresbestenlisten vom Guardian bis zum einflussreichen Online-Dance-Magazin Resident Advisor auf.

Wirklich entschlüsseln ließ sich der Erfolg von "Swim" nicht. Mal erzeugten die fein gewebten, akustischen Grooves ein Flirren, das man aus der afrikanischen Musik kennt, mal wirkten die Stücke, als würde sich ein Jazz-Ensemble von Minimal-House-Rhythmen davontragen lassen. Über allem schwebte Caribous ätherischer Gesang, so zart wie majestätisch, so brüchig wie erhaben.

Mehr Üppigkeit und Fülle ist kaum vorstellbar, dennoch erzählen die Songs von Einsamkeit und Verlorenheit. Ähnlich wie andere, in den vergangenen Jahren gefeierte Avantgarde-Pop-Künstler wie Animal Collective, Grizzly Bear oder Hot Chip arbeitet Caribou an der Auflösung der Grenze zwischen akustischer und elektronischer Musik, zwischen Pop- und Hochkultur, zwischen Konzertsaal und Club. Bis heute ist "Swim" nicht vergessen: Radiohead machten es bei ihren Auftritten auf den großen Festivals des Sommers zu einer Bedingung, dass Caribou als Vorgruppe auftritt. In Mexiko spielte er mit seiner Band vor 60 000 Menschen. Er arbeitete mit Jamie Smith von The XX zusammen und erregte zuletzt mit einem Remix von "Night And Day" von Hot Chip Aufsehen.

Doch all das macht Caribou natürlich noch lange nicht zum Popstar. Vor zehn Jahren zog Snaith nach London, um eine Dissertation in Mathematik zu schreiben. Mit seiner großen, schlanken Figur sieht er tatsächlich ein bisschen so aus, wie man sich einen nachdenklichen Programmierer vorstellt. Es scheint auch, als habe er nur einen einzigen Gesichtsausdruck: nicht gelassen oder gar gleichgültig, aber auch nicht besorgt oder ängstlich, eher irgendetwas dazwischen. Die Virtuosität und Eigenwilligkeit seiner Musik spiegelt sich jedenfalls überhaupt nicht in seiner Erscheinung.

Bekannt wurde Snaith 2001 als Teil der sogenannten Indietronica-Szene, die Indie-Rock mit elektronischer Musik verband, die die verzuckerten Teenager-Opern der Beach Boys mit hirnzerfasernden Klangforschung von Aphex Twin zusammenbringen wollte. Dieser tendenziell eher eigenbrötlerischen Grübler-Musik hatte Caribou von Anfang an etwas voraus: Mit jedem Album suchte er neue Bezugspunkte. Und ihm lag zweifellos nichts daran, diese Einflüsse zu verschleiern. Auf "Andorra" etwa legte er 2007 Paul McCartneys Songwriting auf eine Art rhythmischen Seziertisch - und zauberte so schließlich eine eher an den Minimal-Music-Kompositionen von Steve Reich als an den paranoiden Epen Pink Floyds geschulte Psychedelik aus dem Hut.

Eigentlich Kinderspielzeuge

Auch Snaith Interesse an der Clubmusik ist keine Folge eines rauschhaften Eintauchens in das Londoner Nachtleben. Techno und House sind hier vielmehr eine Art produktiver Kontrast bei der Entstehung der eigenen Songs.

Die Hoffnung der Fans auf ein neues Opus Magnum zerstreute Snaith im vergangenen Jahr systematisch. Für die jüngsten Veröffentlichungen wählte er ein neues Pseudonym: Daphni. Anders als bei "Swim", für das sechshundert Song-Skizzen entstanden, gab es diesmal allerdings eigentlich keine Pläne für ein Album. Die neue Snaith-Platte "Jiaolong" (Jiaolong) besteht aus Bearbeitungen und Kuriositäten zusammengestellt, die ursprünglich nur Live-Sets würzen sollten.

"Swim" ging vom edel funkelnden Sound des Detroit-Techno-Helden Carl Craig aus. Craig verband Grace Jones' Disco-Hymnen mit dem verletzlichen House Larry Heards und entwickelte so eine fast intellektuelle Version des Techno. Als Daphni interessiert sich Snaith offenbar für den billigen, schmutzigen, rohen Sound der ersten House-Generation der Achtzigerjahre, die den Disco-Sound ihrer Zeit noch auf elektronischen Instrumenten nachahmten, die eigentlich Kinderspielzeuge waren. Wie so oft in der Popmusik beneidet auf "Jiaolong" also ein Profi Amateure um ihre Naivität. Ein weiteres wirklich großes Popkunstwerk entsteht daraus jedoch leider nicht. "Swim" handelte davon, dass in unserer Welt Lebendigkeit und Leere, Freiheit und Einsamkeit immer miteinander zusammenhängen. Die Musik auf "Jiaolong" entwickelt eine solche metaphorische Qualität nicht.

© SZ vom 15.10.2012/ihe
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