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Alben der Woche:Nicht zu verwechseln mit Filmmusik für Pornos

Morcheeba

Grooven immer noch geschmackvoll zwischen Schläfrigkeit und Tagtraum herum: "Morcheeba".

(Foto: Kartel Music Group)

Neue Musik von "Morcheeba", St. Vincent, Paul Weller, "The Black Keys", Magic Island, Maurice Summen und der Erkenntnis: "Alles tut www."

Morcheeba - "Blackest Blue" (Fly Agaric/Indigo)

Ein außerordentlich kluger Mensch sagte über Morcheeba einst, sie machten Hipster-Fahrstuhlmusik. Der Markt dafür ist inzwischen sehr klein, weil es unter den heutigen Fahrstühlen kaum noch Hipster gibt (die sexy Paternoster wurden aus Sicherheitsgründen ja fast alle ausgemustert). Zum Glück sind auch Morcheeba selbst keine Hipster mehr. Aber sie grooven immer noch geschmackvoll zwischen Schläfrigkeit und Tagtraum herum. Anders gesagt: Sie machen auf ihrem neuen Album "Blackest Blue" (Fly Agaric/Indigo) music to watch porn to. Nicht zu verwechseln mit Filmmusik für Pornos. Letztere soll ja vor allem möglichst wenig bei der Verrichtung stören. Musik, zu der man und frau Pornos schauen kann, verleiht den Bildern dagegen, nun ja, Tiefe. Und eine gewisse Kunstinstallationshaftigkeit (ja, dieses Wort existiert aus Gründen der Sprachschönheit nicht, deshalb musste es an dieser Stelle aus Gründen der Sprachhässlichkeit erfunden werden). Allerdings wäre es gemein, Morcheeba nur das Label Porno auf die Stirn zu kleben. Auch wenn das gar nicht negativ gemeint ist. "Oh oh yeah" zum Beispiel (ja, der Titel klingt nach Klimax) schleppt sich in mit Prickelgitarre aufgespritzter Schwüle dahin, dass es eine wahre Pracht ist. Es sei aber hinzugefügt, dass "Namaste" auch ein paar Melodien von geradezu jungfräulichem Liebreiz bietet. Juliane Liebert

The Black Keys - "Delta Kream" (Nonesuch/Warner)

Wenn noch ein weiterer Beweis nötig gewesen wäre, wäre er jetzt erbracht. Die Black Keys sind die Hardcore-Blues-Nerds unter den wenigen verbliebenen jüngeren Stars der Rockmusik. Mit ungewöhnlich unverstaubten, zauberhaft frisch rumpelnden Blues-Rock-Hits wurden sie weltberühmt. Ihr neues, zehntes Studio-Album "Delta Kream" (Nonesuch/Warner) ist nun schon das zweite, auf dem ausschließlich Blues-Cover zu hören sind. Nicht die Bekannten aus dem klassischen Blues-Katalog. Das Album ist vielmehr so etwas wie der vorläufige Höhepunkt der Kanonisierung des Mississippi Hill Country Blues - einer bislang vernachlässigten Blues-Variante.

Es spricht dabei für die Musik-Historiker Dan Auerbach und Patrick Carney, dass sie, wie schon auf "Chulahoma" auch auf "Delta Kream" im Grunde vor allem versuchen, bei ihren Versionen von John Lee Hooker "Crawling Kingsnake", R.L. Burnside "Poor Boy a Long Way From Home", Ranie Burnettes "Coal Black Mattie" oder Kimbroughs "Stay All Night" so originalgetreu wie möglich zu klingen, nur mit etwas mehr Bass- und Beat-Wumms. Die ganz große Hommage. Deep Blues. Eine ehrfürchtige Verneigung. Und die formvollendet belegte Forderung an alle (weißen) Ignorantinnen und Ignoranten auf Aufnahme des Mississippi Hill Country Blues und seiner Meister und Großmeister in den Pop-Kanon. Es ist überfällig. Jens-Christian Rabe

Hier eine ausführliche Rezension von "Delta Kream"

Magic Island - "So Wrong" (Mansions and Millions/Cargo Distribution)

