David Guetta - "7" (Warner)

Ja, was denn nun? Charts oder Underground? Coolness oder Käsigkeit? David Guetta will mit 50 noch einmal alles unter einen Hut kriegen, was gar nicht so leicht ist, aber probieren kann man's ja mal. Also: In den Neunzigerjahren war David Guetta noch nicht der grinsende Baller-EDM-Soundsaucen-Armwedler, als der er heute berühmt ist, und der mit all seinen berühmten Gaststars immer diese riesig große Käseparty feiert. Sondern er war noch ein halbwegs kredibler House-DJ, der in Pariser Clubs wie dem Palace durchaus coole Platten auflegte, mit Vinyl und zwei Plattenspielern. Die Sehnsucht nach dieser Zeit scheint ihn umzutreiben. Wenn man also recht bald genervt davon sein kann, wie er auf Teil eins seines Doppelalbums "7" (Warner) zum Beispiel "Tom's Diner" von Suzanne Vega zu seiner üblichen Guetta-EDM-Ballersound-Sauce verarbeitet, oder wenn man fast schon Respekt vor der unerschrockenen Schrecklichkeit haben muss, mit der er allen Ernstes "Time to Say Goodbye" von Sarah Brightman und Andrea Bocelli als Baller-EDM-Reggaeton covert ("Goodbye" feat. Nicki Minaj & Willy William), dann hört man sich eben lieber den zweiten Teil von "7" an. Auf dem beweist er, dass er sich an all die coolen House-Hits der Neunziger, die er einst auflegte, noch erinnert. "Reach for Me" von den Murk Boys zum Beispiel, oder "House Music" von Eddie Amador. Leider klingen seine neu gecoverten beziehungsweise anzitierten Versionen aber auch nicht mehr so richtig nach Underground, sondern eher nach dem, was sich ein russischer Yachtbesitzer unter Underground vorstellt, oder es kann auch ein französischer Yachtbesitzer sein. Aber wenn diese aufgemotzten, feisten Tracks ein paar Guetta-Fans dazu animieren könnten, sich danach auch mal rückwärts durch die Geschichte der Dance-Music bis zu den Originalen durchzuhören, dann hätte die Übung ja auch etwas Gutes gehabt. Von Jan Kedves

Bild: WMA 14. September 2018, 05:132018-09-14 05:13:56 © SZ.de/doer