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Alben der Woche:Die nackte Wahrheit

Christina Aguilera übt sich in weiblicher Selbstermächtigung. Und bei Ex-Smiths-Gitarrist Johnny Marr dengeln die Songs so verweht dahin, als sei für alle Zeit 1985.

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Johnny Marr - "Call The Comet" (Rykodisc/Warner)

Johnny Marr - "Call The Comet"

Quelle: Rykodisc/Warner

Johnny Marr, einst Songwriter und Gitarrist der Smiths und Genie des supersmarten Achtzigerjahre-Dandy-Dengel-Indie ("How soon is now?"), wurde anlässlich seines am Freitag erscheinenden neuen Solo-Albums "Call The Comet" (Rykodisc/Warner) vom Londoner Guardian gefragt, was denn sein jüngeres Selbst eigentlich davon halten würde, dass er heute nicht nur Nichtraucher und Antialkoholiker, sondern auch noch Veganer und Langstreckenläufer ist. Ganz einfach, so der 54-Jährige, sein jüngeres Selbst fände das alles gut. Abgesehen davon sehe er sich überhaupt nicht als saftlosen Abstinenzler. Im Gegenteil: Sein Lebensstil mache ihn radikaler. Weil: "A middle-aged musician nursing a hangover in his mate's dressing room is a dead duck." Ein alternder Musiker, der einen Hangover im Ankleidezimmer seiner Freundin auskuriert, ist eine tote Ente. Kann man es schöner sagen? Anders als beim ideologisch ewig irrlichternden Smiths-Komplizen Morrissey irritiert bei Marr jetzt nur noch sein wirklich grotesk tiefschwarzes Haar. Passend dazu dengeln die neuen Songs wie "Hi Hello" oder "Walk Into The Sea" allerdings so verweht vor sich hin, als sei einfach für immer alle Zeit 1985.

Jens-Christian Rabe

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Christina Aguilera - "Liberation" (Sony Music)

Christina Aguilera - "Liberation"

Quelle: Sony Music

Im Pop wirken zwei sehr gegenläufige Strömungen. Zum einen ist da die Sucht nach Glitzer und Bling, nach Verschleierung und Verzauberung, nach Überhöhung. Zum anderen ist da der Drang hin zum Echten, Wahren, Unverfälschten. Weshalb sich große glitzernde und blingende Künstlerinnen und Künstler von Zeit zu Zeit selbst entschleiern und entzaubern. Alicia Keys hat das zuletzt so gemacht, auf ihrem Albumcover zeigte sie sich gänzlich ohne Make-up. Und jetzt also Christina Aguilera. "Liberation" (Sony Music), ihr erstes Album seit sechs Jahren, verströmt aus jeder ungeschminkten Pore das Versprechen nach der Wahrheit und nichts als der Wahrheit. Musikalisch schmettert sich Aguilera von allen Seiten an den zeitgenössischen Pop heran, also an irgendwie alles zwischen Trap-Getrappel und Bluesrock. Zwei Songs hat Kanye West produziert, es ruckelt und zuckelt in ihnen ein bisschen mehr als auf den anderen. Zwei Mini-Sommerhits sind auch dabei. "Maria" und "Fall In Line". Letzteres ist ein schönes Statement weiblicher Selbstermächtigung. Was gut, richtig und wichtig ist. Aber: Aguilera hat das vor 16 Jahren auf Songs wie "Fighter" und "Beautiful" selbst schon mal besser gemacht. Wie hieß die Platte damals noch gleich? Ach ja, "Stripped". Die nackte Wahrheit.

Julian Dörr

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Stuart A. Staples - "Arrhythmia" (City Slang)

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Quelle: SZ

Stuart A. Staples, im Hauptberuf Kopf der britischen Indiefolkrockband Tindersticks, hat sein viertes Soloalbum aufgenommen. Es heißt "Arrhythmia" (City Slang) und klingt, als habe Staples seine Herzschlagfrequenz für die Dauer der Aufnahmen einfach kurzerhand halbieren lassen. Das Album strahlt dabei insbesondere auf Songs wie "Step Into The Grey" eine merkwürdig zähflüssige Ruhe aus, die einen ganz kurz vor dem Moment, in dem man glaubt, genervt abschalten zu wollen, doch packt. Oder vielmehr: ganz, ganz, ganz langsam zu sich herunterholt. Was es allerdings zu bedeuten hat, dass man sich dennoch irgendwann wünscht, Staples hätte - wie zuletzt Kurt Wagner von Lambchop - seinen Gesang mit Autotune leicht roboterhaft verflattert, darüber kann hier jetzt leider auf keinen Fall noch schnell etwas geschrieben werden. Unmöööööglich.

Jens-Christian Rabe

© SZ vom 13. Juni 2018/SZ.de/doer/biaz

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