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Alard von Kittlitz' Debütroman:Das unverlangte Geschenk der Evolution

"Sonder" von Alard von Kittlitz ist der Bildungsroman für die Epoche des technisch erweiterten Bewusstseins und der internationalen Konzerne, die es herstellen.

Von Fritz Göttler

Seht also, heißt es immer wieder in diesem Buch, eine Aufforderung, eine Formel, mit der der Erzähler jede der kleinen Geschichten beendet, mit denen er die große Geschichte, um die es hier geht, unterbricht, reflektiert, konterkariert. Als Zwischengang gewissermaßen. Geschichten von etwa einem halben Dutzend Menschen, die am Rande des Geschehens auftauchen, zufällig, unbemerkt, unscheinbar, und die Bizarres, Tristes, auch Gespenstisches erleben. Seht also, "kaum jemand weiß von der Geschichte, und niemand sieht sie ihm an, und doch ist auch er nur einer von uns, unter uns".

Seht also, das ist die Pose eines Predigers oder auch eines Moritatensängers, sie suggeriert Nähe und Distanz zugleich. Das Unaussprechliche ist all diesen Menschen begegnet - so könnte man durchaus das Genre der klassischen Novelle definieren. "Es gibt im Englischen einen interessanten Ausdruck: sonder", erklärt der Erzähler. "Sonder bezeichnet die plötzliche Erkenntnis, dass all die anderen Menschen um einen herum ebenfalls komplett existieren, dass die also Erinnerungen, Gefühle, Gedanken, halt ein ganzes Leben haben, ein Zuhause, einen Geruch, ein Verhältnis zu ihrem Selbst, Überzeugungen, Wünsche. Und dass man in deren Dasein gerade auch bloß ein Statist ist."

Was ein Statist ist oder eine Hauptfigur, das wird in diesen Kurz-Geschichten verhandelt, und ob es das überhaupt gibt, einen Menschen, der handelt, bewusst handelt. Es geht um Erlebnisse und Begegnungen im Selbstmörderwald von Aokigahara am Fuß des Fujiyama oder im Louvre in Paris. Um eine Ökoterroristin oder einen Banker, der auf den Erzengel Gabriel stößt, eine höllisch eisige Begegnung, bei der ihm Finger und Zehen abfrieren. Und es geht, das ist die "große" Geschichte, um Peter Siebert, der in der sehr nahen Zukunft lebt, in der die Pandemie als Krise vorbei ist und die Welt sich eingerichtet hat mit Vorsorge und Quarantäne.

The Neuralink surgical robot is seen at this undated handout image

Eine Erfindung aus seinem Roman erkannte der Autor Alard von Kittlitz neulich in der Realität wieder, als Elon Musk sein Projekt Neuralink vorstellte: Musk will es schaffen, dass Computer Gedanken lesen und Gedanken Computer steuern können. Und ein solcher Roboter soll die dazugehörige Technik ins Gehirn implatieren.

(Foto: Woke Studio/ Neuralink/via Reuters)

In Neuseeland geht es los, im Pepsi-Cola-Hauptquartier dort. Gleich zu Beginn wird Peter gefeuert, aber nur um sofort - überraschend, aber sicher nicht zufällig - ein traumhaftes Job-Angebot zu bekommen, vom geheimnisvollen litauischen Start-Up-Milliardär Drew Itautis.

Sein Player sucht ihm die richtige Musik aus, seine Weedboutique verschafft ihm passende Ekstasen

Als Produktdesigner hat Peter einen gewissen Ruf aufgebaut, die Welt ist völlig durchschau- und berechenbar für ihn, mit seinem sechsten Sinn für das, was die Menschen wollen und wünschen, dies diffuse Gemenge der Begierden und Wünsche. Ein Taste-Scent-Blender-Brander, nennt ihn Anne ironisch, das Mädchen, das er in der Bar am Flugplatz von Los Angeles trifft, auf seinem Weg ins Reich von Itautis. Ein monströser Begriff, ein monströses Angebot, ein monströses Projekt. Peter wird schnell erfahren, dass er keine Hauptfigur ist im Spiel von Drew Itautis.

Alard von Kittlitz ist 1982 in Jakarta geboren, wuchs in Indonesien, Indien, Äthiopien und Deutschland auf, studierte Geschichte und Philosophie, absolvierte ein Managerstudium in Cambridge, hat Reportagen für das Neon-Magazin geschrieben und arbeitet jetzt für die Zeit. "Sonder" ist sein erster Roman, ein Experiment aus dem Grenzbereich von Reportage und Erzählung, der zur Zeit stark diskutiert wird. Alles muss nun Story und Geschichte werden, und die Frage ist, wodurch die beiden Schreibformen sich unterscheiden und zugleich inspirieren, und was ihr Verhältnis sein mag zur Realität. Wie viel Distanz das Erzählen braucht und wie viel Emotion beim Berichten zulässig ist.