Die musikalische Disziplin Rhythm 'n' Nebel muss sowieso nicht primär erotisch konnotiert sein. Das beweist Magic Island. Die kanadische Berlinerin tendierte mit ihrer Musik bisher eher zum Nebel, auch Dream Pop genannt, jetzt hat sie den Rhythm entdeckt. Und zwar in Gestalt des Hip-Hop-Produzenten Phong. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist "So Wrong" (Mansions and Millions/Cargo Distribution). Das Album beherbergt Tracks, die mal eher an Eighties-Pathospop erinnern, dann wieder tief in die Trap-Bässe greifen. Dazu werden schon mal erdverbundene Textzeilen wie "Bury Me Alive" gesungen. Veredelt von Magic Islands gesanglichem Talent für dramatische Tremolotupfer, ist "So Wrong" ein hübsches Dream-R'n'B-Album geworden. Mit Herzschmerz, Neuköllner Lebensfreude und Lebendigbegrabenwerden. Kurzum: mit allem, was einem den Frühling am Rande des Lockdowns versüßen kann. Juliane Liebert

Maurice Summen - "Paypalpop" (Staatsakt/Bertus/Zebralution)

Maurice Summen schaut sich derweil "alte Fotos" an. Das hat er wohl den "jungen Menschen" voraus. Man muss sich ja an das klammern, was man hat. Katzen. Zweitmänner und Drittfrauen. Heizkissen. Oder alte Fotos eben. Aber Maurice Summen würde sich niemals mit Triumph-Pop über die besitzlose Jugend zufriedengeben. Er ist mit allen Wassern des Waschlappenwitzes gewaschen. Er macht "Paypalpop" (Staatsakt/Bertus/Zebralution), wie auch sein neues Album heißt. Denn er ist inzwischen alt (genug für alte Fotos) und braucht das Geld. Für die Credibility ist mindestens ein musikalisches Readymade nötig. Das steht gleich an zweiter Stelle des Albums und heißt "Organic". Analog getünchte Synth-Arpeggien, mit Orgelchords akzentuiert und hemmungslos mit dem Einkauf im Biosupermarkt vollgestellt. Fertig ist das Ausstellungsstück. Natürlich - beziehungsweise besser: unnatürlich - dürfen auch die Auto-Tune-Orgien nicht fehlen. Ob mit oder ohne Ironie und Wolkenkuckucksmetaebene - es bleibt leider Auto-Tune. Bedauerlicherweise hat das den deutschen Intelligenzpoppern noch niemand gesagt. Inzwischen sind die Bayreuther Festspiele mutmaßlich der letzte Ort auf dem Planeten, wo ohne Auto-Tune gesungen wird. Wie dem auch sei, "alles tut www" ist trotz digitalem Stimmgeeier ein sehr lieber Song geworden, weil der www-weh-Kalauer hier die Abkürzung zur Wahrheit ist. Es tut ja wirklich alles dreifach weh. Und seine Gastmusikerin Girlwoman singt das hübsch mit sich selbst in Plastikharmonien. Auch der kulturwissenschaftlich ambitionierte Promotext kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Summens Quatschgenie manchmal mehr Quatsch als Genie produziert. "Hey Autos" zum Beispiel lahmt trotz Hoppelbeat. Insgesamt ist "Paypalpop" aber ein hintergründig bescheuertes Vergnügen geworden. Juliane Liebert

St. Vincent - "Daddy's Home" (Virgin Music)

Annie Clarke alias St. Vincent ist die Rollenspielerin unter den Indiepop-Stars der Gegenwart. Gerade eben noch auf "Masseduction" sardonisch-nihilistische "Domina in der Irrenanstalt, sexy, aber verschlagen", auf "Daddy's Home" jetzt "Benzo Beauty Queen", also Miss Supercool aus den Siebzigern, mit blondem Bob, Perlenkette, silbernen Plateau-Schuhen und zottligem beigen Oversize-Flokati-Umhang. Also ungefähr in der Mitte zwischen Samson aus der Sesamstraße und Uma Thurman in "Pulp Fiction". Und ziemlich genau so klingt das Album auch. Warmer, zurückgelehnter funky Seventies-Softrock, samt Wah-Wah-Gitarren, Steeldrum-Geklöppel und stolpernden E-Orgel-Tupfern. Zugleich große, retromanische Verbeugung vor dem Sound der Zeit und liebevolle Parodie. Jens-Christian Rabe

Paul Weller - "Fat Pop (Volume 1)" (Polydor/Universal Music)

Paul Weller hat über sein Lockdown-Album "Fat Pop (Volume 1)" (Polydor/Universal Music) gesagt, dass jeder Song als Single funktionieren würde, und er hat nicht untertrieben. "I just exist on my own, on my own", singt er in "Cosmic Fringes". Die Songs sind allerdings gesellig und so energiegeladen, dass sie sich eher wie ungeduldig von Wand zu Wand springende Bälle anfühlen, die es kaum erwarten können, das Fenster einzuschlagen, damit endlich Luft reinkommt. Es ist an der Zeit! Juliane Liebert

© SZ/biaz
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