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Alben der Woche:Der Soundtrack für die Outdoor-Jacke

Das neue Album von Machine Gun Kelly klingt ein bisschen nach Blink 182 und ein bisschen wie Mickey Maus auf Helium. Und die Fleet Foxes hauen ein Überraschungs-Album raus - Naturkitsch-Eskapismus garantiert.

Von den SZ-Popkritikern

6 Bilder

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Quelle: AP

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Fleet Foxes: Shore (Anti)

Mit einer Mischung aus hymnischen Chören, warmen Harmonien und einigen wirklich berauschend schönen Songs inspirierten die Fleet Foxes Ende der Nullerjahre einen Indie-Folk-Boom. Inspiriert von dem Quintett aus Seattle traten etliche höfliche, junge Menschen mit Akustikgitarre und mehrstimmigem Gesang an für das Urtümliche, Wahre und Schöne im Pop. Die Pioniere um Sänger und Songwriter Robin Pecknold haben nun ihr viertes Album "Shore" veröffentlicht und anders als im Jahr 2008 klingen sie eigentlich nicht. Man kann darin ein Zeichen für einen unverkennbaren Stil und durchgehend hohe Qualität sehen, oder sich in der Ansicht bestärkt fühlen, dass der Indie-Folk heftig schwächelt (abgesehen vielleicht von zwei musikalischen Großtaten von Big Thief im vergangenen Jahr). "Shore" hat zweifellos seine Momente, allerdings gibt's in der sonnigen und gänzlich entpolitisierten Welt der Fleet Foxes zu viel Naturkitsch-Eskapismus. Und wenn dann auch noch Vogelgezwitscher einsetzt, fühlt man sich endgültig wie im Soundtrack eines Werbefilms für Outdoorjacken.

Moritz Fehrle

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Quelle: NATHAN JAMES

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Machine Gun Kelly: "Tickets to my Downfall" (Interscope)

Machine Gun Kelly ist ein Rock-Rapper, der viele Tattoos trägt und sich nach einem Mafia-Gangster benannt hat. Spätestens seit XXXTentacion erklärte, Kurt Cobain zu verehren, geht ja das Gerücht, Grunge und Rap hätten in einer wilden Affäre den glamourösen Yung Dirty Bastard eines neuen Musikgenres gezeugt. Beglaubigen müssen das in der Regel ein paar am Computer künstlich verrauschte Klampfakkorde in Moll und trauriges Auto-Tune-Geheule. Dass es bei Grunge eigentlich nicht ums Pathos der Desillusion ging, sondern darum, die dem Wohlstand verfallene alte Tante Rockmusik zu neuem Leben zu erwecken, indem man ihr die Klunker wegnimmt, gerät dabei in Vergessenheit. Geschenkt. Denn Machine Gun Kelly hat sein neues Album "Tickets To My Downfall" (Interscope) von Travis Barker, dem Drummer von Blink 182, produzieren lassen, weshalb es über weite Strecken von einem Blink-182-Album nur schwer zu unterscheiden ist. Grunge-Verdacht im oben genannten Sinn könnte allenfalls aufkommen, wenn in "Forget Me Too" irgendwas so herzzerreißend jault, dass man glaubt, eine depressive Micky Maus wolle sich mit einer Überdosis Helium das Leben nehmen. Es ist dann aber doch nur die Sängerin Halsey. Was hat man ihr angetan? Wir werden es nie erfahren, aber dafür sind diese Woche zwei, nein drei sehr unterschiedliche musikalische Hoffnungsschimmer am Firmament herumgehuscht.

Juliane Liebert

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Quelle: SZ

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Unbite: "Fang" (Antena Krzyku)

Auf dem kleinen polnischen Label Antena Krzyku ist schon vor zwei Tagen das Album "Fang" der deutschen Noiserock-Band Unbite erschienen. Und "Fang" hat soviel Kraft und Biss, dass es die fast tote Lykke Li mit Leichtigkeit aus dem Pool fegt. In "Firestarved" treffen Sonic Youth und Riot Grrl Power aufeinander. Es sollte definitiv mehr Noiserock mit weiblichen Frontfrauen geben. Daniela Schübels fast mädchenhafte Stimme hält die Gewalttätigkeit der Musik zusammen, ohne sie abzumildern. Sie beschwört, erzählt, feuert die Instrumente an wie eine Schwarzmagierin im Zentrum des Sturmes. Die Kraft und rohe Leichtigkeit, mit der die Stuttgarter ihre Songs mit Fleiß gegen die Wand fahren, würde Grunge-Produzent Steve Albini sicher Freude bereiten, wenn er sich mal nach Stuttgart verirren würde. Überhören würde er die drei mit Sicherheit nicht.