Peters Geschichte hat, von Anfang an, den Aufbruchsgeist und die Dynamik eines Bildungsromans, mit all den Hoffnungen und Enttäuschungen und Täuschungen des Genres. Ein Held, flexibel und unabhängig, mit wenig sozialer Verankerung nur - er hat einen Bruder, der auch ein Kumpel ist, eine Mitarbeiterin, die seine Termine regelt, einen Psycho-Coach, den er regelmäßig per Telefon kontaktiert. Ein Held, der impulsiv ist, Peter geht wahnsinnig spontan bei Musikstücken mit, die sein Player ihm aussucht, das Cannonball Adderly Quintet zum Beispiel, aber auch JBS, also Johann Sebastian Bach, und oft hilft ihm ein bisschen Stoff dabei, besonderer, exklusiver Shit natürlich. Marechal Petard heißt die kleine Weedboutique in Los Angeles, wo er den kriegt, für die tollsten Ekstasen, for your particular tastes, wie der Verkäufer ihm erklärt? Als da wären: Eyes Wide Shut - complete focus. Jay Esbee - big music. Osho - freezes time.

Er beneide die Tiere, sagt der Start-Up-Milliardär: "Dasein ohne Ahnung des Endes."

Jay Esbee, das steht natürlich für JSB, Johann Sebastian Bach. Die Namen sind Programm, und der Mann, der die Träume der Welt organisieren will, ist selbst ein großer Träumer. Ein Insider, der immer Außenseiter bleibt, einer, der nirgends heimisch werden kann. Aufgewachsen ist er in Othmarschen, dem großbürgerlichen Hamburger Villenviertel, in dem seine Familie sozial nie wirklich integriert war. Haribo-Schlümpfe oder Erdnussflips kann Peter exakt kalkulieren, dafür erfolgreiche Werbestrategien konzipieren. An die großen Sachen ist er noch nicht herangekommen, Autos, Handys, Spielkonsolen. Mit Drew Itautis hofft er, in die Welt der großen artifiziellen Produkte einzutreten, die, das merkt er nur allmählich, eine artifizielle Welt ist.

Alard von Kittlitz: Sonder. Roman. Piper Verlag, München 2020. 319 Seiten, 22 Euro.

In einer imaginären Welt spielt auch die erste abzweigende Geschichte, der erste Zwischengang. Sunmyra ist eine Game-Welt, inspiriert durch das Fürstentum in Ernst Jüngers "Auf den Marmorklippen". Ein Reich, wo zahlreiche Gamer sich tummeln, ein selbstbezogener, esoterischer Stamm, der sich dort gut aufgehoben weiß, und der einem Neuling gemein den Eintritt verwehrt. Sein Avatar wird auslöscht. Die Rache ist ebenso gnadenlos und brutal, durch langwierige Reihen von Klicks und Eingaben an seinem Rechner verabreicht der Ausgegrenzte den Avataren seiner Mitspieler ein Gift, das alle in einer bodenlosen Leere erwachen lässt. Eine verstörende, herzzerreißende Geschichte über das Existieren und Spielen, das Spiel der Existenz, jenseits unserer Existenz.

Das Aufwachen ist das Dilemma der Menschheit, das Bewusstwerden, das unverlangte Geschenk der Evolution. Er beneide die Tiere, sagt Drew Itautis: "Der Segen des Nichtbewusstseins. Dasein ohne Ahnung des Endes." Animal grace. Aus diesem Dilemma kann nur ein Sprung in der natürlichen Evolution erlösen, ein Push in den outer space der Intelligenz. Aber die Menschheit hat nur noch wenig Zeit dafür. "Also muss man beschleunigen. Und da gibt es zwei Baustellen. Die anorganischen und die organischen Denkräume. Computer und Gehirne, AI und kortex. In beiden Bereichen muss dringend viel geschehen, und beide Bereiche müssen, nach Möglichkeit, auch synchronisiert, zusammengeschlossen werden."

Kann man nach Nietzsche noch Romane schreiben, scheint dieses Buch zu fragen

Im Thriller der globalen Epoche, der Internet- und Facebook-Welt sind nicht mehr Politik und ihre Geheimdienste die Drahtzieher skrupelloser, amoralischer Manipulation, sondern internationale Konzerne und Start-Ups. Ganz genregerecht wird im Roman von Alard von Kittlitz die Naivität des Helden überkompensiert durch die eloquente Gewandtheit, mit der sein Erzähler ihn durch die undurchsichtige Handlung bugsiert. Man kennt das aus den großen modernen Erzählstücken von Robert Musil und Heimito von Doderer, dieser unerhörte Wechsel von großen Weltzusammenhängen und kleinsten Details, diese Mischung von Leutseligkeit und Ernst, Tiefsinn und Geschwätzigkeit. Diese Empathie, die manchmal erschreckend herablassend wirkt. Der Bildungsroman ist ein strikt paternalistisches Genre, in der Fürsorglichkeit, mit der er seinen Helden festzurrt in seinem Geschick, er markiert das Ende der Postmoderne, aber auch die Hoffnung auf einen Neubeginn.

Kann man nach Nietzsche noch Romane schreiben, scheint dieses Buch zu fragen: "Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?"

Das Nichts, in das Peter am Ende verschwunden sein könnte, ist mit der Musik von Jay Esbee verbunden: "Eine Musik, die weder Ja noch Nein, weder Licht noch Dunkel zu sagen scheint, sondern von der Berührtheit des Bewusstseins durch das Sein, der Berührtheit des Seins durch das Bewusstsein kündet ..."

© SZ vom 18.09.2020

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