Juliane Liebert

Roisin Murphy live beim Sommernachtstraum im Olympiapark München 20 07 2019 *** Roisin Murphy live

Quelle: Stefan M. Prager/imago images

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Roisin Murphy: "Roisin Machine" (Skint Records/Warner)

Und dann gibt es noch Roisin Murphy. Roisin Murphy ist seit mehr als zwanzig Jahren einzigartig im Glitzerpop. Ihre Musik ist gleichermaßen eingängig und versponnen, klang nach Club und doch irgendwie unnahbar, wie im White Cube produziert, um sie auch genau dort zu hören, während interessante schöne Menschen vorbeiflanieren. "Roisin Machine" (Skint Records/Warner) überrascht dagegen mit Disco-Funk. Stilbewusst ist der natürlich trotzdem, aber hier kommt der Stil aus den Beinen, nicht vom Konzept. Gut so. Wenn uns die Seuche auf Abstand hält, muss wenigstens die Musik körperlich sein. Die Diva mag übers funkige Stampfen "This is the simulation" hauchen, dabei ist es nichts als die Wahrheit. In "Kingdom Of The Ends" bugsieren einen dünne Achtziger-Bässe und Synthies zwar erst einmal in "Blade Runner"-Gefilde und "Something More" stapft ultracool durchs selbe Jahrzehnt, doch auf den nächsten Songs übernimmt wieder der Groove. Zusammen hält's Murphys famose Stimme. Und man versteht: Die Distanz bleibt wichtig. Aber sie ist sexy, nicht arty. Höflich, nicht abweisend. Roisin Murphy tritt niemandem zu nahe. Sie lässt jede in ihrem Kokon tanzen.

Darüber sollte man dann auch schnell wieder vergessen, dass Van Morrison am Freitag den ersten von drei Songs gegen die Corona-Regeln veröffentlicht, "No More Lockdown". Er behauptet darin - im Namen der Meinungsfreiheit natürlich -, dass die Virologen Fakten erfinden und "fascist bullies" an der Macht seien.

Juliane Liebert

Idles -  ´Ultra Mono"

Quelle: dpa

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Idles: "Ultra Mono" (Partisan)

Wir sind alle gerettet. Wir müssen nur Jon Beavis die Probleme der Welt anvertrauen, er wird sie lösen. Wer so Schlagzeug spielt, kann alles. Auf "Ultra Mono", dem neuen Album der Idles, haut Beavis nach genau einer Minute und 32 Sekunden ein paar Takte raus, so unfassbar brachial und zugleich präzise, so atemberaubend in seiner Energie und Angriffslust, dass man dem Mann auch zutrauen würde, im Alleingang den Corona-Impfstoff zu finden oder Trump aus dem Amt zu tragen. Zu hoch gegriffen? Ein kleines bisschen, vielleicht. Aber der Hochdruck-Presslufthammer-Post-Punk, den Beavis und die Idles auf ihrem dritten Album spielen, hat die Kraft, für Momente alle Gedanken an Trump und Corona wegzublasen. Wütend wilde Wucht, Frontalangriff. Dazu deklamiert Sänger/Schreihals Joe Talbot große Zeilen über Gesellschaft, Gott und Gewalt. Aber: rührend, dass er in all der Wut und all dem Lärm dann doch auch oft von Liebe singt, von Wärme und Hoffnung - und was könnten wir alle gerade besser brauchen als ein bisschen Hoffnung?

Max Fellmann

Fleet Foxes

Quelle: Shawn Brackbill/Warner Music/dpa

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Zurück mit einem Überraschungsalbum für den Herbst: die Fleet Foxes. Naturkitsch-Eskapismus garantiert.

© SZ/khil

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